„Lizzi… Lizzi… ….“ am anderen Ende der Leitung wurde einfach weitergeredet. Wo um alles in der Welt nahm sie nur die Energie her, so viel und so schnell zu sprechen. Er hielt den Telefonhörer etwas auf Abstand zu seinem Ohr, war für einen Moment versucht einfach aufzulegen. Wahrscheinlich würde sie es noch nicht einmal bemerken, würde einfach gegen das Besetztzeichen weiterplappern.

„Elisabeth! ...“ bestimmend diesmal, fast schrie er. Auf der anderen Seite brach der Redeschwall abrupt ab. „Hör zu Lizzi, ich bin kein kleines Kind, ich kann schon ganz gut alleine auf mich aufpassen.“
„Ich mach mir halt Sorgen.“
„Das ist ja auch lieb von dir, aber völlig unnötig und jetzt leg ich auf, ich hab noch zu tun. Tschüss Lizzi, ich melde mich bei dir.“
Ohne eine Antwort abzuwarten legte er einfach auf, die einzige Möglichkeit, ihrem Redeschwall zu entkommen.

Warum nur behandelte ihn jeder wie einen Invaliden? Gut, er hatte einen kleinen Schwächeanfall gehabt, aber sowas kam vor und der Arzt hatte ihm versichert, dass er wieder vollkommen in Ordnung sei. „Herr Mühlstein“ hatte er gesagt, „sie haben eine Pferdenatur“, genau das waren seine Worte und er, Jakob Mühlstein, hatte sowieso beschlossen ewig zu leben, allein schon, um diese Immobiliengesellschaft zu ärgern.

Seit 37 Jahren lebe er nun hier. Seit acht Jahren war die Wohnung schuldenfrei und nun kamen diese feinen Herren in ihren Nadelstreifenanzügen und wollten ihn aus seinem Leben kaufen. Aber nicht mit ihm, ein Jakob Mühlstein hatte keinen Preis, ein Jakob Mühlstein hatte Prinzipien!

Vor eineinhalb Jahren waren sie auf der Bildfläche erschienen und hatten ihre Geldköder ausgeworfen. Das ganze Haus wollten sie sanieren, wollten schicke Büroräume und Verkaufsflächen entstehen lassen. Es sollte nicht mehr nur gelebt werden in diesem gemütlichen alten Haus, es sollte Geld gemacht werden.

Nur ganz oben, da wo auch er wohnte, da würden zwei luxuriöse Penthauswohnungen entstehen, für die man den jetzigen Besitzern selbstverständlich ein großzügiges Vorkaufsrecht einräumte. Ein Witz war das! Keiner von ihnen verfügte über die nötigen finanziellen Mittel, auch wenn die Nadelstreifenköder sich als durchaus beachtlich erwiesen.

Sieben der ehemals 24 Eigentümer waren dumm genug sofort anzubeißen. Die Schlaueren erwiesen sich als überaus geschäftstüchtig und so kletterten die Angebote fast im Wochentakt. Nach nur fünf Monaten waren die beiden unteren Etagen komplett geräumt. Die Umbauauarbeiten begannen mit allen dazugehörigen Unannehmlichkeiten, was die Zahl der Zögernden binnen Monatsfrist noch einmal schrumpfen ließ.

Nach zehn Monaten war nur noch der harte Kern der Verweigerer übrig: zwei ältere Paare, eine Familie mit einem pubertierenden Teenager, ein junger Mann der die Wohnung von seinen Eltern geerbt hatte und er, Jakob Mühlstein, der nun, seit dem Wochenende, der letzte der Unerschütterlichen war.

Fast ein halbes Jahr hatte er mit Heiko, dem jungen Mann, zum Schluss die Stellung alleine gehalten. Die Alten waren zuerst gegangen, konnten den Dreck und den Lärm nicht mehr ertragen und als sie schließlich der Familie noch ein Grundstück im Grünen drauflegten, ging auch die. Bei Heiko, dem hoffnungsvollen Studenten der Betriebswirtschaft, waren sie ganz besonders clever. Ihm servierten sie einen hochdotierten, unterschriftsbereiten Anstellungsvertrag in einer ihrer Tochterfirmen auf dem Silbertablett. Wer sollte einem jungen Menschen verübeln, dass er zugriff wenn sich die Chance bot, die Karriereleiter nicht von der untersten Stufe aus erklimmen zu müssen. Aber an ihm, dem durch nichts zu beeindruckenden Jakob Mühlstein, würden sie sich die Zähne ausbeißen. Sollten sie doch unter ihm und neben ihm sanieren was das Zeug hielt, er würde nicht weichen, für kein Geld der Welt!

Seit über dreißig Jahren spielte er Schach mit seinem Freund Konrad. Jeden Freitag, pünktlich um 20.00 Uhr, stellten sie im Hinterzimmer der Gaststätte ‚zum goldenen Hahn‘ die Figuren auf. Heute war Freitag. Heute war auch der erste Tag in dieser Woche, an dem es nicht in Strömen regnete und so beschloss er, vorher noch einen kleinen Abstecher in den Park zu machen.

Um kurz nach sechs verließ er seine Wohnung, zog die Tür hinter sich zu und schloss ab. Der schicke Aufzug, den es neuerdings gab, wurde von ihm ignoriert. All die Jahre hatte die Treppe genügt und er würde sie auch weiterhin benutzen.

Gestern hatten sie angefangen, die alten Fliesen abzuschlagen und überall standen Bauutensilien herum. „Ich könnte ja ausnahmsweise…“ sein Blick fiel auf die Aufzugstür. Um diese Zeit war sowieso niemand mehr im Haus, es würde also keiner mitbekommen, wenn er das Ding benutzte, was er auch nur wegen des ganzen Zeugs im Treppenhaus tun würde… Er zögerte, konnte sich nicht entscheiden. Einerseits war es ja völlig gegen seine Prinzipien, andererseits…

Er öffnete die Fahrstuhltür, wollte ihn sich nur einmal ansehen. Kaum hatte er die Kabine betreten, schloss sich die Tür. Nun denn, dachte er, wenn ich schon mal drin bin… Sein Zeigefinger schwebte über dem Knopf mit dem leuchtend grünen E und verharrte. Die Neugier hatte ihn gepackt. Warum sollte er die Gelegenheit nicht nutzen und sich auch gleich einmal im Keller umschauen, über den wurde ja so allerlei gemunkelt. Von einer Tiefgarage war da die Rede gewesen, nur was Genaues wusste niemand und da er nie einen Kellerraum besessen hatte, wurde er natürlich auch nicht informiert. Beherzt landete sein Finger auf dem U, schließlich hatte er ein Recht zu erfahren, was in diesem Haus vorging.

Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung, glitt fast lautlos in die Tiefe, stoppte bereits ein paar Sekunden später worauf sofort das Licht erlosch… Gerade als sich die ersten Anflüge von Panik in ihm ausbreiten wollten, ging ein schwaches Notlicht an und drängte sie wieder in den Hintergrund, genau so lange, bis er bemerkte, dass sich die Tür nicht öffnete.

Hier musste doch irgendwo ein Knopf sein, mit dem sich diese Tür öffnen ließ. Das kleine Lämpchen spendete kaum genug Helligkeit, die eigene Hand vor Augen zu erkennen. Er brachte sein Gesicht ganz nah an das Tastenfeld heran… na also, wer sagt’s denn. Energisch drückte er auf den ‚Tür auf‘ Knopf… nichts geschah.

Er drückte wieder, mehrmals hintereinander und mir aller Kraft, hämmerte regelrecht auf den Knopf ein… keine Reaktion. Als er den roten Alarmschalter betätigte, ertönte ein ohrenbetäubender Lärm, der ihm auch sogleich die Unsinnigkeit dieser Aktion klar machte: es war niemand im Haus, der ihn hören würde!

Die Panik griff schon wieder nach ihm, da sah er das Schild mit der rettenden Aufschrift: ‚Taster betätigen – Sprechverbindung wird automatisch hergestellt‘, was er auch sogleich tat und dann hoffnungsvoll wartete… und wartete… und plötzlich bemerkte, dass seine Füße nass waren… Als er nach unten schaute, stand ihm das Wasser schon bis zu den Knöcheln.

Wo zum Teufel kam jetzt plötzlich dieses Wasser her? Er konnte zusehen wie es stieg. Die Panik begnügte sich nun nicht mehr damit ein bisschen herumzuwabern, sie griff nach ihm. Er lehnte sich gegen die Kabinenwand, lockerte seine Krawatte und öffnete die obersten Hemdknöpfe in der Hoffnung, so wieder besser durchatmen zu können. Ihm war speiübel und das Wasser stieg weiter.

Millimeter für Millimeter tastete er nun die Tür ab. Da musste es doch irgendwo einen kleinen Spalt geben, in den man die Finger stecken und das verdammte Ding aufdrücken konnte…

Kein Spalt, nirgendwo auch nur die kleinste Öffnung. Warum nur, war diese Tür so absolut dicht, während der Boden das Wasser eindringen ließ, das mittlerweile bis zu seinen Knien stand. Wütend ballte er die Faust und hieb auf den Taster für die Sprechverbindung ein… „melde dich endlich, du verdammtes Mistding… melde dich doch… bitte… warum antwortet denn niemand…“ Tränen stiegen in ihm auf, als er anfing zu beten. Er war nie ein besonders gläubiger Mensch gewesen und nun stand er da, zitternd, blickte nach oben und flehte Gott an diese Tür zu öffnen.

Wenn ich mich doch nur setzen könnte… noch nie zuvor in seinem bisherigen Leben, hatte er sich so elend gefühlt und so hilflos. Seine Unterschenkel waren von der Kälte des Wassers mittlerweile fast taub. Zumindest stieg es nicht weiter, stand nun schon seit einiger Zeit knapp oberhalb seiner Kniekehlen.

Wie lange war er eigentlich schon hier drin? Der Versuch die Uhr abzulesen scheiterte, obwohl er, den linken Arm von sich streckend, mit der rechten Hand die Brille auf die Stirn schob. Er tastete in der Innentasche seines Mantels nach der Lesebrille, ließ sie aber dann doch stecken. Was spielte es für eine Rolle, wie lange er hier schon im Wasser stand, es würde nichts ändern, zu wissen wie spät es war.

Alle möglichen Gedanken schossen ihm durch den Kopf, ohne dass er sich auf einen hätte konzentrieren können. Jakob Mühlstein war sich sicher den Verstand zu verlieren, als er bemerkte, dass das Wasser wieder stieg… zumindest fühlte es sich so an, denn es war ihm nicht bewusst, dass sein Rücken ganz allmählich an der Wand nach unten glitt.

Es war absolut nicht erfreulich, was der Bauingenieur Erich Seidler, auf seinem Weg in den Feierabend gerade im Radio hörte: nach nur einem trockenen Tag, war bereits das nächste Regengebiet im Anzug. Hoffentlich hatten seine Leute in der Uhlandstrasse die Pumpen installiert. Bereits Anfang der Woche hatte die Aufzugsfirma gewarnt, dass es, sollte Wasser in den Fahrstuhlschacht eindringen, zu einem Kurzschluss kommen würde, sobald die Kabine in den Keller fuhr. Er sah auf die Uhr. Erich Seidler war ein gewissenhafter Mensch, die Uhlandstrasse lag fast auf seinem Weg, er würde kurz vorbeifahren und nachschauen.

Alles um ihn herum war warm, weich und… trocken! Zaghaft begann seine linke Hand die Umgebung zu erkunden, als plötzlich Lizzis Stimme in diese wohlig warme Trockenheit tröpfelte: „mein Gott Jakob, was machst du nur für Sachen…“

Er öffnete die Augen und da saß sie, hatte seine Hand ergriffen und bedeckte sie, abwechselnd lachend und schluchzend, mit unzähligen kleinen Küssen, zwischen denen sie immer wieder ergriffen seinen Namen flüsterte. Er schluckte. Sein Mund und seine Kehle fühlten sich an, als hätte er Watte verschluckt. „Lizzi… wie bin ich hierher gekommen?“ Und dann hörte er sich in diesem sterilen Krankenhauszimmer einen Satz sagen, von dem er nie geglaubt hätte, dass er je über seine Lippen kommen würde: „erzähl mit alles ganz genau Lizzi, es tut ja so unendlich gut deine Stimme zu hören.“

© Sophie Hell