Sie erwachte, als das Flugzeug aufsetzte. Der Blick aus dem Fenster zeigte, dass Shannon Airport erreicht war. Nirgendwo sonst traf man diese Mischung aus Nebel und Nieselregen in so verlässlichen Intervallen. Mit schweren Lidern wartete sie, bis die ersten, stets eiligen Fluggäste den Mittelgang frei gaben. Gemächlich nahm sie ihr Handgepäck aus dem Fach über ihrem Kopf und stelzte mit eingeschlafenen Beinen hinter der Meute her, die nun im Eilschritt die Gangway herunter trampelte, um in das nahe Gebäude zu flüchten. Man konnte die Touristen gut von den Einheimischen unterscheiden. Iren eilen bei solchem Wetter nicht, sie ignorieren es einfach. Wie hatte sich John, der Skipper, mit dem sie zu den Skelligs und Blaskets hinausgefahren war, ausgedrückt? Als Gott die Zeit gemacht hat, machte er genug davon. Bald war auch ihr klar gewesen, die Irren eilen, die Iren nicht!
Eben diese Mentalität hatte sie bewogen, hierhin in die raue Leere zwischen endlosen grünen Hügeln und den donnernden Atlantikwellen zu fliegen. Während andere Reisende ihren Koffern auf den Laufbändern entgegen hasteten, nahm sie ihre erst im letzten Moment herunter, nur ein Beugen des Oberkörpers, keine eilenden Schritte, um zwei Sekunden eher zugreifen zu können…wozu auch? Sie war in dem Land, wo Zeit keine Bedeutung hat.
Trotz aller Gelassenheit saß sie eine Stunde später hinter dem Steuer ihres Leihwagens und mahnte sich selbst, brav links zu fahren. Das war in den ersten Tagen besonders in Gefahrensituationen schwer. Ausweichen nach rechts lag ihr nach etlichen Jahren Fahrpraxis bei Rechtsverkehr im Blut.
Weit leuchtete das Reklameschild des Supermarktes. Obwohl sie todmüde war, bog sie auf den gut besuchten Parkplatz ab und ergatterte eine freie Box nahe am Eingang. Es war ein Glückstag, denn ausnahmsweise war auch Schwarzbrot zu bekommen, statt nur das pappige Soda-Bread. Dann lieber Toast. Short bread fingers, Orangenkonfitüre, rote Kartoffeln, Frischmilch im Kanister, Tee, Zucker, Mehl, Butter, Salz, Käse, Wurst…war das alles? Obst fehlte, etwas Gemüse und Schluss. Ab zur Kasse.
Der alte Leuchtturm wies ihr den holperigen Feldweg zu dem hübschen, mitten im Moorgebiet verborgen liegenden Ferienhaus mit gelben Mauern und einem Sockel aus alten, grauen Steinen. Sie gab den Code ein und der Kasten, der den Haustürschlüssel verbarg, öffnete sich. Bis hier heraus kam nicht mal die Vermieterin freiwillig.
Im Haus hängte sie die nasse Jacke in die Duschkabine und sah sich weiter um. Eine genaue Beschreibung für den Umgang mit Strom und Heizung lag parat, auch ein Kamin war vorhanden, Torf und etwas Holz lagen daneben. Schnell waren die verderblichen Waren im Kühlschrank, die Heizung eingestellt. Sie räumte die empfindlichen Kleidungsstücke in den Schrank und ging noch einmal durch die Räume. Dieses Haus war erstaunlich gut bestückt. Nichts schien zu fehlen. Als sie wieder die hölzerne Treppe zum Schlafraum empor stieg, leuchtete die untergehende Sonne durch gleißende Wolkenlöcher und färbte die Schaumkronen der sich wild aufbäumenden See in ein sattes Purpur. Sofort stieg in ihr wieder dieses Gefühl auf, angekommen zu sein, ein Stück dieser spröden, fesselnden, aufregenden, kraftvollen, lähmenden, faszinierenden, wilden Einsamkeit zu sein.
Dem eigenen Auto nachtrauernd war sie doch froh, nicht die Fähre genommen zu haben. Auf der letzten Überfahrt waren zu viele Außerirdische an Bord, zu erkennen am grünen Gesicht. Den Gestank nach Erbrochenem hatte sie tagelang nicht aus der Nase bekommen.
Sie beobachtete mit dem Fernglas den Wind in den Wellen, der kleine, weißgelbe Fetzen der Gischt über den Rand der felsigen Steilküste peitschte, die weiter rechts aus dem bis dahin stetig ansteigenden, sonst eher flachen Sandstrand ragten. Die jetzt roten Sonnenstrahlen färbten die Schaumkronen zu einem glühenden, schnappenden Ungeheuer, das aus den Fluten heraus in die senkrechte Wand sprang, sie erklimmen wollte. Immer, wenn die Wellen in unzähligen Rinnsalen die Felsen hinab zurück in den Atlantik rollten, brach sich das Licht in den unzähligen sprühenden Tropfen und streute eine schimmernde Aura um die Felsen, die mit zunehmender Dunkelheit immer unheimlichere Formen annahmen. Hier feierten jetzt Wasserwesen, wie die Selkies in ihren Seehundfellen, ein rauschendes Fest.
Sie erinnerte sich an Sarah, die bezaubernde alte Dame, mit der sie ins Gespräch kam, während sie auf den Aufruf zu ihren Flügen warteten. Sie hatten beide das gleiche Buch gekauft, das die Mystik Irlands vor allem in den vielen unsichtbaren Wesen sah. Elfe, Trolle, Feen. Die alte Dame erzählte, sie lebe seit 30 Jahren in Irland, habe selbstverständlich einen Cluricaunes in ihrem Haus, der ihr allerlei Streiche spiele und Schabernack aushecke, trotzdem aber sie und ihre Tiere schütze. Früher, da war der Gentry noch bei ihr ein- und ausgegangen, da habe der kleine Hausgeist sich etwas zurück gehalten. Heute mache er mehr Unsinn als ihre vier Katzen zusammen. Der Begriff Gentry war Patricia neu, sie fragte die Dame nach dieser Art Geist und erfuhr, ein Gentry sei eine der großen, irischen Feen, mit aristokratischen Zügen. Die meisten lebten auf dem Berg Ben Bulben, treffen könne man aber überall welche, natürlich immer nur dann, wenn die Wesen es wollten und man die Gabe besäße, Feen zu sehen. Hüten müsse man sich nur vor dem Kuss des Gentry, sonst sei man unwiderruflich verloren.
Obwohl Sarah ihr Haus im County Kerry hatte, oben auf dem höchsten der Berge, die den Caragh Lake umschlossen, wartete sie auf den Flieger nach Dublin, besuchte dort ihre Tochter, bevor sie zurück zu ihren Katzen flog. Mit einer freundlichen Einladung zum Tee hatte Sarah ihr eine Visitenkarte in das Buch über die Feenwelt geschoben, sich verabschiedet und war dann mit erstaunlich festem Schritt schnurstraks zum Gate heraus marschiert. Patricia Wagner hatte ihr nachgesehen und gehofft, in diesem Alter auch einmal so viel Kraft auszustrahlen. Momentan fühlte sie sich recht verunsichert und mutlos, was man ihr wohl ansah.
Sie riss sich aus ihren Gedanken und dem Ausblick. Heute war keine Zeit mehr für Trolle und Feen, das Ehebett hatte einladend dicke Daunendecken und da sie niemandem mehr irgendetwas recht machen musste, schlüpfte sie nur aus den Schuhen und der Jeans, ließ sich auf die schmalen Kissen fallen und schob sich soeben noch unter die wärmende Decke, bevor sie schlief.
In der Nacht schlichen sich die bösen Erinnerungen in den Traum, der mit einer blühenden Landschaft begann. Sie hatte wieder eine ihrer Auseinandersetzungen mit Peter, hörte sich abermals seine dummen Ausreden an, seine Schwüre, das mit den anderen Frauen sei doch nichts, was sie beunruhigen müsse, er liebe nur sie. Leider fiel selbst im Traum auf, dass er eine sehr seltsame Art hatte, ihr seine Liebe zu beweisen.
Schweißnass erwachte sie und dachte an das Leben mit Peter. Es kam ihr jetzt so idiotisch vor, dass sie selber nicht verstand, warum sie es so lange ertragen konnte.
Wenn Peter eine Stunde nach ihr aus dem Büro kam und sich an den gedeckten Tisch setzte, war er oft zu müde, um etwas mit ihr zu unternehmen.
„Trixi, sei ein gutes Kind und nerv mich nicht, “ murrte er stets, wenn sie ihn zu irgendwelchen Aktivitäten ermuntern wollte. Trixi ging daher mit ihrer Freundin Elena zum Tanzkurs oder zu Kursen an der Volkshochschule. Die Tatsache, dass Peter mit anderen, meist sehr jungen Frauen, zum Essen, ins Kino, in die Oper oder zum Tanzen ging, hatte er gern als Kundenpflege betitelt. Er besaß sogar die Dreistigkeit, ihr die Belege zu geben, da er sie schließlich von der Steuer absetzen konnte. Durch Zufall erfuhr sie, dass seine Kundenpflege auch vor den Betten besagter Damen nicht Halt machte. Trixi wurde jeden Samstag mit der schnellen Nummer eines überarbeiteten Mannes beglückt und erhielt auch emotional nur Schonkost. Wollte er sie vor solchen schrecklich anstrengenden Dingen wie ausdauerndem Sex bewahren, sie schonen? So alt war sie mit ihren 45 Jahren auch noch nicht! Jedenfalls konnte er jetzt zu einer dieser jungen Damen ziehen. Sie hatte ihre große Eigentumswohnung, bis auf ein paar Lieblingsstücke, möbliert wie sie war, vermietet und er konnte sehen wo er bleibt. Sein ungläubiges Gesicht, als er diese Tatsache wirklich kapierte, vor den Koffern und Kisten mit seinen Habseligkeiten stand – ein Labsal für ihre verletzte Seele!
Leider war es ihr nicht vergönnt, das Gesicht der glücklichen Dame zu sehen, bei der Peter samt Koffern und Kisten inzwischen Unterschlupf gefunden haben müsste. Wenn nicht, war ihr das auch egal. Sie verbot sich selbst den Gedanken daran, wer jetzt wohl die Arbeiten im Büro übernahm. Peter war der Steuerberater für den Installationsbetrieb ihres Vaters gewesen, hatte, obwohl er fast 20 Jahre älter war, irgendwann begonnen, Trixi den Hof zu machen. Er konnte sehr charmant sein, wenn er etwas wollte und ganz selbstverständlich hatte sie im Laufe ihrer Beziehung angefangen, seinen Schreibkram zu erledigen. Er zahlte ihr zwar ein Gehalt, das über die zwei Jahrzehnte ihres gemeinsamen Lebens nicht erhöht wurde, doch einen Arbeitsvertrag bekam sie nie, weil Peter meinte, das sei doch zwischen ihnen nicht nötig.
Ebenso wie er nicht treu sein brauchte wegen des fehlenden Trauscheines, hielt Trixi es nicht für nötig, irgendwelche Kündigungszeiten einzuhalten. Sie konnte sich das Chaos gut vorstellen. Vielleicht konnte eine seiner Freundinnen wenigstens mit zwei Fingern tippen. Bis die allerdings halbwegs durchs Steuerrecht blickten…..Trixi lachte grimmig in sich hinein und zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung, bis sie wieder einschlief.
Der nächste Tag begann früh für sie, das Wetter wusste noch nicht so recht, was es wollte. Dunst stand über den nahen Moorflächen, über dem Atlantik sah man auch blauen Himmel. Sie packte die wetterfeste Jacke und ihre Handtasche auf den Beifahrersitz und sah auf die Karte. Sonst war sie stets mit einer Reisegruppe in Irland gewesen, dessen Leiter sich auskannte wie ein Einheimischer. Viele bezaubernde Orte abseits der Touristenrouten hatte er mit der Gruppe aufgesucht. Sie fand viele davon traumhaft schön und eine hatte es ihr besonders angetan.
Der Wald mit den langen Flechten und den dicken Moospolstern. Er beherbergte neben einer Ruine auch einen sehr schönen Wasserfall, der in mehreren Stufen über die Felsen plätscherte. Nach ergiebigem Regen wurde das Plätschern recht heftig, dann donnerten die Massen in das schmale Bett des Waldbaches. Jetzt zeigte sich der Wasserfall von seiner sanften Seite, die Sonne kam sogar heraus und überall tanzten kleine Goldpunkte über den Boden unter den lichten Bäumen am Rande des Bachbettes.
Weiter hinten, unter den alten, mächtigen Eichen, dominierten kleine Hügel und Kuppeln, die dort in großer Anzahl zu finden waren. Ihre wie Köpfe anmutenden Rundungen waren dick mit Moos bewachsen, während man seitlich in modrige, faule Baumstümpfe sah, die im Dämmerlicht des dichten Blätterdaches ein Eigenleben entwickelten. Es gab Auswüchse wie knollige Nasen, in anderen gähnten leere Augenhöhlen, verschiedene Mäuler und Fratzen verbargen sich unter den Mooskapuzen, langfingrige Wurzeln streckten ihre knochigen Gliedmaßen unter niedrige Hecken am Wegesrand, lauerten, bereit arglose Wanderer in ihr Reich zu zerren. Tote Augen glotzten auch aus den alten Bäumen, belebt durch brütende Dohlen, die den leeren Blick mit Bewegung füllten, wenn sie in die Höhlen huschten. Ihr Krächzen mischte sich unter das Gurgeln des Baches und die ächzenden Geräusche, die durch aneinander reibende Äste entstanden. Nur selten huschte eine der Sonnenfeen unbekümmert durch das Blätterdach, warf ihr Licht über die Armee der Unterwelt, die verborgen unter Moos dort kauerte, bevor sie sich im Gewirr der Äste verlor.
Die langen, grauen Bartflechten wehten im Wind wie Geisterhände, scheuchten die kleinen Feen mit ihrem aufdeckenden Licht davon. Was hatte die nette Lady vom Flughafen gesagt? Wenn man genau hinsieht, kann man die Feen sehen, dicht an Bäume gepresst, sich vor des Menschen Blick verbergend, doch ihre Haare wehen im Wind. Kommt ihnen jemand zu nahe, verwandeln sie ihr Haar in die langen Baumflechten. Manchmal, wenn sie zu wenig Zeit zur Verwandlung haben, hängen noch ein paar Feenhaare in den Flechten. Wer sie einsammelt, wird mit der Fee Kontakt bekommen, denn sie will ihr Haar zurück.
Lächelnd setzte sich Trixi auf einen großen, flachen Stein, der recht warm von der Sonne war. Sie lehnte sich an den Stamm der dahinter stehenden Birke und genoss die warmen Strahlen auf ihrem Gesicht. Statt dem Kontakt zur Fabelwelt wünschte Trixi sich viel mehr Kraft zu schöpfen aus dieser Urmacht der Natur, wollte nach all den Jahren mit Peter zu sich selbst und ihren eigenen Wünschen finden. Elenas Ratschläge fielen ihr ein.
„Geh` unters Volk! Das hat dir doch immer so gut gefallen! Lebe so wie eine Irin, die Touristenattraktionen kennst du doch schon!“
Elena war seit der Schulzeit ihre Freundin, sie wusste, dass Trixi Menschen um sich brauchte um nicht pausenlos an Peter zu denken. Schon vor zehn Jahren hatte Elena ihre Freundin gefragt, warum sie sich so viel gefallen ließ, statt Peter vor die Türe zu setzen. Sie nannte den Lebensgefährten von Trixi nur Schleimer oder Schmarotzer. Trixis Gedanken wurden durch Geräusche unterbrochen.
Zuerst hörte sie Äste unter Füßen knacken, dann die Unterhaltung. So allein, wie sie gehofft hatte, war sie hier doch nicht. Nun, die Saison stand kurz bevor und wer sich nicht nach Ferien richten musste, flog halt früher her. Oder wer fliehen wollte, so wie sie. Fliehen vor den Auseinandersetzungen, den Schwüren, dem Betteln um Verzeihung und kurz darauf wieder die Enttäuschung, wenn Peter sein Leben weiter wie ein Junggeselle lebte. Seine dumme Ausrede, er sei ein Junggeselle, weil sie ihn nie hatte heiraten wollen, ließ sie nun nicht mehr gelten. Sie hatte endgültig die Nase voll, wollte nur hier sitzen und die Natur genießen.
Von dieser etwas erhöhten Stelle konnte man den Weg sehen, der tief in den Wald hinein führte, sich weiter unten gabelte und auch in die Richtung der Ruinen führte. Die meisten Touristen gingen lieber bergab und schlugen den anderen Pfad ein. Gerade war einer der Momente, in dem sie ganz allein mit den Geräuschen und der Sonne in ihrem Gesicht war. Die Bäume wiegten sich sanft im Wind, das Wasser strömte fast klimpernd über die Steine, die es nur knapp bedeckte.
Sie döste ein wenig und fühlte sich plötzlich beobachtet. Zunächst sah sie niemanden, da ihr die Sonne genau in die Augen schien, doch dann entdeckte sie weiter unten, kurz vor der Weggabelung eine große, männliche Gestalt am Bachbett. Breitbeinig stand er da, schöpfte mehrmals Wasser in seine Hände und ließ es sich über Kopf und Gesicht laufen. Dann wischte er sich mit dem Unterarm über den Mund und strich sich mit beiden Händen das Haar zurück. Es lag in mehr als schulterlangen Locken über seinem Rücken gefächert als er sich streckte und dabei die Arme hoch und breit über sich hielt. Die Gestalt wirkte als beschwöre sie wen oder etwas. Sein Körper wirkte recht kräftig, durch seine Bewegungen tanzten die Muskelpartien unter seiner gebräunten Haut wie kurz vorher die Sonnenpunkte über den Mooshügeln.
Seine Haltung hatte etwas Königliches an sich, selbst jetzt, wo er mit freiem Oberkörper eher wie ein Indianer gekleidet war.
