Sie hatte beschlossen, nicht den kürzesten Weg nach Hause zu nehmen, sondern noch ein wenig durch die nächtlichen Straßen zu wandern. Ein kalter Ostwind hatte den, für Mitte November ungewöhnlich milden Temperaturen den Kampf angesagt; es war kalt geworden. Sie stellte den Kragen ihres Mantels hoch, vergrub die Hände in den Taschen und atmete tief durch, blies Kondensstreifen in die Nachtluft, ganz so, als könne sie damit auch diese rotweinschwere Diesigkeit aus ihrem Kopf entlassen.
Es war ein kleiner Ort, in dem sie seit einiger Zeit lebte, mit alten Häusern und netten Menschen. Lange hatte sie gezögert, diesen Schritt aufs Land zu wagen, es aber noch nie bereut. Sie fühlte sich wohl hier. Am Abend hatten sie im Haus ihrer Schwester deren Geburtstag gefeiert. Es war ein schönes Fest, mit der üblichen Mischung aus Familienangehörigen und Freunden, die sich jedes Jahr aus diesem Anlass zusammenfand. Auch Oliver war unter den Gästen. Der, auf eine etwas kantige Art durchaus attraktive junge Mann, arbeitete seit längerem für ihren Schwager und umwarb sie, seit sie sich zum ersten Mal getroffen hatten. Auch heute hatte er wieder, den ganzen Abend über, hemmungslos mit ihr geflirtet. Irgendwann dann, als seine Worte direkter und seine Hände fordernder wurden, war sie einfach gegangen, hatte sich rasch von ihrer Schwester verabschiedet und ihn schmachtend zurückgelassen. Er würde ihr nicht böse sein. Sie kannten sich seit über einem Jahr und er akzeptierte, dass sie keine Affäre mit ihm wollte. Auf seine charmante Art hatte er ihr wiederholt zu verstehen gegeben, für welch ungeheure Verschwendung er es hielt, dass eine attraktive Frau wie sie unbemannt durchs Leben ging. Lachend hatte sie ihm versichert, dass er, sollte sie je ihrer selbstgewählten Enthaltsamkeit überdrüssig werden, eine Vorzugschance erhalten würde.
Vor dem Eingang ihres Wohnhauses brannte ein orangefarbenes Nachtlicht, das den ganzen Bereich irgendwie unwirklich erscheinen ließ. Schnell schlüpfte sie in den Flur und zog die Tür hinter sich zu. Sie mochte den altmodischen Geruch nach Bohnerwachs, der hier in der Luft hing, er war selten geworden in der heutigen Zeit und erinnerte sie an ihre Kindheit. Noch während sie die Treppe hochstieg, kramte sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel, öffnete die Tür und betrat ihre Wohnung. Die Nacht war fast wolkenlos. Durch die Fenster schien das abnehmende Rund des Mondes, tauchte die Räume in eine milchig weiße Dämmrigkeit, gerade hell genug, um kein Licht machen zu müssen.
Schuhe abstreifen... auf dem Weg ins Schlafzimmer den Pullover über den Kopf ziehen... Hose öffnen, zu Boden gleiten lassen, heraussteigen... einstudierte Bewegungen. Achtlos fielen die Kleidungsstücke. Kein Sinn mehr für Ordentlichkeit, nicht heute Abend, nicht in dieser Stimmung. Die Versuchung war groß, sich einfach hinzulegen, hinüberzugleiten in die Parallelwelt ihrer Träume, dorthin, wo es neuerdings so angenehm war. Noch vor ein paar Jahren hätte sie ihr ohne Zögern nachgegeben. Vor ein paar Jahren waren da aber auch noch nicht diese Zeichen in ihrem Gesicht. Kleine Falten, um die Augen und auf der Stirn hauptsächlich, Resultate ihrer lebhaften Mimik und sichtbare Beweise dafür, dass sie nicht mehr zwanzig war. Also ging sie ins Bad, schminkte sich sorgfältig ab und putzte die Zähne.
Die Gedanken schweiften zu ihm, wie so oft in letzter Zeit, wenn sie etwas tat, worauf sie sich nicht wirklich konzentrieren musste. Er war eines Nachmittags plötzlich aufgetaucht, hatte sie entdeckt in diesem Netzwerk, in dem sie sich nur angemeldet hatte, um ein wenig Spaß zu haben. Sie war nicht auf der Suche nach einem Partner, hatte ihr Profil aus diesem Grund recht albern gestaltet, ohne konkrete Aussagen über sich, was auch durchaus funktionierte: man(n) las über sie hinweg. Ihn jedoch, hatte wahrscheinlich genau diese Oberflächlichkeit angezogen. Seine Mails waren gespickt mit schrägen Wortspielereien, machten neugierig. Es war eine Freude ihn zu lesen, es war eine Freude ihm zu antworten und so war er schnell zu einem festen Bestandteil ihres Alltags geworden, hatte es sich in ihrem Kopf gemütlich gemacht.
Irgendwann erwähnte er die Möglichkeit eines Treffens in der realen Welt und stellte ihre "Beziehung" damit auf eine neue Stufe. Oft schon, in den vergangenen Wochen, wenn sie sich mit ein paar gezielten Berührungen Erleichterung verschaffte, hatte die Sehnsucht nach ihm, ihrer Lust einen fast körperlich spürbaren Schmerz hinzugefügt. Tagsüber jedoch, wenn der analytische Teil ihres Verstandes jedwede Gefühlsduselei in den hintersten Winkel ihres Hirns verbannte, war sie sich absolut nicht sicher, ob sie ihm wirklich begegnen wollte. Was, wenn der Zauber ihrer Korrespondenz sich nicht in die Realität übertragen ließ... was, wenn doch? Er lebte nicht gerade um die Ecke und sie fühlte sich wohl, hier, wo sie ihre neue Heimat gefunden hatte. Eigentlich wollte sie das, was sie mit ihm verband, genau so belassen wie es war, inständig hoffend, er möge sich damit zufrieden geben.
Sie zog ein T-Shirt über und ging in die Küche. Der kühle Mintgeschmack der Zahncreme passte nicht zu ihrer Stimmung, eine Tasse Tee würde Abhilfe schaffen. Aus der Wohnung der Vermieter drang, wie durch Watte gedämpft, leise Klaviermusik zu ihr herauf. Gerade als sie den Wasserkessel auf den Herd stellen wollte, war es urplötzlich da, dieses seltsame Gefühl, fast so, als spüre sie die Präsenz eines anderen Menschen... seltsam, aber durchaus nicht unangenehm. Reglos hielt sie inne, stand einfach nur da, das Gefühl genießend und gleichzeitig darauf wartend, dass es sich verflüchtigt. In ihrer Jugend hatte sie ein wenig mit Drogen experimentiert, aber nichts, was sie dabei erlebt hatte, war auch nur annähern so bizarr wie dies hier. Frau aus bisher ungeklärten Umständen in ihrer Küche zur Salzsäule erstarrt... auch eine Möglichkeit, posthum noch für ein wenig Furore zu sorgen. Ein alberner Gedanke, der ihr ein nervöses Kichern entlockte. Sie ließ den Kopf kreisen, bewegte die Schultern, wollte das Gefühl abschütteln... keine Chance. Da plötzlich spürte sie seinen Atem in ihrem Nacken und mit einem Mal, mit der Gewissheit der Unmöglichkeit, wusste sie ganz genau, wer da hinter ihr stand.
"Bleib so"... seine Stimme klang anders, als sie sie sich vorgestellt hatte: älter, reifer. Er begann ihren Nacken zu küssen. Eine Hand wanderte unter das T-Shirt, berührte ihre Brüste, die andere griff zwischen ihre Beine. Als seine Finger sie erkundeten, stöhnte sie leise auf. Langsam, ganz langsam setzte er sich in Bewegung, schob sie vor sich her, ohne dabei seinen Griff zu lockern. "Setz dich", sagte er, als sie vor der Couch angekommen waren. Sie schloss die Augen, drehte sich um und setzte sich. Als sie sie wieder öffnete, sah sie ihn zu ersten Mal bewusst. Keine Abweichung von der Phantasie diesmal, nur Erkennen. Da saß sie nun, unfähig sich zu bewegen, ihn anstarrend, wie er da vor ihr stand und sie mit einem virilen Grinsen auf dem Gesicht ansah. Sie machte die Augen wieder zu. Du träumst... du hast zu viel getrunken und bist auf der Couch eingeschlafen... du kannst die Augen jetzt wieder öffnen und ins Bett gehen, es ist alle in Ordnung... der armselige Versuch ihres Gehirns, eine rationale Erklärung zu finden. Sie hörte seine Bewegungen, hörte wie er sich seiner Kleider entledigte, spürte wie er ihr das Shirt über den Kopf zog. Mechanisch hob sie die Arme, eine Marionette, deren Fäden er steuerte. Seine Hände öffneten ihre Knie, sein Kopf senkte sich zwischen ihre Schenkel. Das Gesicht in ihrem Schoss vergraben, nahm er Witterung auf mit der Spur, die zu legen er vor vielen Wochen begonnen hatte. Noch bevor sie sein Spiel richtig genießen konnte, kam sie... schnell, viel zu schnell schwappte die ungelebte Geilheit der letzten Monate über sie hinweg. Er gönnte ihr einen Moment der Ruhe, gab ihr die Gelegenheit sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass es nicht für alles auf dieser Welt eine Erklärung geben müsse, dann brachte er ihre Lust zurück. Seine Zunge zog eine feuchte Linie über ihren Bauch, ihre Brüste, hoch zu ihrer Kehle, zu der kleinen Mulde, unter der sichtbar ihr Puls flatterte. "Hör auf zu denken und lass dich einfach gehen." Geflüsterte Worte an ihrem Ohr. Sein Kuss war sanft, fast züchtig, dann beschloss sie, zu akzeptieren.
Klick... der Schalter war umgelegt, der Verstand ausgeschaltet. Riechen, schmecken... sehen, fühlen... wild kopulierend, mit allen Sinnen einzig dem Trieb folgend. Er hinterließ sich in ihr und sie trank sich satt an ihm und irgendwann in dieser Nacht, nachdem alle Gier gestillt war, war es vorbei. Verschwitzt und immer noch schwer atmend hielten sie sich in den Armen. "Ich liebe dich"... sie flüsterte es leise, kaum hörbar und für einen Moment war es die einzig gültige Wahrheit die sie kannte. Er drückte sie so fest an sich, dass sie glaubte ersticken zu müssen. "Ich weiß", hörte sie ihn noch antworten, dann schlief sie ein.
Nach einer Weile erwachte sie frierend. Sie war alleine. Träge griff sie nach dem T-Shirt und zog es wieder über. Wie in Trance schlurfte sie in die Küche, nahm eine Wasserflasche von der Anrichte, öffnete sie und trank. Die kühle Flüssigkeit neutralisierte den letzten Rest seines Geschmacks in ihrem Mund. Ihr Blick fiel auf die Digitalanzeige des Radios: ... 03:17 MO ... der letzte Monat des Jahres hatte begonnen. Sie lächelte.
Happy Birthday my almost Lover...
© Sophie Hell
