Martins Mutter war in den Wechseljahren und rechnete nicht mehr damit, schwanger zu werden, sein Vater hatte bei seiner Geburt die 60 überschritten, das Paar hatte bereits zwei fast erwachsene Töchter, eine sogar verlobt, Martin war der typische „Nachzügler“.

 

Die Freude über seine Geburt überschattete die brutale Nachricht: ihr Kind ist mogoloid, so nannte man das Down-Syndrom früher. Aber Martin war ein Sonnenschein, seine Eltern und Geschwister liebten das immer fröhliche Kind.

 

Nur, Martin wurde zur falschen Zeit geboren, kurz nach Ende des 2. Weltkrieges. Alle beschworen zwar die Freude über das Ende der Nazizeit, ja natürlich, keiner war ja eh ein echter Nazi gewesen! aber ganz hinten in den Köpfen der Dörfler waren noch immer die Lehren über das „Reinrassige“, das „Herrenmenschentum“ und vor allem die Überzeugung des „unwerten Lebens“ eingenistet.

 

Solange Martin klein war, gab es keine Probleme. Er sah ja auch ganz lieb aus. Erst bei der Einschulung. Martins IQ war offensichtlich viel zu niedrig. „Den kann man nur dressieren, wie einen Hund“, diese harten Worte des Amtsarztes, der die einzuschulenden Kinder untersuchte, klangen seiner Mutter noch in den Ohren, als sie weinend den Gemeindesaal,, wo die Untersuchungen stattfanden, verließ, das Getuschel der anderen Mütter über den depperten Bub war gnadenlos.

 

Martins Aussehen, sein wiegender Gang, sein begrenzter Wortschatz, seine verlangsamte Auffassungsgabe, sein ständiges Lächeln und Vorsichhinsummen, das alles war den Dörflern suspekt, sie verboten sogar ihren Kindern Kontakt zu Martin, denn „man weiß ja nie“.

 

Martin wurde größer und verlor das niedlich Kindliche. Er war ein typisch pubertierender Jugendlicher und schaute natürlich auch nach Mädchen, denen er sich in seiner leider plumpen Art im Schwimmbad nähern wollte. Die Dorfburschen verprügelten ihn, bis er grün und blau war. Er wurde mehr und mehr zum Sonderling.

 

Wenn Martin die katholischen Prozessionen nachspielte und mit einem Bund Weizenähren singend durch die Felder lief, oder er in einem Neubau Eimer voller Farben fand und damit die Wände bemalte, wurde das im Dorfklatsch breitgetreten: so was kann ja nur ein Depp machen!

 

Fördereinrichtungen wie heutzutage gab es nicht. Beschützende Lehrstätten, betreutes Wohnen, alles Dinge, die Martin und seinen Eltern nicht zur Verfügung standen. Sie waren mit sich und ihrem Problem alleine...und nicht nur das: sie waren den Anfeindungen ihrer direkten Umwelt ausgesetzt, die ihnen immer wieder direkt oder indirekt sagte: euer Kind ist ein Depp!

 

Martins Vater verstarb, als sein Sohn gerade 15 Jahre alt war. Die Schwestern waren schon längst verheiratet und weggezogen. Nur die Mutter war Martins fester Halt. Und nicht nur das: sie kämpfte gegen verkrustetes Denken, gegen die Ablehnung Behinderter, sie wuchs über sich selbst hinaus: sie lief von Pontius zu Pilatus um um Geldmittel zu bitten, sie warb unermüdlich für ihre Idee uns schaffte es tatsächlich: sie wurde zur Gründerin eines Pflegeheimes für behinderte Kinder und Jugendliche, eine Einrichtung, die bis dahin in ihrer ländlichen Gegend völlig unbekannt war.

 

Wie diese kleine zierliche Frau diese Riesenkraft aufgebracht hatte, sich alleine gegen alle Anfeindungen zu stemmen und bis zu ihrem Tod ihr Kind wie eine Löwin beschützte und dabei noch die Zeit fand, so ein Lebenswerk wie das Zentrum für behinderte Kinder ins Leben zu rufen, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich bewundere sie dafür.