Dann rannte er zu seinem Hauseingang. Winkte mir, dass ich ihm ja eilig nachfolgen sollte. Ich verstand den Kleinen, obwohl die Eile objektiv unnötig war. Denn daß sein geliebter Kater Moritz tot auf dem Fussabstreifer lag, daran gab es keinen Zweifel. Mir fuhr der Schreck in die Glieder. So wie ich die Sache einschätzte, hatte irgend ein Idiot, irgend eine Idiotin aus der Nachbarschaft das Tierchen vergiftet. Um Ruhe zu haben vor Tierlärm. Und Marco tat mir in der Seele leid. Und seine Mutter gleich mit. Denn erst von kurzer Zeit hatte sein Vater, ihr Mann, die Familie verlassen. Und jetzt auch das noch. Ein Unglück kommt selten allein.
Das rotblonde Kerlchen schaute mit großen Augen zu mir auf. Zeit für Tatsachen. "Marco. Dein Moritz lebt nicht mehr". Der Junge sackte förmlich in sich zusammen. Ich war schon bei ihm, hielt ihn fest. Er drückte sich an mich und weinte mich nass. Sein Körperchen wurde dabei durch und durchgeschüttelt. Eigentlich hatte ich gar keine Zeit. Aber jetzt nahm ich sie mir einfach. Das sonst so lebenslustige Kind war es mir wert.
Irgendwann ebbte sein Schluchzen ab. Ich versuchte zu trösten. In solchen Momenten ist es wirklich egal, ob man selbst dran glaubt: "Deinem Moritz geht´s aber jetzt trotzdem gut. Seine Seele ist im Katzenhimmel, dort spielt er mit vielen anderen Tieren". Marco schaute wieder zu mir hoch, fragte mit zittriger Stimme "Beim lieben Gott?". - "Ja klar, Gott mag doch Katzen auch sehr. Wahrscheinlich streichelt er sie gerade auf seinem Schoss, weil sie neu bei ihm angekommen ist."
Der Junge atmete tief durch. Er wollte das glauben. Ehrlich gesagt: ich auch. "Marco, aber seinen Körper, den beerdigen wir zusammen. Bei mir hinterm Haus, dort wo Moritz sich so gerne gesonnt hat. Dann kannst Du jederzeit sein Grab besuchen, wenn Du an ihn denkst. Einverstanden?"
Die Antwort kam zögerlich,kaum hörbar und mit erstickter Stimme: "Ja". Danach atmete der kleine Mann ein paarmal tief und hörbar durch.
"Komm mit" forderte ich ihn auf. In meinem Hobbyraum kreierten wir einen schönen Sarg. Aus einem etwas größeren Schuhkarton, einem roten Gardinenrest. Und einer Idee Marcos zufolge auch den Lieblingsspielsachen seines Tierchens: Holzkugel und Geschenkpapierschleife. Ein bisschen Futter. Für alle Fälle..."Jetzt schau ihn zum letzten Mal an. Wenn Du willst, darfst Du gerne auch noch für ihn beten."
Marco nahm sich lange Zeit für den letzten Blick. Und für sein Gebet. Die Tränen liefen ihm wie kleine Bäche die Wangen herunter. Ich stand seitlich neben ihm, hatte einen Arm um seine schmale Schulter gelegt. Irgendwann drehte er sich zu mir um, fragenden Blickes.
"Dann geh schon mal raus, und suche Dir den Grabplatz aus. Die Schaufel hier nimmst Du bitte auch mit, die brauche ich nachher". Er gehorchte, bestand nur noch aus Ernsthaftigkeit. In Windeseile nahm ich den toten Körper des Katers wieder aus dem Karton, Steckte ihn in einen Plastikbeutel. Die Untersuchung des Tierarztes bestätigte, dass eine Vergiftung vorlag. Die Anzeige gegen Unbekannt brachte aber keinen Erfolg. Wie denn auch...
Den Schuhkarton verschnürte ich mit Hanfschnur. Bereitete mich innerlich auf die Antwort nach dem Warum vor: "Weil man Särge halt verschliesst. Das ist immer so".
Es wurde ein schönes Grab. Das häufig von Marco besucht und auch gepflegt wurde.Oft sah ich ihn an Sommerabenden still davor stehen. Mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen.
Marcos Mutti Helga und ich wurden uns schnell einig: Ein Besuch im Tierheim war fällig. Wir arrangierten das "ganz zufällig", als wir uns am nächsten Samstag zu einem Spaziergang verabredeten. Der führte an der Tierstation vorbei. Und sollte Marco sich je innerlich gewehrt haben gegen einen neuen vierbeinigen Fellfreund, so hatte sich das im Heim ganz schnell erledigt. Ein schwarz-weiss-rotes Kätzchen, das sich sehr ängstlich verhielt, hatte es ihm angetan. Die junge Pflegerin redete Klartext mit uns: Das Tier hatte schon Schlimmes erlebt, war gequält und geschlagen worden. Es wird viel Zeit, Liebe und Geduld brauchen. (Wie viele Menschen auch, dachte ich). Aber genau das gab für Marco den Ausschlag. Diese Katze musste es sein. Keine andere. Und den Namen Felise, den die Pflegerin uns nannte, den sollte sie behalten. Ein schöner Name, er gefiel uns allen. Ein paar Formalitäten wurden erledigt, eine großzügige Spende getätigt. Und Felise durfte in ein Heim wechseln, in dem es ihr richtig gut gehen sollte. Wenn sie auch lange, lange brauchte, bis sie Zutrauen fasste. Aber Marco und Helga waren ein Glücksfall für sie.
Auf der Heimfahrt vom Tierheim fragte uns der Rotblondschopf plötzlich "Muss Felise auch sterben"?. Helga schaute mich erschrocken-überrascht an, mit dieser Frage hatte sie offensichtlich nicht gerechnet. Ich überlegte nur kurz. Merkte, es war wieder Zeit für Tatsachen. "Marco, alle Lebewesen müssen sterben. Irgendwann. Du, ich, alle. Es ist der Lauf der Welt. Und weil wir das wissen, gehen wir in der Zeit, in der wir leben, lieb und sorgfältig miteinander um".
"Stimmt doch gar nicht"! Der energische Widerspruch des Fünfjährigen überraschte Helga und mich. Doch die Aufklärung kam sofort: "Gott muss nicht sterben. Und er ist auch ein Lebewesen". Zack. Das saß! Cleveres, sympathisches Kerlchen.
Nun lief Helga plötzlich zur Höchstform auf. Erzählte kindgerecht von Lebewesen, von toten Körpern, unsterblichen Seelen und Naturkreisläufen. Von einem schöpferischen Gott. Mit Plan. Machte damit auch mich nachdenklich. Mich, der manchmal alles, was mit Gott und Religion zu tun hat, für Humbug hält, Geldmacherei, Machtspielchen. Und sich zu anderen Zeitpunkten frägt, ob er wirklich an so viele Zufälle glauben will, die keinen Gott brauchen. Und damit den Zufall selbst irgendwie zum Gott erklärt.
Wie auch immer. Unsere Wege trennten sich, Jahre vergingen. Die Geschichte war so gut wie vergessen. Bis kurz vor Weihnachten mein Telefon klingelte. Eine kräftige Jungmännerstimme fragte: "Spreche ich mit dem Herrn Reiner, der mal in Da-und-da neben Heidi und Marco wohnte, in der Sowiesostrasse"?
Die Überraschung war perfekt. "Ja, hallo Marco! Das find ich aber toll, dass Du --äh-- dass Sie anrufen. Darf ich nach dem Grund fragen?"
"Aber natürlich. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich mich sehr freue, ich habe eine Lehrstelle als Tierpfleger bekommen. Ich soll ihnen einen lieben Gruß von meiner Mutti ausrichten. Und will noch sagen, daß es der Felise immer noch gut geht, sie gesund und munter ist. Sie erinnern sich an sie? Die Katze aus dem Tierheim.
Und dann wollte ich Sie noch etwas fragen: ob Ihr Gott noch lebt"?
Daß es mir die Sprache verschlägt, dazu gehört schon einiges. Aber jetzt war es soweit. Wie kommt Marco zu so einer Frage? Hat er als kleiner Junge tatsächlich gemerkt, daß ich mir bei spirituellen Dingen unsicher bin? Alle Achtung!
Ich bin richtig gespannt, wie der Frühlingstag verlaufen wird, an dem wir uns treffen werden. Bei Heidi und Marco und Felise. Zu einer Tasse Kaffee und zu Gesprächen. Doch. Auf den Tag bin ich jetzt schon neugierig und vorfreue ich mich richtig darauf.
-Reiner-
