Als die Sonne hinter den Pyrenäen versunken und sich die Dunkelheit wie ein Schleier über dem Himmel geschlossen hatte, war es erst siebzehn Uhr gewesen. Winter, und als es langsam dämmerte, hatte er schon Deutschland erreicht gehabt, und links und rechts von der Autobahn hatte Schnee gelegen. Frost, Kälte, bedrückende Gewissheit, dass er sein kleines Paradies in Benidorm nicht so bald wieder sehen würde.
Er hatte sich ankündigen, sie aber in Wirklichkeit kontrollieren wollen, hatte gewusst, dass sich ein Arbeitskollege seiner Frau sehr um sie bemühte. Sie hatte ihm immer wieder geschworen, treu zu sein, den Komplimenten nicht auf den Leim zu gehen. Aber sie hatte sich nicht gemeldet, als er anrief.
Adrenalin überflutete seine Blutbahnen. Eine Mischung aus Angst, Wut und Verzweiflung machte sich in ihm breit.
Er war schon immer eifersüchtig gewesen. Seit seiner frühesten Jugend hatte er es nicht vertragen können, wenn seine Freundinnen mit anderen Jungs ausgingen, und diese Eifersucht hatte nie nachgelassen. Und sie schien auch der Grund dafür zu sein, dass sich seine Frau immer mehr von ihm abwandte. Er spürte doch, dass er ihr zuwider wurde, auch wenn sie es immer wieder abstritt,
Schon während der Silvesterfeier mit Freunden hatte ihn wieder diese Unruhe gepackt. Sangria literweise, und spanische Musik hatten ihn nicht daran hindern können, seine Frau anzurufen, um ihr einen guten Rutsch zu wünschen. Während andere fröhlich waren und den Flamenco auf das Parkett stampften, hatte er es durchklingeln lassen. Aber sie hatte nicht abgenommen. War sie nicht zu Hause gewesen?
In Höhe Frankfurt fuhr er auf einen Rastplatz und versuchte es noch einmal. Wieder ließ er es durchklingeln, und wieder meldete sich niemand. Jetzt versuchte er es über ihr Handy.
„The person, you have called...“
Sie war also nicht zu erreichen.
Sicherlich, er hatte bis zum fünften Januar Urlaub. Eher erwartete sie ihn nicht, und es konnte sein, dass sie ihre Schwester besuchte, aber dann hätte sie doch ihr Handy dabei gehabt.
Es dämmerte bereits in Höhe Hannover. Wieder versuchte er es. Wieder meldete sich niemand.
„The person, you have called...”
Seine Unruhe verstärkte sich. Er fuhr auf jeden Parkplatz und versuchte es wieder. Konnte es nicht sein, dass ihr etwas zugestoßen war? Lag sie vielleicht mit einem Beinbruch neben der Badewanne? Er hatte ihr immer wieder geraten, vorsichtig aus der Wanne zu steigen, aber sie hörte ja nicht auf ihn.
In Höhe Braunschweig war es bereits dunkel. Die Ladung seines Handys ging zur Neige. Bis Berlin war es nur noch eine gute Stunde, wenn er sich beeilte und nicht zu viele LKW’s unterwegs waren.
Als er den Funkturm passierte, schlug sein Herz bis zum Halse. Bald würde er Klarheit haben, würde wissen, was ihr geschehen war, und ob sie ihn verlassen hatte.
Er hielt in zweiter Reihe. Die Knesebeckstraße war mal wieder vollgeparkt, und zwischen den Autos lagen Haufen schmutzigen Schnees, vermischt mit Split, Dreck und leeren Zigarettenschachteln. Er sprang über den letzten Haufen, trat in einen Haufen Hundekot und stürmte den Eingang. Er schob den Schlüssel ins Schloss und wollte drehen...
Der Schlüssel passte nicht.
Er ließ sich auf die Treppenstufen fallen, stützte die Ellenbogen auf den Knien, weinte gegen seinen Willen: Sie hatte ihn verlassen.
Warum nur? War seine Eifersucht so unerträglich für sie gewesen? Hatte er sich nicht bemüht, seine Gefühle zu dämpfen, in den Griff zu bekommen? Hatte sie nun doch aufgegeben und war zu dem anderen gegangen? Der, den er nicht bekämpfen konnte, weil er ihn nicht kannte und deshalb nicht zu fassen bekam?
Seine Verzweiflung wich einem unbändigen Zorn. Wahrscheinlich hatte sie seine Abwesenheit genutzt, um die Wohnung auszuräumen. Er hatte sie gebeten, ja, angefleht, über Weihnachten und Silvester mit ihm in ihr Haus in Benidorm zu fahren und mit den spanischen Freunden zu feiern, schon, um sie unter Kontrolle zu behalten, aber sie hatte abgelehnt, sich frei zu nehmen. Wohl nicht, weil sie hatte arbeiten müssen, wie sie angab, sondern, weil sie die Zeit nutzen wollte, um die Wohnung auszuräumen.
Es waren seine Möbel. Sie war mit nichts gekommen als dem, was sie am Leibe getragen hatte. Hatte sie ihn nicht nur um seine Liebe, seinen Lebensinhalt, sondern auch um sein Eigentum gebracht?
Sein Blutdruck stieg. Es hämmerte in den Schläfen. Nein, so würde sie ihm nicht davon kommen. Die nächste Polizeiwache war nahe.
Draußen, sein Auto in zweiter Reihe, ein blauer Streifenwagen davor mit silberner Aufschrift „Polizei“ kam ihm wie gerufen.
„Sie, ich wollte...“
„Ja, det kennen wir schon“, sagte der Hauptwachtmeister. „Nur mal kurz watt holen.“
„Nein, ich komme nicht in meine Wohnung. Meine Frau...“
Er zeigte seinen Ausweis, seinen Führerschein.
Der Wachtmeister sah ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. „Ick weiß Bescheid, fahren se mal janz langsam hinter uns her. Aber nich so uffjeregt, sonst bauen sie noch een Unfall.“
Was war geschehen? Warum hatte der Polizist das Wort Unfall so betont? War sie vielleicht einem Unfall, vielleicht sogar einem Überfall zum Opfer gefallen? Würde man ihn ins Leichenschauhaus bringen? Zur Identifikation?
Mein Gott, was war nur passiert? Er konnte das Lenkrad kaum ruhig halten und gab auf schneeglatter Fahrbahn viel zuviel Gas.
„Also“, begann der Diensthabende hinter seinem Tresen. „Das war so. Ihre Frau wollte die Gelegenheit nutzen, ein paar Tage zu ihrer Schwester zu fahren.“
„Hat sie gesagt. Ja“, höhnte er.
„Und damit die Katze versorgt wurde, hat sie den Schlüssel der Nachbarin in den Briefkasten geworfen. Angeblich, aber da war er nicht, und damit die Katze nicht verhungert, haben wir das Schloss....“
„Gottseidank“, jubelte er, aber erst, als er den Zweitschlüssel auffing, den ihm der Diensthabende zuwarf.
Ihr Handy lag auf dem Wohnzimmertisch. 25 Anrufe in Abwesenheit, stand auf dem Display, als er es anschaltete.
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© für Bild &Text: Jürgen Berndt-Lüders
