Unser Bruder Uri, der für uns immer der "kleine Bruder" geblieben ist, war selbst das süsseste Kind, das man sich vorstellen kann. Lausbübisch und lebhaft, aber mit riesengroßen samtig dunkelbraunen, verschmitzten Augen gesegnet, die es einem schwer machten, ihm irgend etwas abzuschlagen.
Mein Mann, der Schweizer ist und ich wohnten 21 Jahre lang in Zürich, wo auch unsere Kinder geboren sind.
Bei einem seiner Besuche lernte Uri ein wundervolles Mädchen kennen und zu unserer Begeisterung heirateten sie bald darauf. Ihr erstes Kind wurde kurz vor unserem ersten geboren, die beiden sind bis heute sehr gute Freunde, obwohl sie in verschiedenen Ländern aufgewachsen sind. Langsam vergrößerten sich unsere Familien, wir bekamen fünf Kinder, Uri und seine Rachelle sogar sechs.
Sein zweiter Sohn, Israel Elimelech, liebevoll Sruli genannt, war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.
Der gleiche dunkle Haarschopf, die riesigen dunklen Augen voller Schalk, ein sonniges Gemüt. Später zeigte es sich, dass er, wie viele Mitglieder unserer Familie schön singen konnte und er war besonders dafür beliebt, ein guter, treuer Freund zu sein, der sehr weit ging, um zu helfen. Seinem besten Freund, ein Junge, der schon früh in seinem Leben an die Dialyse-Maschine musste, stand er in unglaublicher Weise bei, verbrachte jede freie Minute mit ihm, wenn er an die Maschine angeschlossen war und lernte mit ihm versäumtes Schulmaterial nach. So vergingen die Jahre und Sruli wurde ein schlanker, sportlicher, bildhübscher Junge, ein richtiger Herzensdieb und Charmeur. Ich liebe alle meine Nichten und Neffen innig, aber Sruli war so süß, wann immer wir uns sahen, waren seine Umarmungen fest und er wollte immer viele Bussi - sein Wesen war gutmütig und hilfsbereit, seine kleineren Schwestern liefen ihm auf Schritt und Tritt nach.
Eines morgens, als er in der Schulpause mit seinen Kameraden Fussball spielte, brach Sruli plötzlich scheinbar ohne Grund zusammen und blieb bewusstlos liegen. Der sofort herbeigeeilte Schulsanitäter leistete ihm sofort erste Hilfe und beatmete ihn. Die Ambulanz brachte ihn dann in ein Spital. Die verständigten Eltern rasten sofort dorthin.
Von da an, begann der Horror! Uri und Rachelle erfuhren die vernichtende Schreckensnachricht, dass das Herz Srulis vollkommen zerstört war, dass nur eine Transplantation ihn retten könne. Er war inzwischen an ein künstliches Herz, eine riesige Maschine angeschlossen worden, doch die Prognosen waren nicht gut, wenn nicht schnellstens ein Spenderherz gefunden werde.
Uri rief mich an. Nichtsahnend nahm ich ab und erfuhr von meinem weinenden Bruder und meiner versteinerten Schwägerin die Hiobsbotschaft.
Sobald ich aufgelegt hatte, rief ich unser Reisebüro an und bestellte mir einen Platz nach Brüssel. Damals wohnten wir schon in Israel. Srulis älterer Bruder Simcha, lernte da schon auf einer Hochschule in Israel. Er wusste schon Bescheid und in der selben Nacht, um 3 Uhr morgens fuhren wir zusammen zum Flughafen. Simcha war so geschockt, dass er kein Wort reden konnte. Schweigend saßen wir im Flugzeug nebeneinander, jeder von uns so vollgepumpt mit kalter Angst, dass wir kaum atmen konnten, geschweige denn reden.
Das Wunder geschah, drei Tage später war ein Spenderherz gefunden! Eurotransplant, diese segensreiche Institution hatte Sruli auf die Prioritätenliste gesetzt, weil er erst 15 Jahre alt war, daher wurde das erste passende Herz, das Herz eines Jugendlichen, der bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, zugesprochen. Die Ärztin, die ihn operieren sollte, war bereits persönlich unterwegs in die Stadt, wo das Unglück geschehenwar, um dem armen Jungen das Herz zu entnehmen und es selbst zu bringen.
Eigentlich hätte ein großer Professor Sruli operieren sollen, doch da er nicht transportfähig war und interne Spitals-Politika verboten, dass der Professor im anderen Spital operieren durfte, würde ein Schülerin des Professors die Operation übernehmen.
Wir hielten einen Familienrat ab, bei dem auch unsere treuesten Freunde teilnahmen. Es war zu überlegen, ob man Protektionen, die Freunde verschaffen konnten, ausnützen solle oder ob man alles Mögliche anwenden solle, es zu ermöglichen, dass der Professor ausnahmsweise in jenem Spital operieren konnte. Schlussendlich einigte man sich darauf, die Ärztin, die schließlich die Star-Schülerin des Professors war, nicht zu verärgern, da sie sich bis dann auch schon sehr für den Fall eingesetzt hatte. Sie würde Sruli operieren, mit Assistenz des geliebten Hausarztes, der Sruli seit seiner Geburt kannte, von dem jeder sagte, wenn er einen Operationssaal betrete, gehen Engel mit ihm...
Die Ärzte hatten uns nahegelegt, zu Hause zu bleiben, denn zu Sruli könnten wir ohnehin nicht, auch nach der Operation nicht, dann komme er in ein strengstens isoliertes, keimfreies Zimmer. So versammelte die Familie und die besten Freunde sich bei Uri zu Hause, wo ohne Pause gebetet und Psalme gesagt wurden. Immer wieder rief der Hausarzt an, um Uri über den Progress der Operation auf dem Laufenden zu halten.
Gegen sechs Uhr Morgens kam dann die erlösende Nachricht, das Herz sei jetzt angeschlossen und schlage...
Nach mehreren Tagen, an denen Sruli in einem künstlichen Koma gehalten wurde, durften seine Eltern, gekleidet wie Astronauten, endlich zu ihm. Er war noch sehr benommen, doch er lächelte schon.
Leider gab es dann Schwierigkeiten, es stellte sich heraus, dass das Spenderherz ganz wenig zu klein war, genau verstand ich das nicht, es musste aber nochmals operiert werden! Und siehe da, ohne Fragen oder Probleme, konnte der Professor plötzlich in diesem Spital operieren! Nun kamen zu allen anderen Sorgen auch noch die Gewissensnöte, ob man nicht doch, usw....
Was nun in Antwerpen vor sich ging, war nicht nur Theater, es war Oskar-reif!! Wir hatten meinen Eltern nichts erzählt von Srulis Krankheit, wir wollten ihnen diese Sorgen und Ängste ersparen. Da wir aber täglich mit unseren Eltern telefonieren, ergab sich daraus ein riesiges Theaterspiel, das uns zuweilen sehr viel Kraft und Schauspielkunst abverlangte. Wenn meine Mutter mich in Israel anrief, sagten meine Kinder, ich sei nicht zu Hause, ich rief dann zurück, als ob ich gerade heimgekommen wäre. Bei Uri konnten weder ich noch Simcha ans Telefon gehen, denn was machen wir denn da? So mussten auch Uris Kinder das Kammerspiel mitmachen. Wunder über Wunder, es funktionierte!
Meine Mutter, die sonst so hellhörig ist, bekam nichts davon mit und sie, die täglich mit so vielen Menschen zu tun hat, da sie die Präsidentin eines großen Wohltätigkeitsvereins ist, hörte nichts von allem. Es war, als hätten alle Verwandte und Bekannte einen Zaun aus Mitgefühl um sie errichtet, weil sie schon so ungezählten Menschen geholfen hatte.
Mit Sruli ging es sehr langsam aufwärts. Einige Komplikationen traten auf, eine Zeitlang vertrugen seine Nieren die hohen Medikamentendosen nicht - das bedeutete Dialyse, aber nach und nach erholte er sich. Natürlich war er nicht mehr ganz der Sruli von vorher, aber er schlug sich sehr tapfer, kehrte zur Schule zurück und keiner hörte je aus seinem Munde eine Klage.
Als er maturierte, äusserte er den Wunsch, auch in Israel studieren zu dürfen. Zu meiner größten Verwunderung, erlaubten seine Eltern das. Ich war voller Bewunderung! Ich wusste sehr genau, unter welchen Ängsten und Sorgen sie litten. Es war wirklich groß von ihnen, ihrem Sohn das Gefühl zu geben, wie alle anderen Jugendlichen zu sein - das wird mir für immer beispielhaft sein!
Sruli kam also und war sehr oft bei uns zu Gast, auch über das Wochenende.
Eines Samstags, ich kam gerade von der Synagoge, es war noch niemand zu Hause. In Gedanken versunken ging ich die Treppe hoch zu unserem Schlafzimmer, da sah ich Sruli im Bubenzimmer auf dem Bett liegen. Ich blieb verwundert an der Türe stehen und zwischen uns entstand so etwas, wie ein Strom. Ich fühlte, wie das Blut in meinen Adern eiskalt wurde und die Härchen in meinem Nacken stellten sich auf.
Sruli sagte nichts, seine Augen glänzten von ungeweinten Tränen.
Sekunden später sagte er zu mir: "komm, ich helfe dir, den Tisch decken" und der Bann war gebrochen. Keiner von uns erwähnte dieses Ereignis jemals wieder, später sollte ich noch daran zurückdenken...
In den Sommerferien fuhr Sruli nach Hause. Dann akmen die Hohen Feiertage, die meine Mutter, die inzwischen Witwe geworden war, (siehe mein Artikel "Papa")verbrachte das Laubhüttenfest bei Uri und seiner Familie. Sie erzählte mir später, er habe alle Lieder gesungen, die sie so gern hatte, er habe versucht, jedem Freude zu machen. An dem Tag, als meine Mutter heimfuhr, geschah es. Sruli fiel dem geschockten Simcha zu Füssen. Rachelle beatmete ihn, bis die Ambulanz kam. Doch diesmal hatte das Schicksal es anders vorgesehen. Noch eine Operation war nicht möglich und die Ärzte legten den Eltern nahe, sich von Sruli zu verabschieden. Niemand wird je wissen, was in jenem Zimmer in jenen Stunden geschah, wer kann ermessen, was Mutter und Vater in solchen Stunden fühlen?
Sruli wurde noch in der gleichen Nacht nach Israel gebracht.
Wir und hunderte Bekannte und Freunde warteten schon am Flughafen. Es ging direkt weiter zum Berg der Oliven, wo Sruli neben Rachelles Mutter, seiner Großmutter, die ihn so geliebt hatte, seine letzte Ruhestätte fand. Uri, Gesicht und Haar weiß, sprach am offenen Grab das Totengebet. Rachelle war wie ein Stein - und Steine wurden im wahrsten Sinne des Wortes auf uns geworfen, von einigen arabischen Burschen, die sich in der Nähe aufhielten. Trotzdem blieben alle unbewegt stehen, bis das herzzerreissende Ereignis zu Ende war. Ich wollte mit Uri und Rachelle mitfahren, um in dieser furchtbaren Zeit bei ihnen zu sein. Doch auf die Bitte meines Bruders, fuhr ich nach Wien zu meiner Mutter. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass Sruli krank war, jetzt hatte sie einen schweren Schock erlitten. Langsam erzählte ich ihr die Ereignisse all der vier Jahre, die unser Neffe noch geschenkt bekommen hatte, so fühlte sie sich auch als Teil dieser gramgebeugten Familie. Wie gut, dass mein weichherziger, zartbesaiteter Vater das nicht mehr miterleben musste!
Als ich nach Israel heimkam, ging ich sofort zu der Klagemauer, wo ich endlich meinen Schmerz herausweinen konnte und fand endlich etwas Trost. Der beste Trost war aber die Familie, der Alltag. Leb wohl, geliebter Sruli, dein Singen und Lachen bleibt in unseren Herzen, wir werden dich nie vergessen!!!
Der kurze Besuch unseres Lieblingsneffen auf dieser Welt
Israel Elimelech, von allen kurz Sruli genannt, war von Anfang an ein wonniger Sonnenschein.
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