"Zum Schuljahresbeginn hatte man mir die vierte Klasse einer Grundschule mit 37 Schülern anvertraut. Fast alle waren 'Spezialfälle': vernachlässigte Kinder, viele aus getrennten Familien.

    Ihre Gewaltbereitschaft und die Disziplinverstöße waren schlimmer, als ich befürchtet hatte. Hinzu kam, dass der größte Teil der Kinder nicht in der Lage war, einem herkömmlichen Unterricht zu folgen.

    Die Berufserfahrung hat mir gezeigt, dass nur Geduld und viel Verständnis in diesen Fällen etwas bewirken kann. Freundschaft und Vertrauen zu erobern, das wußte ich, war ein langer Prozeß. Ich dachte daran, was in der hl. Schrift gesagt wurde: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

    Eines Tages gab ich ihnen das Aufsatzthema: "Wie wünsche ich mir meine Lehrerin?". Fast alle schrieben, sie solle ehrlich sein, sich mit den Kindern unterhalten, gut unterrichten, nie böse werden und immer lächeln. "Gut", sagte ich zu den Schülern, "ich werde mir Mühe geben, euren Wünschen zu entsprechen. Aber laßt uns ein Abkommen schließen. Auch ich habe ein paar Wünsche an meine Schüler. Sie sollen aufrichtig, fleißig sein und sich nicht prügeln. Wollt ihr das versuchen?"

    Einen Moment lang herrschte Stille. Dann sagte einer der Schüler zögernd: "Einverstanden!" Nach und nach stimmten auch die anderen zu. Zur Erinnerung malten wir ein Plakat, auf dem stand: Alles, was ihr von den anderen erwartet, das tut auch ihnen!

    Nun helfen wir uns gegenseitig, diesen Pakt einzuhalten und versuchen, die anderen so zu behandeln, wie wir gerne behandelt werden möchten.

    Ich muss offen gestehen: Das ist nicht immer leicht, und oft ist es ein Ringen, um das Richtige zu tun. Aber wir spüren alle, dass unser Abkommen eine große Bereicherung für uns alle geworden ist. "   K.J.