Eines Tages sitzt der alte Mann wieder an diesem Bach auf seiner Bank, starrt mit seinen dunklen braunen Augen und grimmigen Gesicht in den Bach. Wieder hat er seinen dunklen, großen Hut weit ins Gesicht gezogen und nicht eine Fliege auf seiner Nase kann ihn dazu bewegen sich zu rühren. Die Sonne strahlt vom Himmel, kein Schatten legt sich auf die Bank, Enten und Gänse fühlen sich im Wasser des Baches richtig wohl, doch der alte Mann, ihn rührt dies alles nicht. Das Getöse spielender Kinder vom angrenzenden Kinderheim scheint er gar nicht zu bemerken. Man könnte fast glauben, er sei nicht nur blind sondern auch taub, wüsste man nicht dass er sprechen und hören kann. Wie der alte Mann so da sitzt, kommt ein kleiner Junge auf ihn zu, bleibt vor ihm stehen und schaut ihn mit seinen großen Kinderaugen an. Nichts was sich bei dem Mann bewegt, er schaut durch den Jungen hindurch, so hat es den Anschein. Der Junge Mann, er ist gerade so um die 5 Jahre alt, setzt sich an den Rand der Bank und schaut auch in den Bach. „Ich sehe Dich jeden Tag hier sitzen, bist Du alleine?“ fragt er den Alten. Doch es kommt keine Antwort zurück. Der Kleine sitzt da wie der Alte, schaut auch auf den Bach und den Enten und Gänse zu und schaut ihn erst beim sprechen gar nicht mehr an. „Weißt Du, ich bin auch allein, da drüben in dem Kinderheim lebe ich. Weißt Du, meine Eltern sind als ich noch sehr klein war mit dem Auto unterwegs gewesen, da haben sie einen Unfall gehabt, nun schauen sie vom Himmel auf mich herunter“ erzählt der kleine Mann weiter. Dann schaut er den Alten an, berührt mit seinen kleinen Händen die große Hand des Mannes und streichelt sie. „Weißt Du, gerne hätte ich so einen Opa wie Dich, mit dem ich spielen könnte, der mir viel beibringen und erzählen möchte, aber den gibt es auch nicht in meinem Leben, so hat man mich eben in dieses Heim gesteckt“ versucht er ihm weiter über sich zu berichten. Doch bei dem Alten ist keine Regung zu sehen, nur die Sonne, die einen Strahl auf seine Augen wirft, lässt erkennen, sie werden feucht. Aber es kommt keine Unterhaltung zustande, was auch der kleine Mann noch alles zu erzählen vermag. Wie aus einem Wasserfall kommen die Sätze nur so heraus gesprudelt. Dann ertönt eine Glocke. „Ich muss gehen, mein Ausgang ist zu Ende, die Schwester wird sonst böse wenn ich nicht da bin, aber ich komme morgen wieder, dann kannst Du mir ja etwas von Dir erzählen“ ruft er im weglaufen noch dem alten Mann zurück. Der bleibt noch, obwohl seine Zeit schon um war, noch eine viertel Stunde sitzen, ehe dann auch er aufsteht. Noch etwas langsamer als gewohnt geht er seinen Weg zurück nach Hause, mit demselben sturen und mürrischen Blick, doch mit dem einen kleinen Unterschied, in seinen Augen stehen Tränen, die er nicht verbergen konnte, die man allerdings durch seinen ins Gesicht gezogenen Hut auch nicht sehen konnte.
Die kommenden Tage dann wartet der Junge vergeblich auf den Alten. So oft er schaut, zu allen möglichen Zeiten, die Bank bleibt leer, ein anderer traut sich nicht hin zu sitzen, nur der Alte sitzt dort und sonst gesellt sich keiner zu ihm. Denn inzwischen möchte auch keiner mit ihm etwas zu tun haben. Eine ganze Woche geht um, eine zweite Woche verstreicht, keiner weiß was geschehen war, keiner sieht ihn auf der Strasse gehen, keiner bekommt ihn zu Gesicht. Aus Angst und Respekt vor ihm will auch keiner an die Türe gehen und nach ihm sehen und fragen. Die Nachbarn hatten schon ein schlechtes Gewissen, denn es könnte ja etwas passiert sein, er könnte einen Herzschlag oder Schlaganfall erlitten haben. Doch man traute sich nicht einmal nach der Polizei zu rufen, man nahm einfach an dass er bestimmt verreist wäre. Vierzehn Tage gehen vorüber, bis er wieder sein Haus verlässt, seinen Spaziergang wie immer an den Bach und an die Bank macht. Kaum nimmt er Platz, da kommt auch schon der kleine Junge angerannt und setzt sich zu ihm. Der alte Mann sitzt steif wie immer da, doch der Junge nimmt gleich wieder seine Hand und fragt ihn „Wo warst Du denn die ganzen zwei Wochen? Ich habe jeden Tag auf Dich gewartet, doch ich sah immer nur die leere Bank!“ Doch der Alte rührte sich wieder nicht und der kleine Mann setzt sich wieder so hin wie der Alte sitzt. Er erzählt ihm was alles in den letzten zwei Wochen so geschehen war. Und dann stellte er ihm wieder Fragen. „Warum sind eigentlich die Leute hier auf Dich so böse?“ wollte er dann wissen. „Weißt Du, ich habe im Heim von Dir erzählt, dann wollte die Schwester mir verbieten Dich zu sehen, ich sollte Angst vor Dir haben, sagte sie“ berichtet er dem Alten weiter. „Aber ich habe dann gleich gesagt dass Du ein liebenswerter Opa bist, dass Du nur alleine bist und deshalb so komisch wirkst“. Dann dreht der Mann zum ersten Mal seinen Kopf zu dem Jungen hin, schaut ihn an und drückt seine kleine Hand. Seine Augen waren nicht mehr so dunkel, aber sie strahlten auch noch nicht. Dann stand er wieder entgegen seinen Vorsätzen dieses Mal früher auf als sonst und ging weg. Noch bevor die Glocke aus dem Heim klingelte und ließ den Kleinen alleine sitzen. Er schaute nicht mehr um, ging seinen Weg und wieder bekam man ihn Tage nicht mehr zu sehen. Sieben Tage lang schaute der Kleine wieder vergebens auf die Bank. Trotz den schönen Wetters blieb sie leer. als er zu dem zu sprechen beginnt. „Wie heißt Du denn“ fragt er ihn, „Benjamin, aber alle nennen mich einfach nur Benny, so darfst Du mich auch nennen“ antwortet er zurück. Der alte Mann schaut wieder zu dem Bach hin, dann zu Boden. „Du hast keine Eltern mehr, keine Geschwister, keinen Onkel, Tante, Großeltern“ will er nun wissen. Benny antwortet mit etwas getrübter Stimme „ Nein, hier nicht, meine Großeltern leben irgendwo, ich kenne sie nicht, Onkel und Tanten habe ich auch nicht, auch keine Geschwister, darum bin ich auch hier gelandet, dass Jugendamt hat mich hier her gebracht“. „Weißt Du Benny,“ fährt der alte Mann fort, das Leben hat Höhen und Tiefen, man geht ein Leben lang einen Weg, weiß nie ob es der Richtige ist, denkt man, man hätte das Ziel erreicht, dann war es nur eine Täuschung. Du bist noch jung, hast Deinen weg vor Dir, ich bin alt, bin ich schon gegangen, irgendwann muss ich eine falsche Richtung eingeschlagen haben“! Benny steht auf, stellt sich vor ihn hin, dann kniet er vor ihm auf den Boden und schaut ihn mit fragenden Blicken an. „Noch kannst Du es nicht verstehen, es fehlt Dir jemand, jemand der Dich an der Hand nimmt und dich ein Stück Deines Weges führt. Wenn Du ihn gefunden hast, der es ehrlich mit Dir meint, stoße ihn nicht ab, geh mit ihm“ versucht der alte Mann die fragenden Augen zu beruhigen. „Erzähl mir von dir, von Deinem Weg, warum glaubst Du einen falschen Weg eingeschlagen zu haben, bist Du darum so alleine und so traurig!?“ Die Augen des Alten werden wieder feucht, er nimmt seinen Stock zur Seite, nimmt seinen Hut ab und legt ihn auf die Bank, nimmt den kleinen Mann an der Hand und setzt ihn auf seinen Schoß. „Ich hatte auch so einen kleinen Jungen wie dich, weißt Du, er heißt auch Benjamin, ist heute schon groß und erwachsen, geht seinen eigenen Weg. Auch eine Tochter habe ich, sie ist ein paar Jahre jünger als mein Sohn“ versucht der Alte zu erklären. „Aber dann bist Du ja gar nicht alleine“ erwidert der Junge. „Oh doch mein Sohn, noch mehr als Du“ kommt es mich zaghafter Stimme. „Meine Frau ist vor 15 Jahren gestorben, meine Kinder haben alles von mir bekommen, eine gute Ausbildung, ein Auto, ein schönes Leben, aber all das war ihnen nicht genug. Alle beide hatten keine ehrlichen Freunde, sie haben sie nur ausgenutzt und als alles Geld weg war wollten sie immer mehr von mir, doch ich wollte ihr liederliches Leben nicht länger unterstützen und bat sie selber Geld zu verdienen, das nötige Handwerkszeug habe ich ihnen ja mitgegeben, in Form von einer guten Ausbildung“. „Und dann, warum bist Du alleine“ hackt der kleine Mann nach. „Als sie von mir kein Geld mehr bekamen, blieben sie fern, 10 Jahre ist es nun schon her, kein Wort, kein Brief, nichts, irgendwann habe ich erfahren das ich Großvater geworden bin, habe meinen Enkel noch nie gesehen“. Benny nimmt ihn in den Arm und sagt „dann nimm doch mich, ich bin auch allein, ich wünsche mir so sehr einen Opa und Du wünscht Dir so sehr jemanden der Dich lieb hat“. Bennys Augen strahlen den Mann an, wenn auch die Blicke wieder fragend sind. „Wenn das so einfach wäre“, denkt sich der Alte, schaut den kleinen Bengel an und ein kleines Lächeln steht in seinem Gesicht. Dann wieder die Glocke, Benny steht auf, „ich muss wieder gehen, bis morgen, bitte, bitte, komme, ich werde da sein“ bittet er den Alten Herrn, der ihm nachschaut und ihm nach winkt, „ja, ich werde kommen mein Sohn, ich bin morgen wieder hier“ kommt es ganz leise über seine Lippen, nimmt den Hut, den Stock und geht aufrechten Hauptes des Weges zurück nach Hause.