Und so ging es dann weiter….. Ich gründete einen Aktien-Club, den ich “Gute Nase“ nannte. Am Schluss mutierte er dann zum “schlechten Riecher“, aber das ist eine andere Geschichte.

Unsere Ehe wurde auch nicht besser und meine Frau wollte dann doch mal zur Eheberatung mit mir. Ich willigte ein, und die Therapeutin wurde dann von meiner Frau immer wieder darauf gestoßen, dass ich ja ein lieber Mann wäre, wenn….. ich nicht soviel trinken würde.
Wir kamen dann überein, dass ich bis zur nächsten Sitzung eine Woche später keinen Alkohol trinken wollte.

Tja ich musste meiner Frau da natürlich beweisen, dass ich ohne Alkohol absolut kein lieber Mann sei. Ich habe es tatsächlich durchgehalten die Woche nichts zu trinken, aber meine Stimmung war hundsmiserabel, und ich ließ es bei jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit meine Frau spüren. Diese so genannte Therapeutin war’s zufrieden und ich hab’, kaum zuhause angekommen, kräftig nachgeholt, was ich da alles versäumt hatte.

Mein Aktien-Club lief prächtig und es gab zu Weihnachten die erste Auszahlung. Wir hatten da mit 3 Kollegen angefangen, jeder hat 2.000 DM eingesetzt. Nach der ersten Auszahlung kamen natürlich gleich noch mehr Kollegen auf mich zu. Ich hatte dann ganz auf die Schnelle innerhalb von 2 Monaten nochmals einen schönen Gewinn realisiert und die nächste Auszahlung war gebongt.

Jetzt kamen auch von außerhalb der Dienststelle Gelder, und zwei Monate später gab es die nächste Auszahlung, und meine Kollegen jubelten mich schon in Richtung Wall-Street hoch. Das war natürlich Dünger für mein Ego. Inzwischen hatte ich meinen Bankkredit auf etwa 90.000 DM hoch verhandelt. Damit hatte ich jetzt insgesamt 180.000 DM zur Verfügung.

Ich habe dann fast nur noch Spätschicht gearbeitet, da ich ja vormittags zum Bahnhof und das Handelsblatt kaufen “musste“. Natürlich hatte ich auch die Wirtschaftswoche und ein paar “Börsenbriefe“ abboniert. Mein Chef fragte mich fast jedes Mal, wenn wir uns sahen, na Jens wie stehen die Aktien, und das war dann ja auch doppelsinnig zu verstehen. Er wusste natürlich davon, da inzwischen ungefähr die Hälfte unser Mitarbeiter bei mir im Club waren.

Aber….. auch wenn ich nicht jeden Tag mehr soff, so doch immer wieder und dafür dann meistens gleich 3 Tage. Zu meiner Kollegin, ihr wisst schon, die mit dem Fragebogen, sagte ich dann hinter vorgehaltener Hand, Rada… ich glaub’, ich krieg’ wieder meine Tage…..

Ich habe dann meinen Wagen vor der ersten Kneipe stehen lassen, habe dann noch eine andere Kollegin angerufen, und die hat mich dann nach ziemlich weit außerhalb von Heidelberg gefahren, zu einem Verwandten meiner Frau, der dort eine Kneipe hatte.

Ich fühlte mich leer und ohne Hoffnung, meine Ehe war nur noch auf dem Papier eine solche.
Die Kinder habe ich zwar geliebt, konnte aber noch nicht soviel mit ihnen anfangen. Sie waren damals gerade mal fast 3 und fast 2 Jahre jung.

Ja und damit begannen meine “letzten Stunden“. Ich habe mich so richtig voll laufen lassen und wollte dann wie üblich „meine Telefonnummer in Frankfurt“ anrufen. Es handelte sich hierbei um einen Finanzmakler, der täglich die wichtigsten Kurse von Wall-Street auf Band sprach. Ich war zu der Zeit schon weit überwiegend in den USA und Canada involviert, und meinte schon den amerikanischen Markt auch recht gut zu kennen. Ich habe des Öfteren damit geprahlt, diese Nummer noch mit 5 Promille zu kennen.

An dem Abend in dieser Kneipe war diese Telefonnummer weg, ganz einfach weg. Ich war verzweifelt, ich bin fast durch gedreht, ich konnte es nicht glauben. Ich habe dann noch einen Liter Wein mit nach oben genommen und bin dann irgendwann wie tot weg gewesen. Am nächsten Tag bin ich wach geworden, habe dann versucht eine scharfe Bohnensuppe zu essen, ging nicht, habe so gezittert, dass der Löffel jedes Mal wieder leer war als ich ihn zum Mund führen wollte. Also habe ich erstmal 2 oder 3 Viertel Wein mit ein paar Cognac zu mir genommen. Dann ging es halbwegs, und ich habe dann noch ein paar getrunken.---

---Ja und dann geschah es,was ich vorher noch nie erlebt hatte.—--

Ich habe plötzlich wahnsinnige Kopfschmerzen bekommen, wohlgemerkt -wahnsinnige- Kopfschmerzen. Ich hatte Angst, nicht Angst vor’m Tod, nein vor dem Wahnsinn, nicht vor dem Wahnsinn, sondern vor MEINEM WAHNSINN. Mir sind so einige Bilder in rasender Eile vor meinem geistigen Auge erschienen. Ich als lebende Leiche, vollständig hilflos, ja irre, musste gefüttert werden, Schnabeltasse, keine Unterhaltung mehr möglich, kein Mensch, nur noch ein hilfloses Bündel, stinkend und ekelhaft, Korsakov. Alles was ich schon mal gehört hatte, sah ich plötzlich dunkel drohend über mir.—

Ich rief die Wirtin und sagte nur, ruf mir ein Taxi schnell, ich muss nach Wiesloch ins PLK, ich kann nicht mehr, ich drehe durch. Sie rief ein Taxi, und das brachte mich dann auch ins PLK zur Alki- oder auch Suchtstation. Ja dann sprach ich mit einer Ärztin, und sie rief meine Frau an. Die war natürlich “hellauf begeistert“ von dem, was ihr die Ärztin sagte. Ich wollte ja da bleiben, aber meinen Aktienclub wollte ich von dort aus telefonisch weiter leben lassen. Ja, das geht nicht, sagte mir die Ärztin. Wir haben ein Telefon auf der Station und das ist für alle da. Aber ich bin verantwortlich sagte ich ihr, und ich kann doch den Club jetzt nicht so einfach laufen lassen. Ja, dann müssen sie halt noch mal ein paar Runden draußen drehen, meinte sie nur. „Haben sie ‚ne Telefonnummer von einem AA oder wissen sie wo heute noch ein meeting stattfindet? Weder noch sagte sie, und ich bat dann nur noch um ein Taxi…….

Dann fuhr ich mit dem Taxi nachhause, aber….. kurz vorher sagte ich dem Taxifahrer, fahren sie mal geradeaus zum Tennisclub. Der Leser sollte wissen, dass ich dort immer meine Sauftouren entweder anfing oder aufhörte. Angefangen hatte ich diesmal dort nicht, also meinte ich, dann wenigstens dort aufhören zu müssen.

Ich kam da rein und sagte dem Chef gleich, gib uns mal zwei Wein. Ich erzählte ihm auch, wo ich gerade her kam, und dass dies mein letzte Wein war. Aber wie das nun mal so ist, hatte ich meinen Wein ziemlich schnell ausgetrunken, während der Chef die anderen Gäste bediente. Ich rief ihm dann zu, gib uns noch mal zwei! Da kam er auf mich zu stützte sich auf sein Hände und schaute mir ins Gesicht. Du hast gesagt, das sei dein letzter, von mir bekommst Du nichts mehr. Ich machte dann noch einen Versuch ihn umzustimmen, aber vergebens.

Ich bin dann bergab nachhause gelaufen und habe mich relativ schnell ins Bett begeben.

Ja und das war wirklich bis heute mein letzter Drink.

Ich habe den Wirt etwa 1 ½ Jahre später wieder mal getroffen und habe mich bei ihm bedankt, das er mir damals nichts mehr gegeben hatte. Er wusste überhaupt nichts mehr davon, aber ich hätte ganz sicher wieder weiter gesoffen, wenn ich damals auch nur noch einen weiteren Wein bekommen hätte.

Das geschah alles an einem Samstag und am Montag darauf war ich wieder im selben meeting, wie schon 17 Monate vorher. Nur… diesmal ging ich mit ganz anderen Gefühlen dahin als beim ersten Mal. Es war mir todernst!

Diesmal wusste ich, es ist meine allerletzte Chance!
-Gott sei Dank- habe ich sie nutzen können!