Dezember 2008: Ich habe Urlaub. Von Weihnachten bis zu den Heiligen drei Königen. Satte zwei Wochen. Und dieses Jahr wird ALLES anders! Weihnachtsstress? Ein Fremdwort! Gestrichen meine 23-jährige Zuständigkeit für Christbaumschmuck, Festtagsmenü und Bescherungsorgien. Ich fahre in den Westen. Peter besuchen. Auf unbestimmte Zeit. Ja.                        

 

Peter ist mir im Internet über den Weg gelaufen. Wie man halt so sagt. Mhh, was mich da geritten hat ... ich weiß es nicht so recht. Eigentlich bin ich in diesen Dingen extrem zurückhaltend. Blind Date? Nie im Leben! Aber irgendwie ...

 

"Nimm doch den Flieger von München!"


Fliegen? Ich? Und wenn es mir bei ihm dann nicht gefällt? Etwa nachts um zwei dezent an seine Schlafzimmertür klopfen und "Ääähhh, könntest Du mich vielleicht gerade nach Düsseldorf bringen? Zum Flughafen? Ich müsste spontan wieder nach Hause, mein Hamster hat einen Blinddarmdurchbruch ... Also, das ist natürlich der einzige Grund...". Neee, wirklich nicht! Ich liebe meine Unabhängigkeit! Insbesondere in Form des eigenen fahrbaren Untersatzes, fluchtbereit geparkt vor dem Domizil von ... na ja, so einem halt. "Du, super Idee, danke, aber ... öhm ... nee, ich nehme lieber mein Auto, das muss ab und zu bewegt werden, äähh, sagte neulich erst der Mechaniker ... jaa, jaa ... die Spezialisten halt, gell..."

 

Die 570 km Autobahn vergehen sowieso fast wie im Flug ... Unterwegs sein mit mir selber, Seele baumeln lassen, meine Musik hören, den Gedanken nachhängen ... ich mag das.

 

Gut sechs Stunden später bin ich am Ziel. Alles ganz locker. Nur der riesige Koffer, der ist mir ein bisschen peinlich. Andererseits ... ich hasse es, irgendwo mit abgezählten Klamotten aufzukreuzen. Flexibilität ist angesagt. Woher soll ich heute wissen, was ich morgen will? "Na, wie viele Unterhosen hast Du denn dabei?" fragt er mich charmant zur Begrüßung. Was soll das? Will er mein Hygieneverhalten testen? Oder Rückschlüsse auf meine maximal geplante Aufenthaltsdauer ziehen? Nee, nicht mit mir! "Ausreichend" antworte ich kryptisch und beobachte gerührt, wie er meinen Koffer und meine Sporttasche gleichzeitig die Treppen zu seiner Wohnung hoch wuchtet, während ich eine Keksdose schleppe.

 

Es wird ein schöner Abend mit Pizza und Rotwein.

 

Am nächsten Morgen erwache ich davon, dass sein Wecker klingelt. Um 7.00 Uhr. Zum ersten Mal. Um 7.05 zum zweiten Mal. Warum steht der Mann nicht auf? Kaffee kochen und so? Um 7.09 Uhr ... pfff, dann stehe ICH halt auf. Erst mal kurz ins Bad, kaltes Wasser als Erste Hilfe ins Gesicht, Haare flott über die Rundbürste gerollt... "Na, gut geschlafen, Du, schon wach?" schallt es aus der Küche. Der Mann hat Humor. Möchte mal jemanden erleben, der bei DEM Klingelton nicht freiwillig wieder aus dem Koma aufersteht. Sollte er sich eigentlich als Reanimationsmaßnahme patentieren lassen. "Ja-ha" flöte ich sanft zurück, meine Gedanken geflissentlich für mich behaltend. Steht ja nicht jeder auf große Ira-Klappe bei Tagesanbruch.

 

Wenigstens ist der Kaffee inzwischen fertig. Wenn ich etwas brauche in der Frühe, dann ist es ein kräftiger Kaffee! Ich genehmige mir einen ordentlichen Schluck. "Uppss, ich dachte, das wäre ... ach so, Du trinkst morgens lieber Tee, stimmt's?" Ich schaue in ein Paar betörend blaue, doch aktuell mehr als verständnislos dreinblickende Augen. "Tee? Wie meinst Du das?" Offenbar hält er das, was er da gebraut hat, tatsächlich für Kaffee. Augenblicklich verfluche ich mein loses Mundwerk. "Äähh ... hast Du vielleicht Milch und Zucker?" versuche ich blitzartig die Situation zu retten. Seine ratlose Miene hellt sich auf: "Na, ist Dir wohl zu stark, mein Kaffee. Ja, Ihr Frauen ... könnt halt nix ab..."

 

Der gemütlichste 24. Dezember seit über 20 Jahren bahnt sich an. Ich kuschele mich mit einem Buch auf die Couch, während Peter vorübergehend in sein Büro verschwindet. Kurz nach elf Uhr ist er am Telefon: "Du, Ira, ich habe die Kartoffeln für heute Abend vergessen ... würdest Du vielleicht?" "Na klar, mache ich gerne." Ein wenig Bewegung tut mir jetzt sicher ganz gut. Also, auf in den nächsten Supermarkt. Kartoffeln, ein bisschen was zum Knabbern, Sahne könnte ich auch noch mitnehmen, für den Apfelstrudel, ja, das passt. "Ach, ist das herrlich, so ganz ohne Zwänge..." denke ich mir, als ich meine Einkäufe aus dem Auto hieve und Peter bereits wartend oben vor der Haustür treffe. Von Wiedersehensfreude überwältigt nehmen wir uns liebevoll in den Arm. Während ich mich noch zärtlich an ihn schmiege, stellt er mit belustigtem Blick aus dem Fenster fest: "Tsss, da hat irgend so ein Idiot wohl nicht aufgepasst. Siehst Du? Alles voll weißer Farbe oder so." "Du, die Leute sind echt zu blöd" stimme ich frohgemut in sein Lachen ein und betrachte interessiert die weißen Spuren, die sich exakt vom Kofferraum meines Autos ... über die gesamte Straßenbreite ... die Stufen zu seiner Wohnung empor ... über meine Jeans ... bis unter meine Füße ... Na super. Die Sahne.

 

                                 

 

Zwei Stunden später ... die Straße ist gereinigt, der Treppenaufgang glänzt wie nie zuvor, die Jeans dreht ihre Runden in der Waschmaschine, die Kartoffeln schmurgeln samt Sahne als Gratin im Ofen, Peter und ich liegen erschöpft in der Badewanne...

 

Ja, so in etwa hatte ich mir das erste Weihnachten mit meinem besuchten Mann vorgestellt.

 

Jetzt bin ich mal gespannt auf dieses Jahr... 

  

 © Text the princess

 © Fotos M. Kimiya

 © Avatar T.Charles

 

Wer im Adventskalender die ersten Türchen verpasst hat

und gerne noch nachlesen möchte...

findet sie hier:

http://www.platinnetz.de/magazin/special/adventskalender