Es war ein kleiner Zirkus, sie waren nicht mehr so viele, die meisten waren zu einem größeren Zirkus gegangen. Nur einige wenige, waren noch übrig geblieben. Sie schlugen sich durch von Dorf zu Dorf, nicht von Stadt zu Stadt, ganz selten kamen sie noch an eine Stadt und wenn, dann war es eine ganz kleine Stadt. Den Städtern hatten sie nicht mehr viel zu bieten, Sie hatten nur noch die üblichen Darbietungen, nur Haustiere, die sie dressierten und teilweise auch ernährten, einen Clown, ein paar Bodenakrobaten, einen Jongleur, eine Pferdedressur, einen Zauberer und Fräulein Miranda, die auf dem Seil tanzen konnte.
Lange schon konnten sie nicht mehr mithalten, mit den Großen, deswegen fuhren sie von Dorf zu Dorf. Dort gab es noch Leute, die sich über ihren Auftritt freuen konnten. In den großen Städten wurden sie ausgebuht, die Leute waren einfach übersättigt, mit dem was es im Fernseher gab und was die Großen boten. Wer konnte schon dagegen halten, gegen das Todesrad, oder eine Tiernummer mit vielen exotischen Tieren, oder eine Trapeznummer mit Todessalto. Dazu fehlte ihnen das Geld. Sie hatten gerade genug, dass sie alle genug zu essen hatten.
Bonzo der Clown war auch der Zirkusdirektor. Er machte die Ansagen und heizte das Publikum auf, für die nächste Nummer. Alle im Zirkus mochten den Zirkusdirektor, er war immer sehr fair und gerecht und tat alles dafür, das sie über die Runden kamen und jeder sein kleines Auskommen mit dem Einkommen hatte. Es war nicht viel, ein kleines Taschengeld, aber was brauchten sie schon. Sie hatten jeder ihr Dach über dem Kopf und gegessen wurde meistens gemeinsam, man wechselte sich ab mit dem Kochen und kochte dann gleich für alle zusammen. So lebten alle glücklich und zufrieden zusammen.
In einem kleinen Dorf in der Nähe von München, machten sie halt. Bonzo erinnerte sich, hier auf dem Dorfanger hatten sie schon mal gestanden. Er erkannte den Brunnen wieder, in der Mitte des Brunnes war eine Frau aus Stein gehauen, sie hatte eine Hand auf den Kopf eines kleinen Mädchens gelegt, so als wenn, sie es zärtlich streichelte, in der anderen Hand hatte sie einen Korb mit Blumen. Keiner der anderen Artisten hatte ein Wort darüber verloren, er hatte diesen Ort bis heute immer gemieden, nein, eher übergangen. Er hatte ihn einfach ausgelassen und war zum nächsten Dorf gefahren.
Vor dreißig Jahren war er das letzte mal hier. Damals war er sehr glücklich gewesen. Er war noch nicht Direktor gewesen, dass kam erst viel später, als der Besitzer des Zirkusses verstarb und keiner seiner Nachkommen, den Zirkus übernehmen wollte. Da hatte man ihn gefragt, ob er den Zirkus übernehmen wolle und er hatte sich bereit erklärt. Damals hatte er die Trapeznummer. Er und seine Frau waren hoch oben im Zirkuszelt über den Köpfen der Zuschauer, er hing an seiner Schaukel und seine Frau flog durch die Luft, er fing sie auf. Die Leute schrieen vor Begeisterung, wenn sie ihren Todessalto machte, mit verbundenen Augen. Sie überschlug sich mehrmals und landete sicher in seinen Armen.
Die ersten Leute aus dem Dorf kamen, sie stellten sich in einer Reihe an die Kasse.Es wurde zeit, dass er sich fertig machte. Er war zuerst dran, musste die Leute zum Lachen bringen.
Der Tag an dem er sie verlor, sie nicht greifen konnte, an den konnte er sich noch gut erinnern. Wie immer stand sie oben auf dem Trapez und verband sich die Augen, das Publikum wurde ganz leise. Die Trommler trommelten dazu, ganz leise. Sie konzentrierte sich auf sein hin und her, sie wußte immer genau wann sie abspringen mußte. Sie zählte leise mit, dann sprang sie ab. Er wollte sie greifen, sie berührten sich kurz an den Händen und dann fiel sie hinab in das Netz, das Netz gab kurz nach und schleuderte sie in die Höhe und sie schlug auf dem Boden auf. Ganz still war es im Zelt, er rutschte so schnell es ging an dem Seil hinunter um nach ihr zu schauen.
Sie lag mitten in der Manege mit verrenkten Gliedern, in ihren Augen hatte sie einen starren Blick. Er sah sofort, dass sie tot war und drückte sie weinend an sich. Er hatte sie so sehr geliebt und hatte es ihr nicht mehr sagen können.
Nun saß er hier in seinem Zirkuswagen und machte sich bereit für seinen Auftritt. . So ist das Leben, dachte er so bei sich, mit Tränen in den Augen, und malte sich ein Lachen in sein Gesicht.....................
Winnie
Das wunderschönste Lachen haben die Menschen, die am meisten gelitten, am meisten bereut, am meisten gesehen und am meisten geweint haben........
Bildquelle Karl-Heinz Laube / pixelio.de
