„Es gibt so viele Kriterien, nach denen man eine Frau bemessen könnte“, sagte der alternde Mann. „Die Äußerlichkeiten sind Anhaltspunkte, aber nicht mehr. Das weiß ich schon lange. Aber wie lange muss ich eine Frau kennen, um beurteilen zu können, ob sie die Richtige für mich ist?
Ich hatte so viele Versuche. Ich habe sie ein Leben lang nicht gefunden. Allzuviel Zeit habe ich nicht mehr.“
„Du erkennst sie an dem Leuchten in den Augen“, sagte der uralte Mann, dessen Leben nur noch gut dazu war, anderen mit seiner Weisheit zu dienen.
„Ich habe schon viel Glanz in Frauenaugen gesehen“, sagte der alternde Mann. „Frauenaugen leuchten, glänzen und erlöschen wieder. Irgendwann sind sie länger erloschen als glänzend. Wie lange muss ich sie beobachten, um festzustellen, ob ihre Augen permanent leuchten oder nur, weil sie für den Augenblick glücklich sind?“
„Frauenaugen glänzen oder erlöschen durch ihre Männer“, sagte der Uralte Mann. „Erloschene Frauenaugen kannst du wieder zum Leuchten bringen, wenn du für sie der Richtige bist. Bist du nicht der Richtige, ist sie für dich nicht die Richtige. Schon, weil du ihre Augen nicht zum Leuchten bringen kannst.“
Der alternde Mann wusste nun, weshalb es ihn stetig zu jungen Frauen zog. Weil deren Augen glänzten. Wenn aber das Leuchten in den Augen junger Frauen nur dadurch zu erklären war, dass sie noch keinem für sie falschen Mann begegnet waren, musste es doch möglich sein, eine passendere Frau zu finden, die beständigen Glanz in den Augen hatte. Und sei es nur dadurch, dass die Leuchtkraft ihrer Augen noch durch keinen Mann gelöscht worden war.
Der alternde Mann begegnete der alternden Frau, nachdem er vielen jungen Frauen begegnet war. Sie hatte Glanz in den Augen, und er spürte darüber hinaus, dass sie die Richtige für ihn war, weil ihm alles an ihr gefiel. Doch manchmal erlosch der Glanz in ihren Augen. Vor allem, wenn sie von ihren Männern sprach.
Es war Anspruch und nicht Liebe.
Wenn er mich liebte, beanspruchte er mich.
Und weil er mich beanspruchte,
liebte er mich nicht.
„Ich möchte dich lieben“, sagte der alternde Mann. „Ich kann dich nicht lieben, solange ich nicht weiß, ob du die Richtige für mich bist, und ich rate dir, mich ebenfalls nicht zu lieben, solange du nicht genauer weißt, ob ich dich beanspruche.
Sag mir, weshalb deine Augen glänzen, wenn wir uns küssen, und warum sie erlöschen, wenn ich dich an mich drücke und dich fordere.“
Sie erzählte ihm wieder von ihren Männern, und der alternde Mann lauschte und fragte sich, weshalb es ihn nicht störte, wenn sie von ihren Männern sprach:
Sie verglich nicht, sondern erzählte von ihren Leiden. Deshalb störte es ihn nicht.
Er sah sich und sah nicht mich.
Wenn er mich sah, sah er sich in mir.
Und weil nur wenig von ihm in mir zu sehen war
sah er zuwenig von mir.
Nachdem der alternde Mann lange zugehört hatte, fasste er einen Entschluss.
„Es ist dein Leben“, sagte er. „Es ist deine Seele und dein Körper. Du weißt am besten, was für dich gut ist. Ich bin bereit, dir zu folgen, denn du bist es mir wert.
Ich werde dich nicht mehr fordern. Fordere dich selbst, aber du wirst den richtigen Zeitpunkt allein erkennen müssen, an dem du dich fordern musst.“
Der alternde Mann forderte sie nicht. Er schloss die Augen und genoss ihre Küsse. Er lächelte sanft und genoss ihre Worte. Sein Innerstes zerfloss in Gold und er genoss ihre Seele. Er nahm wahr, wie sie begann, die Distanz zwischen ihren Seelen und Körpern zu verringern, und freute sich, aber er forderte nicht die Wiederholung. Er liebkoste sie, aber er verfolgte keine Strategie, mit der er sie dazu hätte bringen können, das von ihm zu fordern, was er gern von ihr gefordert hätte. Womöglich zu einem Zeitpunkt, der ihm passte und nicht ihr.
Sie eroberte sich selber. Sie fordert nun beide und geben gern. Beide wissen nun, dass sie die Richtigen füreinander sind.
Beider Augen leuchten nun.
© Jürgen Berndt-Lüders
