Ich bin aufgewachsen in einer Neubau- Genossenschaftswohnung, die sich in einem Block mit 3 Eingängen und 8 Wohnungen pro Eingang befand. Wir Kinder hatten unsere wahre Freude an der schönen, neuen Wohnung und vor allem an dem direkt nebenan liegenden Park. Unsere Eltern waren auch glücklich mit der Wohnung. So hätte die Welt für alle in bester Ordnung sein können, wenn da nicht dies verflixte Treppenhaus gewesen wäre.
Wenn etwas neu ist, ist es ja zuerst immer wunderbar. Bis die Menschen nach einer Weile irgendwelche Fehler an dem neuen entdecken. Eigentlich unbedeutende Fehler, aber es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, diese Fehler zu Problemen zu machen. Wo also kann man diese Fehler besser präsentieren als in einem Treppenhaus, z.B. beim zufälligen Zusammentreffen mit der Nachbarin, wenn man in den Wäschekeller geht.
Alle Bewohner sind neu und man kennt sich noch nicht. Was gibt es also schöneres, als sich erst einmal ganz unvoreingenommen mit den Nachbarn bekannt zu machen. Gemeinsamkeiten sind schnell definiert, die böse Baugesellschaft (die ja überall geschlampt hat) ist zunächst Thema Nr.1.
Mit der Zeit lernt man sich natürlich näher kennen und findet auch weitere Gemeinsamkeiten.
In so einer Siedlung haben sich auch nach kurzer Zeit Blockwarte herauskristallisiert. Bedauernswerte Menschen, die wahrscheinlich nie in ihrem Leben eine richtige Aufgabe hatten oder falls sie doch mal eine hatten, jämmerlich versagt haben. Man sieht sie nie, aber sie sind immer anwesend. Sympathie empfindet selten jemand für sie, aber sie bieten für die neuen Mieter durch ihr Denunziantentum und ihr brachiales Besserwissen immer wieder neuen Gesprächsstoff und man lernt sich langsam näher kennen. Man spricht gegenseitig Einladungen aus. Man feiert zusammen, ist guter Dinge und alles deutet auf eine beginnende Freundschaft hin.
Hier wäre die Geschichte eigentlich schon zu Ende. Ja, wenn es dieses verflixte Treppenhaus nicht gäbe. – Das Treppenhaus hat nämlich so seine eigenen Gesetze, es verbindet, es entzweit, temporäre Freundschaften werden geschlossen und Kriege werden beschlossen. Von einem Tag auf den anderen wurden wir Kinder aufgefordert, nicht mehr mit den Kindern von Familie H. zu spielen weil Frau H. im Treppenhaus etwas zu lange mit Frau A. gesprochen hatte während meine Mutter schon beim Kaffe wartend auf Frau H. von Eifersucht auf Frau A. zerfressen wurde. Natürlich wurden auch die Familien B., G., F., K. und L. in dieses Spiel mit einbezogen. Es war ein stetes Bäumchen wechsel dich und wenn wir Kinder wirklich auf unsere Eltern gehört hätten, wären wir zu nichts anderem mehr gekommen, als uns Gedanken darüber zu machen, mit wem wir denn nun unsere Freizeit verbringen durften.
So war das ein dauernder Wechsel der Freundschaften bzw. der Befindlichkeiten in diesen Häusern.
Bis auf ein paar Arschkriecher- Kinder hatte das Verhalten der Erwachsenen, keinerlei Einfluss auf die Freundschaften unter uns Kindern, sobald wir aus Sichtweite der Erwachsenen waren.
Was mir damals noch auffiel, dass egal wie zerstritten ein Treppenhaus war, wenn im Nachbareingang irgendetwas angeblich Ungeheuerliches passierte, waren alle anderen Treppenhäuser eine Front gegen dies Treppenhaus. Genauso war es, wenn es hin und wieder Block gegen Block ging.
Denn in dem einen Block wohnten nur die Bösen und die Asozialen während im eigenen Block ja nur die Liebenswerten, anständigen und toleranten Menschen wohnten. Auch wenn man sich gestern noch am liebsten die Schädel eingeschlagen hätte.
Gut das es heute virtuelle Treppenhäuser gibt und alles viel gesitteter abläuft.
Das einzige was ich mir noch wünschen würde ist, dass diese Plattformen auch für Kinder freigegeben werden, denn ich meine, wir können noch viel von denen lernen.
Schönen Tag
Bild: Marco Barnebeck / pixelio.de
