...es kommt immer und schnabuliert an den Knödeln und Nussstangen, die auf meinem Balkon hängen und liegen. Manchmal erschrecke ich es, wenn ich zu schnell auf den Balkon gehe, dann fliegt es eilig davon.
Heute Vormittag saß es aufgeplustert wegen der Kälte auf dem Balkongeländer und sang ganz kurze Melodien, immer mit einem kurzen „Pipps“ dazwischen. Nanu? Singen Vögel im Winter? Es flog zum Meisenknödel, auch an die Nussstange, doch es fraß nicht, sondern setzte sich wieder auf das Geländer. Ganz langsam ging ich zur Türe. Das Vögelchen flog nicht weg, schaute mich mit seinen schwarzen Knopfäugelchen an, legte den Kopf etwas schief und machte wieder „Pipps!“
Ruhig, fast bedächtig sahen wir uns in die Augen. Wieder diese kleine Melodie. Ich lächelte…hatte es mir doch auch etwas Freundlichkeit und Freude geschenkt. Wobei ich im Warmen stand, die tanzenden Schneeflocken bestaunte, die ich heute früh noch so schmerzlich vermisste. Nun toben davon reichlich durch die Luft, der Wind bläst sie mal horizontal, mal im Wirbel um das Haus. Das Tierchen fror in diesem Naturschauspiel.
Ich mache langsam einen Schritt zurück und bemerke, dass ich damit Unruhe in meinem kleinen, gefiederten Freund auslöse. Sein Köpfchen geht hin und her, sein Blick sucht etwas. Er sitzt doch schon recht windgeschützt dort, wo er jetzt ist. Will er zu mir herein? Er fliegt rechts neben die Balkontür, wo auch ein Fenster ist. Dort pickt er zaghaft an die Scheibe, genau da, wo der Beutel mit dem Vogelfutter innen an der Scheibe lehnt. Er ist etwas umgekippt, so hatte ich ihn dort nicht hingestellt.
Das Tierchen sieht mich flehend an, singt seine Strophe und dann wieder dieses „Piieep“, diesmal sehr eindringlich. Ich presse meine Stirn gegen die Scheibe der Balkontür, um die kleine Schale zu sehen, die nahe an der Wand vor Nässe geschützt steht. Sie ist leer!
Schnell greife ich zum Futterbeutel, nehme auch die Dose mit den zarten Haferflocken und fülle beide Leckereien in das Schälchen. Mein Freund sitzt, zum Greifen nahe, auf dem Geländer und wippt aufgeregt mit den Flügeln. Als ich den Meisenknödel näher zur Wand schieben will, merke ich, dass er knochenhart gefroren ist. Da kann so ein Weichfresser wie das Rotkehlchen nichts herauspicken, dazu muss man einen kräftigen Schnabel haben.
Die Türe ist noch gar nicht richtig zu, da sitzt der kleine Federball schon auf dem Schüsselrand und frisst. Irgendwie scheint er zu lächeln…ich weiß, Vögel können das nicht…er lächelt mit seiner Körperhaltung, mit dem Eifer, der ihn die weichen Haferflocken picken lässt.
Viele werden denken…ja, meine Güte..ein Vogel..die gibt’s überall, warum so ein Getue darum, gar einen Artikel..nun spinnt sie!
Ich denke aber, die Aufmerksamkeit, die Fürsorge, die selbst bei einem kleinen Vogel auf so fruchtbaren Boden fällt, sollte man nicht nur in der Weihnachtszeit seinen Mitmenschen schenken. Die leisen Zwischentöne hören und den Vorteil nutzen, Menschen direkt fragen zu können, nach ihren Wünschen, ihrem Kummer.
Mit ihnen lachen, sich mit und an ihnen freuen…als Übung ist so ein Vögelchen Gold wert.
Ich wünsche euch allen ein kleines Vögelchen…..
