Sein gutes Herz sorgte letzten Winter dafür, dass er in den Betriebsferien, die von Weihnachten bis zum Dreikönigstag dauerten, Bolle, den Hund seiner Chefin, in Pflege nehmen durfte.
Björn und Bolle kannten sich vom Büro, in dem Bolle mehr Platz zur Verfügung hatte als die Zweibeiner, die dort sogar arbeiteten, statt nur rumzuliegen und nach Leckerlis zu betteln.
Seltsam, dass die Chefin immer dann in der Mittagspause noch zu tun hatte, wenn das Wetter mies war. Dann ging Bolle mit Björn Gassi, denn der trug inzwischen Glatze, während der Regen die Dauerwelle der Chefin ruiniert hätte.
Während Björn danach auf Socken neben der Schüssel mit handwarmem Wasser kniete und Bolle darin die Pfoten wusch, kochte die Chefin Kaffee und freute sich, weil Bolle wohlig grunzend das Abrubbeln mit dem Duschlaken genoss.
Heiligmorgen zog Bolle bei Björn ein, mit Hundekorb und einer LKW-Ladung Hundefutter. Leine, Duschtücher, Hundeshampoo…Frauchen hatte an alles gedacht, knuddelte ihren Hund, winkte Björn kurz zu und entfleuchte.
Weihnachten gestaltete sich dann typisch männlich…zu viele Kalorien, zu wenig Bewegung, jede Menge Filme auf DVD.
Am 27.12., gleich früh am Morgen, lernten sich erst Bolle und die kleine Lilo kennen, dann entdeckte Björn Lilos Frauchen Dagmar. Die Hunde waren beide noch relativ jung und tobten ausgelassen im Schnee. Da würde wenigstens Bolle die Pfunde abtrainieren, denn Björn konnte seinen bettelnden Blicken nicht widerstehen. Dabei hatte die Chefin ihn noch ermahnt, nicht zu viel zu füttern. Dagmar war in der Weihnachtszeit auch sehr großzügig gewesen und so beschloss man, am Nachmittag mit den Hunden am nahen See spazieren zu gehen.
Alles war ganz wundervoll, bis Bolle die Enten entdeckte, die auf der noch offenen Stelle im See schwammen. Mit einem Satz war er auf der Eisfläche, hetzte zu der Stelle, von der das Geschnatter kam und brach kurz vor der offenen Stelle durchs Eis. Seine Versuche, wieder aus dem eiskalten Wasser zu klettern, misslangen. Immer brach die Eiskante weg und bald schien Bolle auch die Kraft zu verlassen und er begann zu winseln.
Mit einem üblen Fluch riss sich Björn die Kleidung vom Körper, bis er nur noch seine Unterhose trug und eilte Bolle zur Hilfe. Natürlich brach auch er ein, denn das Eis hatte sich erst zwei Tage vorher gebildet und trug gerade mal Enten.
Obwohl Dagmar behauptet hatte, das Ufer wäre hier ganz seicht, stand Björn bis zur Hüfte im Wasser, ehe er Bolle packen und herausziehen konnte. Ein Hund, der trocken vierzig Kilo wiegt, kommt nass auf das Gewicht eines Elefanten. Der Dickhäuter wollte nur noch weg aus dem kalten Wasser und kletterte triefend auf Björns Schulter. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die trocken und halbwegs warm geblieben wäre.
Inzwischen hatte sich ein gutes Dutzend Schaulustige eingefunden, die weder an Lob noch an Spott sparten. Besonders seine Unterhose mit den recht verwaschenen Herzen sorgte für Gesprächsstoff. Das gute Stück war ein Geschenk von Veronika, die ihn damals mit den Worten, er sei wahrlich kein Supermann, nicht mal ein Gentleman aber er sei der König der Dullmänner, sitzen ließ. Jetzt hätte sie Gelegenheit gehabt, Björns Heldentum zu bewundern.
Dagmar reichte Björn ihren Schal, damit er sich abtrocknen konnte, denn sein Unterhemd war das erste Teil, auf das Bolle sich stürzte, als Björn ihn auf den Boden setzte. Der Hund war inzwischen halbwegs trocken, die Leute um ihn herum nass..die konnten sich, ebenso wie Björn, das Wasser nicht herunterschütteln.
Dagmar verhielt sich vorbildlich! Sie veräppelte Björn nicht, sondern lobte ihn für seinen tapferen Einsatz. Für den Silvestermorgen verabredeten sie sich zu einem Fußmarsch über eine etwas weiter entfernte Kohlenhalde, an der es weit und breit kein Gewässer gab…vorsichtshalber! Abends könnte man dann vielleicht gemeinsam..wo sich doch die Hunde so gut verständen…Björn war beinahe euphorisch.
Silvestermorgen um Punkt neun Uhr stand Lilo mit Frauchen und dem flatschneuen Mazda vor Björns Haustür. Nach dreißig Minuten Fahrt gehörte ihnen das weitläufige Gelände fast allein. Die Hunde rannten und tobten, schnüffelten die Hundezeitung und schienen glücklich. Björn unterhielt sich prächtig und die Zeit verging wie im Fluge.
„Lilo! Nicht in diese Hütte! Wenn da die Halbstarken feiern, liegen da lauter Scherben drin! Komm her,“ befahl das Frauchen und Lilo kam. Bolle war auch in diese Hütte gerannt, kam aber trotz mehrmaligem Rufen nicht heraus. Björn pfiff…auch mehrmals und als er sich gerade wütend auf den Weg zur Hütte machen wollte, kam Bolle angelaufen…nassglänzend!
„Hast du Wasser gefunden? Du bist ja ganz feucht,“ bemerkte Björn und wich angewidert zurück als er sich zu Bolle herunter beugte. Der Hund stank! Und zwar so bestialisch, dass Björn sein Frühstück fühlte, das sich anschickte, ihm nochmals durch den Kopf zu gehen.
„Uaaaahhhh! Wo war der denn?“ Auch Dagmar hatte eine ungesunde, grüne Gesichtsfarbe.
Als Quelle des Gestanks machte man einen verwesenden Tierkadaver aus, der inzwischen gut von Maden bewohnt war. Die steckten jetzt auch in Bolles Ohren, die groß wie holländische Pommestüten waren. Björn wusste ja, wie gern Bolle sich schubberte, mit Kopf nach unten und Hintern nach oben, in Duschtüchern, Unterhemden oder auch im Hundekorb. Durch diesen Kadaver war er wohl auch noch mit dem Rücken gerutscht, er musste sich richtig darin gewälzt haben, denn an Bolles Fell gab es keine Stelle, die nicht matschig feucht war.
Natürlich war es Lilo und ihrem Frauchen nicht zuzumuten, mit diesem stinkenden Hund in einem Auto zu fahren. Das stank zwar auch sehr neu, war jedoch nicht glitschig und madenfrei. Lilo fuhr mit Frauchen los und Björn, der sich sonst immer ärgerte, weil Bolle so an der Leine zog, starb tausend Nasentode, weil Bolle an seinen Knien klebte wie ein Schutzhund bei der Prüfung in Unterordnung.
Björn berichtete, dass die Innenstadt eigentlich sehr voll war, denn jeder musste noch einkaufen. Er und Bolle wären allerdings wie durch eine Rettungsgasse gegangen…obwohl sich bestimmt nur die anderen gerettet hatten, vor diesem Gestank. Björn musste zwei Stunden durchhalten. Bei der Autofahrt war ihm der Weg kürzer vorgekommen.
Rein aus erzieherischen Gründen bekam Bolle eine erste Grundreinigung per Wasserschlauch im Garten. Als er sich danach schüttelte, flogen Björn die Maden aus Bolles Ohren um die Beine. Nun entschied sich Björns Frühstück endgültig für den Rückmarsch.
Aus dem zweiten Stock maulte die olle Siebenbeck, wie man nur kurz nach Mittag am Silvestertag schon so besoffen sein könne. Björn überlegte, ob er Bolle zu ihr rauf schicken sollte. Der erste Glibber war raus aus dem Fell, der Gestank krallte sich jedoch hartnäckig weiterhin an Bolle fest.
Bis die Damen am Abend erschienen, hatte Bolle drei Wannen- und zwei Duschbäder hinter sich. Daggi meinte, er dufte wie Eiershampoo. Björn hatte den Gestank immer noch in der Nase. Lilo war von Bolle nicht mehr so begeistert, der roch so seltsam.
Aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert!
