Freitagabend auf dem Hexenstieg

Bis nachher mein Schatz.
Bis nachher mein Hänschen, Grete legte auf und eilte, sich für ihr date heute Abend hübsch zu machen.

Guten Abend mein Gretchen, Hans gab seiner Grete einen dicken Kuß auf ihren süßen roten Mund.
Weißt du, was wir heute Abend machen, fragte er sie, und während sie noch staunend verneinte, erzählte er ihr von seinem Plan, den Hexenstieg zu durchwandern.
Den Hexenstieg, fragte sie ungläubig.
Ja, sagte er, den Hexenstieg.
Sie tippte ihm an die Stirn, schaute ihn dabei aber so lieb und süß lächelnd an, daß er sie umarmen und streicheln mußte. Ihre süßen Brüste fingen vor Erregung leicht zu zittern an und ihr wurde richtig wohl ums Herz.
Nun gut, sagte sie, dann mal auf, und beide machten sich auf den Weg.

Es war Nacht geworden an diesem doch eher ungemütlichen Herbsttag.
Der Wind pfiff zwischen den Wipfeln der Erlen und der riesigen Holunderbüsche rechts und links des Weges, nur der volle Mond beleuchtete matt den Weg, den die Beiden Hand in Hand gingen.

Ein Käuzchen schrie, Grete schupperte es leicht.
Fester faßte sie die Hand vom Hans, der merkte es wohl und grinste sie an.
Weißt du, warum der Hexenstieg, Hexenstieg heißt, fragte er sie leicht grinsend.
Ja, sagte sie, da hinten, am Ende des Weges, auf der Tanzwiese wurden die leichten Mädchen damals verbrannt. Leichte Mädchen, fragte Hans irritiert zurück.
Na, solche Hexen wie ich, lachte sie laut auf und umarmte ihn ganz dolle und feste.
Schmunzelnd drückte er sie ganz fest an sich, faßte kurz unter ihr Röckchen und streichelte ihren süßen Po. Du hast ja gar kein Höschen an, fragte er erstaunt.
Na, ich wußte doch nicht, daß du mich heute Nacht noch in die Wildnis entführen willst, gab sie fesch zurück und drückte sich leicht frierend fester an ihn.

Na, komm, wir gehen zurück, sagte er.
Nein, jetzt will ich zur Wiese, gab sie trotzig zurück, wir sind ja gleich da, dort tanze ich dann für dich und fröhlich sprang sie um ihn rum und schrie dabei "musche buschuuu, musche buschuuu"

Bist du wohl stille, jetzt schauderte es dem Hans doch.
Weißt du nicht, daß man damit die Hexen ruft ?
Na klar, schrie sie laut und sprang hin und her, dreimal mußt du es rufen, dann stehen sie da.
"musche buschuuu, musche buschuuu, musche buschuuu."

Es tat einen Schlag, ein alter knorriger Ast stürzte zu Boden, erschrocken schrie ein Käuzchen dreimal laut auf, totenstill ward es, kein Wind mehr, nur der Vollmond schien heller denn je.

Wer rief ? hallte eine schaurige Stimme aus dem Wald.
Erschrocken faßten sich Hans und Grete an die Hände.
Wir, rief Grete schüchtern zurück.

Ah, das ist ja fein, sprach die Stimme, dann könnt ihr mir ja helfen und prustend und schnaufend stampfte ein kleines altes Weiblein mit einer riesigen Hucke aus dem krachenden Unterholz hervor.

Immer noch erschrocken traten Hans und Grete eins, zwei, drei Schritte zurück.
Haha, tönte die Stimme, diese Jugend von heute, immer so ängstlich, also ne.

Hier, packt mal mit an und mühsam versuchte das Weiblein ihre Hucke von der Schulter zu heben.
Beherzt faßten die so Gescholtenen zu und stellten die Hucke auf dem Waldboden ab.
Ein paar Fliegenpilze fielen heraus, blitzten beim berühren des Waldbodens kurz auf und versanken in diesem, als ob sie in Wasser versänken.
Verwundert schauten sich die Beiden an, trauten sich ob der Schelte vorhin aber nicht, erneut zu fragen.

Danke, keuchte das Weiblein und schaute sich die Beiden genauer an.

Och Kleene, du frierst ja.
In so einem Kleidchen bei diesem Wetter, also neeeee, ts ts ts, sprach sie.
Kommt zu mir, da vorne, da koche ich dir einen heißen Saft meiner lieben Schwester Holle, der wird dir guttun.
Und dir auch, sprach sie und ihre kleinen Äuglein funkelten Hans listig an.

Erstaunt schauten sich Hans und Grete an, ein Haus, hier draußen an der Wiese, da gabs doch nur die Ruinen der alten Schänke, aber ein Haus gab es hier weit und breit nicht.

Kommt nur, sprach die Alte, den Korb könnt ihr ja tragen, und gehorsam folgten die beiden.

Sie gingen ein Stück des Weges, da hielt es Hans nicht mehr aus.
Wer seid ihr, fragte er laut die rüstig vor ihnen her eilende Alte.

Mit einem Ruck blieb diese stehen, drehte sich böse lächelnd, so schien es zumindest der Grete, um und sagte: Das werdet ihr früh genug erfahren Hans Mellinghaus, Sohn des  alten Richters Hans Mellinghaus. Und während die Alte weitereilte guckten sich Hans und Grete erstaunt an, Hans sein Vater war wohl Rechtsanwalt, aber kein Richter.
Und alt war er nun beileibe mit seinen fünfzig auch noch nicht.

Und ich, rief Grete. Auch ihr mein Gretelchen, auch ihr, schrie die Alte zurück, ohne ihr forsches Tempo ein wenig zu drosseln.

Und während die Alte weiter vornweg rannte, fragte Hans die Grete leise, woher kennt die unsere Namen ?
 

Unmöglich, daß das Weiblein das gehört hätte und doch blieb diese mit einem Ruck stehen, sprang behende drei Schritte auf die Beiden zu und keifte:
Du Mellinghaus bist der Urururururenkel des Richters Hans Mellinghaus, der mein Kind an sich nahm.
Und du Grete, ihre Hände fingen an zu zittern, duuuuu bist meine Urururururenkelin, schrie sie mit tränererstickter Stimme heraus.

Komm, laß uns zurückgehen flüsterte Grete leise, doch manisch, ohne, das es ihnen bewußt war, folgten ihre Füße der Alten auf dem Weg zum Wirtshaus.



Im Wirtshaus

Sie waren noch nicht lange gegangen, da drang von ferne, von der Tanzwiese her, zuerst leise, dann immer lauter werdend Gejohle, Gefiedel und Geschrei zu ihnen.
Dort drüben, genau an der Stelle der alten Ruinen, stand das Wirtshaus so, als hätte es schon immer dagestanden. Die schwere beschlagene Doppeltür weit offen, die Fenster weit offen, warmes gelbes Kerzen- und Fackellicht erleuchtete die Tanzwiese, den Weg, den die drei gingen.
Leicht beschürzte Mädchen lehnten in den Fensterrahmen und schrien und johlten, während auf dem Hofe ein Knecht ein wie wild quiekendes Schweinchen vergeblich zu fangen versuchte.
Immer wieder entwischte es seinen groben Händen, bis er endlich genug schrie, zu einer alten Büchse griff und mit einem Donnerschlag der alten Knarre das entsetzt fliehende Tier, so, als ob es wüßte, was ihm gleich blühen würde, voll traf.
Wie vom Blitz getroffen, sackte das arme Tier zusammen, es hatte plötzlich so ein menschliches Antlitz voller Leid, zuckte noch einmal kurz mit dem Ringelschwänzchen und verstarb. Nehmt es aus, schrie die Alte, die just in diesem Moment mit Hans und Grete den Hof erreichte, nehmt es aus und grillt es fein saftig und feiert, der Keller ist voller Wein. Sauft und freßt und hurt bis zum Morgengrauen.
Der Teufel sei unseres armen Ortsvorstehers Sohn gnädig, murmelte sie noch leise dazu.

Mit einer Kraft, die man ihr garnicht zugetraut hätte, schob sie Hans und Grete durch die Wirtshaustür, winkte einem bärenstarken Kerl, der sich prompt an die Tür stellte und flüsterte Grete vertraulich zu, feiert meine Süßen, feiert, es wird euch gefallen, und verschwand.

Erschrocken, ein wenig ängstlich faßte Grete dem Hans unter dem Arm, aber zwei junge Kerle, der eine mit einer Fiedel, der andere mit einer Maultrommel spielend schoben sie schon vom Hans weg, mitten hinein in die johlende und tanzende Menge und ohne, daß sie sich groß wehren konnte griffen starke behaarte Männerhände beherzt unter ihr Röckchen, rieben ihre muskulösen Schenkel an ihr, drückten ihr knoblauchhauchend wilde Küsse in den Nacken, aufs Gesicht, ja, auf ihre süßen roten Lippen.
Und während Grete schrie hatten drei hübsch anzusehende Mädels den Hans ergriffen, flüsterten ihm zu, was für ein prächtig starker Bursche er doch sei, sie ihn gerne vernaschen wollten, dabei lachten sie schallend und tätschelten seinen Arsch und mehr.

Die Nacht verging, der Mond begann bereits ganz langsam zu verblassen, ein zarter Hauch von Licht rötete bereits das östliche Firnament, als das alte Weiblein die Hand vom Hans ergriff und ihm zuflüsterte, es wird Zeit Mellinghaus.
Grete, wo ist mein Gretchen ?
Keine Sorge, die ist wohlbehütet, der geht es gut, komm jetzt.
Ihrem stechenden Blick konnte Hans sich nicht entziehen.

Sie führte ihn eine alte knarrende Stiege hinab in den Keller, riesige Weinfässer säumten die Wände, mein Blut flüsterte sie, Hans erschauderte, folge mir, ich habe einen feinen Trunk für dich.

Ganz am Ende des Gewölbes, auf einem wackligen Tischlein stand ein dampfender Becher, wohlig riechend, trink, sagte die Hex, trink, er wird dir munden.
Und während Hans beherzt zugriff, das tanzen, die schwitzenden Leiber der Mädchen, die sich an ihn geschmiegt hatten, der genossene Wein hatten ihn durstig gemacht, nahm das alte Hexlein seine Hand und flüsterte leise: "mein Kind mein Kind, der Richter verbrannte mein Kind ...", trink !

Und Hans stürzte das Gebräu in einem Zuge in seinen ausgedörrten Schlund.
"busche mumu, busche mumu, werd ein kleines Schweinchen im nu, busche mumu."
Wärme erfüllte ihn von innen, ward wärmer, noch wärmer, heiß, kochend heiß, zerriß ihm förmlich die Gedärme, zerriß seine Knochen, seine Muskeln, zerriß sein Fleisch, seine Haut und quiekend mit einem süßen Schnäuzchen, welches angstvolle Laute ausstieß versuchte er, es, die Stiege hochzujagen.

Grete zuckte entsetzt zurück und stieß voller Schreck mit ihren Füßen nach dem kleinen Ferkelchen, welches sie immer wieder und wieder ansprang. Die Menge johlte und jubelte und schrie.
Schlachtet es, rief die Alte, es ist für alle da, und beherzte Männerhände griffen nach dem Schweinchen und drehten ihm mit einem Ruck den Hals herum.
Hans, durchfuhr es Grete, mein Hans. Keine Angst, sprach das alte Weiblein mit einem diabolischen Blick, dem geht es gut.
Und mit einem Blick auf das arme Tier murmelte sie leise, der Teufel sei unseres armen Richters Sohn gnädig.
 

...

 

Ach Mume, mir ist so kalt, so kalt.
Kraftlos von der langen Nacht lehnte Grete ihr Haupt müde auf die Schulter des Weiblein.
Komm mein Kindlein, komm mit, ich habe einen feinen wärmenden Trank für Euch.
Langsam, vorsichtig, Schritt für Schritt führte sie Grete die Stiege hinab in das dunkle finstere Gewölbe, muffig riechend, von Ferne nur, einsam, brannte ein Kerzlein auf einem wackligen Tischlein, schwach beleuchtend die düstere Szenerie, sich spiegelnd voller Glanz, prächtig in einem riesigen Spiegel dort, ganz am Ende des Ganges.

Grete wollte umkehren, aber eisern hielt der Hexe Hand sie.
Komm nur, komm, hab keine Angst, das Säftlein, du ahnst garnicht, wie gut es dir tun wird.
Zitternd vor Alter schöpfte sie aus einem der alten Fässer, dampfend, einen wohlriechenden Sud, reichte den Becher der Grete, trink mein Kind, trink.

Angstvoll, mit zittriger Hand, aber sie konnte nicht anders, ihre Knochen, ihre Muskeln, gehorchten ihr nicht mehr, nahm Grete den Becher und trank das wärmende Gebraü in einem Zuge aus. Hohnvoll dem zarten angstvollem Mädchen zusehend flüsterte das böse Weib:
"busche mumu, busche mumu, gib mir deine Jugend im nu, busche mumu"

Warm wurde es der Grete, warm und immer wärmer, heiß.
Angst kroch in ihr hoch, Panik, warme weiche Wellen durchfluteten sie kraftvoll, machten sie zitternd ob der Last ihrer jungen Jahre, beugten ihren Rücken, streckten ihre Finger, falteten ihre Haut, spülten hinweg ihrer Brüste Liebreiz.
Und während sie in den Spiegel sah, entsetzt ihr alterndes Gesicht, ihre knochigen Hände, ihre schlappen Brüste, ihre immer runzliger werdende Haut sah, hörte sie das gellende Lachen des alten, nein, nun immer jünger werdenden Weiblein.

Grete fiel in eine tiefe Ohnmacht.

 

 


Epilog

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne hüllten den Wald in ein dichtes filigranes Netz von Licht, welches sich langsam auf das Wirtshaus zuarbeitete.
Und je näher es diesem kam, desto verschwommener wurde der Anblick desselben, bis es schließlich ganz verschwand und die hellen, wärmenden Strahlen der Morgensonne nur noch die Ruinen der alten Schänke beleuchteten.


Polizeibericht - 14.10., 09:03
Seit den Morgenstunden des 14.10. werden die beiden Jugendlichen Hans Mellinghaus und Grete Indivina vermißt. Sollten sich die beiden Jugendlichen in den nächsten 48h nicht melden wird eine Fahndung ausgeschrieben.

Polizeibericht - 14.10., 09:47
Eine verwirrte ältere Person weiblichen Geschlechtes meldete sich auf der Wache und gab an, die vermißte Grete Indivina zu sein. Zur Identifikation legte sie deren Personalausweis vor. Die Person wird z.Zt. im Zusammenhang mit der Vermißtenanzeige von 09:03 Uhr polizeilich vernommen.



Und zu guter letzt die Moral von der Geschicht.
Ruf im Walde nicht:

musche buschuuu, musche buschuuu, musche bu...