"Als mein Mann den Hörer auflegte, war sein Gesicht kreideweis. Er zitterte am ganzen Körper. "Was ist denn los?", fragte ich ihn. Er erzählte mir, dass ein anonymer Anrufer gedroht habe, unserer Geschäft anzuzünden, falls wir nicht Einhunderttau-send Euro zahlten.

    Uns war sofort klar, dass es sich nicht um einen bösen Scherz handelte. In unserer Kleinstadt auf Sizilien hatte es in den vergangenen Monaten einige Brandstiftungen gegeben. Wir hatten niemals mit dem organisierten Verbrechen zu tun gehabt und wussten deshalb nicht, was wir tun sollten.

    Es blieben uns drei Möglichkeiten: Zahlen, das Geschäft aufgeben oder den Vorfall der Polizei melden. Uns war bewusst, dass die letzte Lösung sehr gefährlich war: Es war allgemein bekannt, dass man um sein Leben fürchten musste, wenn man zur Polizei ging. Andererseits hatten wir uns unser Leben lang bemüht, ehrlich zu sein und uns nicht auf krumme Geschäfte einzulassen. Wir wollten nicht vor den Methoden dieser üblen Leute klein beigeben und unsere Prinzipien aufgeben. Das 'Schutzgeld' zu bezahlen hätte bedeutet, uns auf Dauer in die Abhängigkeit diese Leute zu   geben. 

    Wir erlebten furchtbare Tage und Nächte. Jedesmal, wenn das Telefon klingelte, schreckten wir zusammen. Immer wieder betete ich, dass diese furchtbare Situation vorübergehen möge. Schließlich erkannten wir, dass wir dem Druck allein nicht standhalten konnten.

    Dann dachten wir an unsere Gruppe, mit der wir uns monatlich trafen. Diesen Freunden konnten wir vertrauen, weil sie unsere Sichtweise teilten.

    Wir erzählten ihnen alles. Nach gründlichem Abwägen aller Argumente entschieden wir uns gemeinsam, alles der Polizei zu melden. Von da an wurde unser Telefon überwacht, und wir erhielten Personenschutz.

    Das Wichtigste aber war, dass wir diese Situation nicht länger allein durchmachten. Fast täglich riefen diesen Freunde uns an und fragten nach unserem Befinden. Wir beteten gelegentlich auch gemeinsam um ein gutes Ende der Angelegenheit. Ich glaube, dass es nicht übertrieben ist, wenn ich heute sage, dass diese unsere Freunde meinen Mann und mich vor einem Nervenzusammenbruch bewahrt haben.

    Mittlerweile ist fast ein Jahr vergangen. Wir erhielten nie wieder einen Drohanruf. In unserer Stadt wurden mehr als 30 Männer verhaftet, denen Erpressungen vorgeworfen werden. Ob auch unser Anrufer dabei war, weiß ich nicht."  (C.M.,Sizilien) (Name geändert)