Pat drehte sich um, sah ihn an. Er hatte ihr die Lektion erteilt, weil er sie liebte. Sein Gedanke, sie könne sich die Steilküste einmal ganz aus der Nähe ansehen, war gar nicht so abwegig. Dunkle Felsen hätte sie nie als rutschig eingestuft. Sie spürte, dass er zitterte.
„Was ist los? Frierst du?“
„Nein! Die Situation in der Ruine war nur gerade so realistisch vor mir. Ich hatte dich gerade wieder und….ich könnte das nicht aushalten!“
„Ich verspreche dir, sowas nur noch mit Dir und jeder möglichen Absicherung zu tun, “ erklärte sie und besiegelte ihre Worte mit einem Kuss.
Diesmal war er es, der das Thema abrupt wechselte.
„So, nun gehen wir zu John. Ich werde dich fix beim Tanzwettbewerb besiegen und dann möchte ich dir noch etwas zeigen.“
„Ha! Was träumst du nachts? Wir werden ja sehen, wer hier gewinnt, “ stichelte sie und schwebte auf Wolken, weil sie jetzt noch sicherer war, dass er sie liebte.
In einer Tanzpause kam Ruth mit einer jungen Frau.
„Pat, das ist Celine, sie hat gerade geheiratet und ist total begeistert von den Gardinen, die du mir genäht hast.“
„Ja, ich wollte fragen, ob ich nicht auch welche bestellen kann, “ strahlte die junge Frau und sah Pat bittend an.
„Ich mache hier nur Urlaub“, erklärte Pat, die wenig Lust hatte, täglich an der Nähmaschine zu sitzen.
„Das muss ja auch nicht gleich morgen sein. Wenn dein Urlaub vorbei ist, kannst du loslegen.“ Ruth sah Pat erwartungsvoll an. Die hatte gerade selber den Kopf voller Fragen.
Was war eigentlich, denn ihr sogenannter Urlaub vorbei war? Die Frage, ob ihre Entscheidung, Peter zu verlassen, richtig war, hatte sich längst beantwortet. Auch die Bilder hatte sie im Kasten. Würde sie zurück nach Deutschland gehen? Bety abhaken wie einen Flirt? Bety in Deutschland? Nie und nimmer! Ohne ihn zurück? Völlig unmöglich! Pat erkannte in dieser Sekunde, dass sich ihr Leben ändern musste. Sie war schon mittendrin. Langsam wurde es Zeit, mit Bety ein paar Dinge zu regeln. Eine Zukunft ohne ihn gab es nicht, sie wusste, dass er sie nie einfach gehen lassen würde, vor allem wollte sie nicht gehen. Pat spürte Betys Blicke. Er kam zu ihr hinüber, nahm sie in die Arme und flüsterte
„Hundert Taler für deine Gedanken!“
„Du bekommst 1000 für einen Kuss, “ versprach Pat und zog Bety hinaus vor den Pub. Dort standen aber zu viele Raucher, sie wollte allein mit ihm reden. Bety holte den Autoschlüssel, fuhr ein Stück die Straße entlang, bog in einen kleinen Weg ab, der mitten in einer Wiese endete. Die Sonne tauchte gerade hinter einer Wolke auf, die kurz über dem Horizont über das Meer zog. Der Atlantik spiegelte die letzten goldenen Strahlen, die Steilküste mit den brütenden Vögeln war zu sehen und auf den großen Pfützen, die überall auf der Wiese vor ihnen lag, tanzten tausend Lichtpunkte zwischen den vom Wind bewegten Grasnelken.
„Das ist ein wunderbarer Ort, ich könnte hier ewig so sitzen und schauen“, seufzte Pat und legte ihren Kopf an Betys Schulter.
„Gut, dann sind wir uns einig. Mir gefällt es hier auch, hier soll es stehen!“
„Was soll hier stehen?“
„Na, unser Haus natürlich! Du willst doch nicht ewig im Ferienhaus wohnen, oder?“
„Ewig ist ein gutes Stichwort! Mir ist klar geworden, dass ich hier bleiben möchte.“
„Heute ist Samstag, “ sagte er ernst.
„Ja, und weiter?“
„Morgen ist Sonntag!“
„Bety, das ist mir klar! Selbstverständlich ist nach Samstag Sonntag!“
„Ebenso selbstverständlich ist doch, dass du hier bleibst, dein Leben hier weitergehen wird. Ich ging davon aus, das sei nach unserer ersten Nacht klar gewesen! Du sagtest, in Deutschland sehnst du dich nur nach Irland. Jetzt komm ich noch hinzu, du kannst gar nicht zurück!“
Pat schmunzelte. „ Ein Königreich für dein Selbstwertgefühl! Ich weiß, dass ich ohne dich und du nicht in Deutschland glücklich bist. Ich muss mir hier eine Existenz aufbauen. Mein Urlaub ist bald vorbei.“
„Du musst dich nicht damit beeilen. Es gibt im Moment so viel zu tun, was ich nicht ohne dich schaffe oder entscheiden will. Es fängt bei der Größe des Hauses an. Willst du zuhause arbeiten? Wie viel Platz brauchst du in der Küche? Wie viele Bäder willst du? Panoramafenster? Einen Wintergarten? Garten hinter dem Haus? Einen Vorgarten? Willst du..“
„Stopp! Mir wird ja ganz schwindelig! Das kann man doch später entscheiden.“
„Nein, mein Herz! Das muss vorher feststehen. Jede Steckdose muss geplant sein, jeder Wasseranschluss. Du musst gedanklich schon in dem Haus wohnen, bevor der erste Spatenstich gemacht wird. Nur so kannst du Fehler vermeiden. Ich werde dir nächsten Freitag einige Entwürfe mitbringen.“
„Gut, bis dahin werde ich überlegen, was ich mit den Sachen mache, die ich bei Elena gelassen habe.“
„Elena? Welche Sachen?“ Pat erzählte von ihrer Freundin, der vermieteten Eigentumswohnung, den Lieblingsmöbeln, ihrem Auto und von Peter. Ihren Zweifeln, ob der Entschluss ihn zu verlassen, richtig war, von seinen ewigen Weibergeschichten, seinen Schwüren, dass er nur sie liebe.
„Hast du immer noch Zweifel an der Richtigkeit deines Handelns?“
Pat schüttelte energisch den Kopf.
„Ich kann inzwischen gar nicht mehr verstehen, warum ich 20 Jahre mit ihm zusammen war. Das waren verschwendete Jahre um die es mir leid tut.“
Bety zog sie an sich
„Ich hoffe, dass dir niemals auch nur eine Minuten mit mir wie Verschwendung vorkommt. Wenn ich dir etwas sage, dann kannst du dich darauf verlassen!“
„Ich weiß,“ antwortete Pat aus tiefstem Herzen
Wieder einmal riss sein Handy ihre Zweisamkeit auseinander. Pat befürchtete schon, in zwei Minuten wieder allein zu sein, doch Bety lachte ins Telefon und redete eine Weile in Gälisch.
„ Fisch ist ausverkauft. Wenn wir welchen essen wollen, müssen wir ins Restaurant. Tisch ist bestellt!“
Sie bekamen einen Tisch am Fenster und konnten zusehen, wie die Nacht langsam die Blumenwiese umhüllte, die vom Restaurant aus in sanften Hügeln zur See abfiel.
„Ich bin gespannt, wie viel Theater wir mit dem Hausbau haben, “ seufzte Pat und sah Bety verliebt an.
„Wieso glaubst du, dass es Theater mit unserem Hausbau gibt?“ Völlig ungläubig sah er sie an
„Na, du willst mir doch nicht erzählen, dass es hier keine Probleme mit Handwerkern gibt. Bis der Architekt kapiert hat, wie ich meine Küche haben will, sind entweder er oder ich kurz vorm Irrenhaus!“
Bety nickte ernst und hatte Funken in den Augen als er ihre Hand küsste und grübelte
„Tja, diese Architekten sind eben ein wenig langsam im Denken. Vielleicht droh ich ihm Prügel an, wenn er nicht spurt. Oder du köderst ihn mit einer Einladung zum Fischessen. Dann bestelle ich auch rechtzeitig Kabeljau!“
Der junge Kellner kam und druckste
„Sie nähen doch so wunderschöne Gardinen, würden sie auch eine für uns nähen? Meine Mutter hätte schrecklich gern eine, würde es aber nie wagen, sie einfach danach zu fragen, da sie ja Urlaub haben!“
Pat staunte und Bety erklärte
„Pat hat ihren Urlaub gegen eine Auswanderung getauscht. Sie bleibt hier bei mir. Wir wollen ein Haus bauen und Pat befürchtet, dass sie damit voll ausgelastet ist. Sie erwartet Ärger mit dem Architekten!“
„Ja, warum machst du denn die Pläne für euer Haus nicht selber?“ Der Kellner war irritiert.
„Ich weiß nicht, ob ich den Anforderungen dieser kritischen Kundin gewachsen bin, sie hält Architekten grundsätzlich für begriffsstutzig! Deshalb habe ich ihr bisher verschwiegen, einer dieser Holzköpfe zu sein.“
Der arme Junge war sich nicht sicher, ob er offen lachen durfte oder sein ernstes Gesicht beibehalten musste, zumal er für seine Mutter schlechte Nachrichten hatte.
In Pats Kopf schwirrten alle Gedanken durcheinander. Es schien finanziell lohnenswert, sich auf das Nähen von Gardinen zu konzentrieren. Bevor sie sich aber mit den Wünschen irischer Frauen beschäftigte, musste sie erst einmal herausfinden, welche Geheimnisse Bety noch hütete.
„Benjamin-Tylor O` Brian, wie oft willst du mich eigentlich noch mit deiner Person überraschen? Ich habe das Gefühl, nie einem Menschen näher gewesen zu sein als dir, doch eigentlich habe ich nicht den geringsten Schimmer, wer du eigentlich bist!“
„Ich bin der Mann, der dich liebt, den du liebst! Eigentlich ist nur das wichtig. Ich finde es nur lustig, dass du glaubst, man könne mit dem Geld, was die Seenotrettung einbringt, Ferienhäuser bauen,“ grinste er und fühlte sich offensichtlich wohl mit seinen Geheimnissen.
Der Kellner erschien im Türrahmen und nickte kurz. Bety entschuldigte sich und kam kurz darauf mir einem Strauß roter Rosen zurück. Drei Kellner waren plötzlich da, stellten brennende Kerzen auf den Tisch, das Licht wurde merklich gedimmt, Bety kniete sich vor Pat, hielt ihr die Blumen hin und in seinen Augen waren Tränen. Er räusperte sich mehrmals und doch kam aus seinem Mund nicht mehr als ein heiseres Flüstern.
„Ab jetzt für immer?“
Pat fand seine Unsicherheit herzerweichend. Nicht, dass ihr Herz nicht längst schon bereit für das Leben an Betys Seite gewesen wäre. Während sie nickte und ihn innig küsste, dachte sie daran, wie viele Facetten der Mann hatte, mit dem sie für den Rest ihres Lebens zusammen sein würde. Stark wie ein Bär, übermütig und verspielt wie ein Kind, standhaft wie eine Felswand, leidenschaftlich und wild wie der Atlantik und doch so zart besaitet.
Applaus erklang hinter ihnen. Das ganze Personal und alle Gäste standen plötzlich um sie und Pat musste unzählige Hände schütteln, wurde geherzt und geknuddelt. Jeder schien Bety zu kennen.
„Wann soll es denn soweit sein?“ Fragend sah der Koch zwischen den Verlobten hin und her.
„Am liebsten sofort, “ gab Bety glückstrahlend zu. Seine Stimme klang wieder normal. Pat nickte zustimmend und küsste ihn wieder.
„Na, da kann ich euch doch helfen! Was ein Kapitän auf seinem Schiff darf, darf ich in meiner Küche schon lange. Ich traue euch vorm Gasherd, “ bestimmt der Koch und Chef des Restaurants und schob das Paar in seine Küche. Umringt von lachenden Gesichtern fragte er feierlich, ob Bety und Pat sich ewig lieben, einander treu zur Seite stehen und oft in seinem Lokal essen wollten. Nach den Ja-Worten mussten beide heiße Suppe vom gleichen, großen Löffel schlürfen und die Ehe war besiegelt. Es gab noch eine Runde Champagner auf Kosten des Hauses und Pat schwor nach so viel herzlicher Teilnahme, dass sie gern Gardinen für das Lokal nähen werde.
Auf dem Rückweg kamen sie immer noch lachend über diese Blitztrauung wieder an der Wiese vorbei, wo bald ihr Haus stehen würde. Bety hielt an und fragte, ob Pat in der Lage sei, das Haus im Geiste vor sich zu sehen.
„Schatz, ich rieche sogar die Rosen im Vorgarten, “ jubelte sie und bewunderte den Sternenhimmel, der wie eine warme Samtdecke über dem Grundstück lag. Bety sah sie lächelnd an und hatte dann eine Idee.
