Der Erste
Manches vergisst man nieDer Erste
Ich erinnere mich gern und ohne jeden Groll an ihn. An gemeinsame Stunden, die wenn auch selten, doch voll Liebe waren.
Er war mittelgroß, blond, hatte die schönsten blauen Augen der Welt und morgens einen Kratzebart.
Er, der so viele Berufe ausübte, hatte Hände, die von schwerer Arbeit gezeichnet waren. Als ich ihn am stärksten liebte, mit jenen Gefühlen die keine Begründung brauchen, arbeitete er in der Landwirtschaft.
Hatten wir des Abends Zeit füreinander, wollte ich ihn heiter stimmen und er malte mir Bilder.
Er malte mit einer, mir unbekannten Melancholie, was er den ganzen Tag lang sah: Kühe, Pferde, Hunde und Katzen.
Und ich liebte seine Tiere!
Oft fuhr er mit dem Motorrad.
Gern hatte er mich als Sozia dabei.
Ich hasste das Motorrad nicht erst, seit ich während einer Fahrt vom Sitz gefallen und in den Straßengraben gekullert war.
Ich rappelte mich auf, lief an den Fahrbahnrand und wartete in unerschütterlichem Vertrauen auf seine Rückkehr.
Nie vergessen habe ich seinen Gesichtsausdruck, der zwischen „Sorge zeigen“ und „Lachen wollen“ schwankte.
Später band er mich mit einem Gürtel an seinen Körper fest.
Mit dem Gürtel kam der Tag an dem ich heiter aufs Motorrad stieg. So stellte ich mir vor, wir würden gemeinsam vom Sitz fallen und in den Straßengraben kullern, bis wir vor Lachen nicht mehr konnten, während das Motorrad allein weiter fuhr.
Waren wir zusammen, nahm ich gern seine Hand, um ihm zu zeigen, dass ich zu ihm gehörte und wir unzertrennlich waren.
Und doch verloren wir uns einmal auf einem Bahnhof.
Ich saß, in ein Buch vertieft, auf meinen Koffer. Er sagte mir wohl, dass er mal weg gehe, aber ich nahm die Nachricht nicht bewusst auf, sondern eher als eines der üblichen Bahnhofsgeräusche.
Als ich aufschaute und sein Fehlen bemerkte, geriet ich in Panik. So richtige Panik, bei der man siedendheiße Hitze aufsteigen fühlt. So musste sich Schneewittchen nach dem Aussetzen im Wald gefühlt haben.
Ich bat verzweifelt darum, ihn ausrufen zu lassen. Tränen der Erleichterung, als er mich, nach endlos erscheinenden Minuten wieder in die Arme nahm.
Der erste Mann - obwohl ich ihn verlassen habe, liebe ich ihn immer noch!
Manchmal besuche ich ihn mit meinem Ehemann.
Dann fragt er mich: “Wie geht es Dir?“ Und: „Bist du glücklich?“
Ich antworte jedes Mal, während meine Augen sein Gesicht streicheln:
„Es geht mir gut und ich bin glücklich, Papa.“
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