Dumpf hallten die Schläge der alten Standuhr durch den großen Wohnraum. Sinnend saß er in dem verschlissenen Sessel und lauschte dem vertrauten Ton. Dreiundzwanzig Uhr. Elf Schläge verklangen allmählich, mit jedem einzelnen kehrte die Erinnerung zurück...

Er fühlte sich jung und beschwingt. Öffnete weit die Tür zu dem kleinen Gärtchen und sog die würzige Nachtluft in die Lungen. Sein Blick fiel auf das große Rosenbeet. Sie wuchsen wild, wucherten zum Teil zu einer dichten Dornröschenhecke. Standen in allen Farben, auf ihren Blüten glitzerte die Feuchtigkeit der Nacht. Im Licht des Vollmondes wirkten die Tropfen wie kostbare Diamanten auf edlem Samt...

Lange stand er in der geöffneten Tür und genoss mit allen Sinnen diese nächtliche Magie. Über seine zerfurchten Wangen rann eine Träne. Auf seinem harten Mund spürte er einen feinen Hauch. Staunend öffnete er leicht die Lippen. Erblühte unter dem Kuss dieses Zaubers. Seine traurigen Augen funkelten wie der nachtklare Sternenhimmel und in seinen Ohren klang eine leise Melodie. Zaghaft bahnte sie sich ihren Weg...

Er trat durch die Türe, hinaus in den kleinen Garten. Barfüßig überquerte er dass nasse Grün des hohen Rasens. Mit weit ausholenden Schritten ging er zu dem alten Schuppen. Suchte nach der Gartenschere. Ging zu den Rosen, wählte die schönsten aus und schnitt sie ab. Bei jeder Bewegung quietschte die Schere. Er beschloss, sie morgen zu reinigen und zu ölen. Lange lag sie unbenutzt...

Mit einem Arm voller Wunder verließ er eilig den Garten. Er wirkte aufgeregt, wie beim ersten Rendevouz. Die duftende Beute legte er auf den kleinen Wohnzimmertisch und verschwand ins Schlafzimmer. Nach kurzer Zeit betrachtete er sich zufrieden in dem großen Dielenspiegel. Eine stolze Erscheinung im edlen Zwirn zwinkerte ihn an. An seinen Füßen blitzen die alten Lackschuhe...

Er schien aus einem Filmjournal der Vierziger Jahre entsprungen...

Die Melodie in seinem Kopf wurde lauter. Ein Blick auf die Uhr. Noch drei Minuten. Zielstrebig ging er zu dem Plattenspieler. Ein Griff, er fand sie auf Anhieb. Die Single mit ihrer Melodie. Er ließ den Tonarm mit der Nadel auf die glänzende schwarze Fläche gleiten. Fasziniert betrachtete er das Spiel der Rillen...

Gleichzeitig mit dem alten Lied schlug die Standuhr Mitternacht...

Er drehte sich um die eigene Achse. Beschwingt griff er nach dem Blumenstrauß. Galant verbeugte er sich vor seiner Tanzpartnerin, überreichte ihr nonchalant mit einem Handkuss die betörend duftenden Rosen, und forderte sie zum Tanz. Sie lächelte ihm zu. Legte ihre zarte, fast durchsichtige Hand auf seine linke Schulter. Reichte ihm die Rechte mit dem güldenen Symbol ihrer Liebe. Leicht wie eine Feder lag sie in seinen Armen...

Er schloss selig die Augen. Sie bewegten sich zum Takt ihrer Herzen. Fest hielt er sie. Er schaute in ihre himmelblauen Augen. Sie war wunderschön. Engelsgleich schmiegte sie sich an ihn. Verbunden in ewiger Liebe. Die Melodie wurde schneller. Die alte Uhr verstummte. Sie drehten im wilden Kreisel. Sie hatten sich gefunden. Für immer...

In alle Ewigkeit...


Bildquelle: Pixelio, Fotograf Stephan Dietl
Text © Doris Sponheimer