Bei der Eröffnung einer Ausstellung, wo man vor lauter Menschen die Bilder kaum findet und hin- und hergeschoben wird, höre ich plötzlich eine laute Männerstimme jubeln: "Maria, bist du es wirklich?" Die Angesprochene bestätigt, tatsächlich Maria zu heißen , aber dieser Mann ist ihr anscheinend total unbekannt."Wie bitte?" Das klingt nicht gerade ermutigend, finde ich. Der Mann mit der Jubelstimme beugt sich zu der neben mir stehenden Dame herunter und fragt:"Kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin der Bernhard!"

 

Vor ihrem inneren Auge lässt Maria blitzschnell die Parade der Bernhards vorbei marschieren, die ihr im Laufe ihres nun 70jährigen Lebens begegnet sind. Endlich meint sie: "Ach ja, der Bernhard..." Sie hat noch immer nicht die leiseste Ahnung. Der Bernhard setzt sich nun den leeren Stuhl neben Maria. Sie mustert ihn interessiert und stellt fest, dass er einen Bart in Grau und eine Designer-Brille trägt. Sie überlegt krampfhaft weiter: "Bernhard ... welcher denn bloß?"

 

Die Aufklärung lässt nicht lange auf sich warten: "Kannst du dich denn nicht an den Abschlussball in der Tanzschule erinnern? Weil dein Partner krank wurde, bin ich für ihn eingesprungen. Du warst ziemlich sauer damals. Dann riss meine Hose." Er lacht lauthals. "Zum Glück hattest du eine Sicherheitsnadel dabei. Ich hatte das Gefühl, du wolltest mich am liebsten erwürgen, aber du hast mich gerettet. Wir bekamen sogar den zweiten Preis und hatten danach noch einen sehr netten Abend."

 

Plötzlich erinnert sie sich. Dieser etwas ungeschickte Trottel namens Bernhard war es also, der sie zum Gespött der anderen machte, weil ihm auf einmal die Hose rutschte. Der zweite Preis war kein Ausgleich für diese Demütigung. Ein netter Abend? In ihrer Erinnerung findet sich kaum eine Spur davon. "Natürlich erinnere ich mich", sagt sie. "Und was hast du so gemacht in der Zwischenzeit?"

 

"Ach, mir geht es gut. Schön, dass du dich doch noch erinnerst. Du siehst übrigens fabelhaft aus!" "Ich weiß - kaum verändert", sagt sie spöttisch. "Hast du Familie?" Gleich würde er ihr ein kleines Album mit Fotos seiner Enkel aus der Tasche ziehen. Doch er lächelt etwas wehmütig: "Ich habe nie geheiratet, war Dozent an einer Uni. Jetzt berate ich ab und zu noch jemanden. Und du?"

 

"Das Übliche. Seit einigen Jahren verwitwet, zwei Söhne, drei Enkel."  "Hast du nicht Zeit für einen kleinen Umtrunk in netter Umgebung?" Ich weiß nicht, wie ihre Antwort lautete. Doch typisch für solche Begegnungen ist, dass einer von beiden erst einmal keine Ahnung hat, wer ihm da plötzlich seinen Namen entgegen ruft.

 

Jedenfalls führen solche Wiederbegegnungen selten zur Wiederbelebung früherer Beziehungen, welcher Art sie auch waren. Wann trifft man schon nach so vielen Jahren jemanden, den man zu seinem tiefen Bedauern aus den Augen verloren und von dem man noch viele Jahre geträumt hat? Aber auch wenn dieses Wunder eintreten sollte, wird es wahrscheinlich so wunderbar nicht sein. Die Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Der Traum ist aus - schon lange.

 

Über den Kummer von damals kann man nur noch lächeln - und das nicht einmal unter Tränen.

 

 

 

Bild: pixelio

Geralt