Zwei Tage vor Heiligabend, der Wohnbereich ist festlich geschmückt mit Weihnachtsbäumen, die nicht nadeln und Kerzen, die kein Feuer entfachen können....
Ich habe Spätdienst, es ist 14.30 Uhr, die meisten Bewohner halten noch ihren Mittagsschlaf, andere sitzen im Tagesraum und dösen vor sich hin.
In einer halben Stunde muss ich los, Kaffee und Kuchen verteilen d.h. ich muss mich beeilen, diejenigen, die noch im Bett liegen, in den Aufenthaltsraum zu bringen.
Die wenigsten von ihnen können das selbständig tun. Sie bewegen sich mithilfe eines Rollators oder sitzen im Rollstuhl. Einige von ihnen sind so schwer und immobil, dass ich zum Transfer einen Hebelifter benötige und meine Kollegin noch dazu!
In der Zwischenzeit höre ich immer wieder die alarmgesicherte Eingangstür aufgehen....ach ja, Frau Altmann, schwerst dement, versucht wieder mal die Einrichtung zu verlassen.
Einen Tag vorher haben wir sie 4 mal abholen "dürfen"....vom Pförtner, vom benachbarten Krankenhaus, da wurde sie auf dem Parkplatz aufgegriffen.

Nun läuft sie mir an diesem Nachmittag zum x-ten Mal über den Weg und fragt: "Ach, sagen Sie mal, suchen Sie auch den Ausgang?"
Ich musste daraufhin schallend lachen und antwortete:
"Ich weiss wo der Ausgang ist, aber ich darf nicht...!"
"Ja, sehen Sie...", sagt sie daraufhin, "Ich darf, ich darf überall hingehen wo ich will!"
"1:0 für Sie, Frau Altmann", sagte ich daraufhin und machte mich ran an meine Arbeit...

Kaffee und Kuchen sind verteilt, einigen von den Bewohnern muss man aber Essen und Getränke reichen. Sie sind entweder durch Demenz oder durch Kontrakturen (Gelenkversteifungen, die u.a. durch Schonhaltung entstehen) nicht in der Lage selbständig zu essen.

Frau Altmann sitzt derweil am Tisch in der Nähe des Fahrstuhls (Vorsicht!!!), um sich herum vermutlich hunderte von Schokoladenstückchen..
"Ich habe gerade einen Weihnachtsmann zertrümmert!", erklärt sie mir ganz stolz, "jtzt decke ich damit den Tisch für morgen früh".

Ich nehme das mit einer, mittlerweile antrainierten, Gelassenheit zur Kenntnis und mache mich wieder an die Arbeit: Toilettengänge, Windelrunde, Lagerungen, die 2-stündlich durchgeführt werden um Druckgeschwüre zu verhindern.
Wie bei Frau Meyer zum Beispiel, die sich bei einem Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zuzog, operiert wurde und jetzt im Bett liegt. Die Wunde hat sich entzündet und will nicht heilen, aber Frau Meyer versteht es nicht, dass sie den Verband nicht ständig entfernen soll...

Vor einer Stunde habe ich erfahren, dass Frau Meyer gestorben ist.
Das macht mich traurig, auch wenn ich versuche gegen solche Gefühle anzukämpfen. Und auch wenn ich weiss, dass wir alle kommen und gehen und dass das der Lauf der Dinge ist...

Warum ich das jetzt aufschreiben musste?
Es geht um unseren aufgeblasenen Mikrokosmos. Wenn diese Blase aber platzt, dann sieht man, wie sich unser Leben auf ganz wenige Dinge reduzieren kann.
Mir persönlich hilft das jedes Mal, wenn ich schlecht gelaunt bin, irgendein Wehwechen habe oder "nichts zum Anziehen"...!

Ich entschuldige mich im Vorfeld für eventuelle stylistische und grammatikalische Fehler...deutsch ist nun mal nicht meine Muttersprache..

und wünsche allen noch ein besinnliches Weihnachtsfest!