Der Papagei
Romeo, so hatten die Menschen den schönen blau-gelben Papagei getauft, saß auf seiner Stange am
Swimming-Pool eines großen Hotels. Zwischen all der Traurigkeit und Enttäuschung war noch eine wage Erinnerung, dass er einst fliegen konnte und die Welt doch ganz schön sein konnte. Aber jetzt war er nur noch traurig. Die Langeweile und Eintönigkeit tagein tagaus von Morgens bis Abends auf dieser Stange zu hocken, keinerlei Abwechslung und das Futter, was vom Pfleger sehr lieblos in den Futternapf gekippt wurde, schmeckte auch nicht.
Was war nur aus ihm geworden?
Früher war er stolz und frei und immer auf der Suche nach Abenteuern. Das Abenteuer mit dieser Frau war ihm nicht bekommen: eines Tages hörte er ein tolles Papageien-Weibchen schreien, und er wollte schauen, was dort los ist. Das war seine Traumfrau! Von ihrer Ausstrahlung derart fasziniert, ließ seine Wachsamkeit nur einen winzigen Augenblick nach und genau da kam so ein zweibeiniges Wesen daher, packte ihn, und sperrte ihn in den Käfig. Nun war er direkt bei ihr, und sie erwiderte sogar seine Gefühle.
Sie schwebten eine ganze Weile wie auf Wolken, aber sehr bald schon merkte Romeo, dass der Preis für ein Zusammensein mit Julia sehr, sehr hoch war: seine Freiheit und Unabhängigkeit.
Er würde alles dafür tun, dass sie glücklich ist, aber er selbst litt immer mehr und seine faszinierende Ausstrahlung wurde immer blasser und blasser. Er konnte sie nicht glücklich machen. Sie wollte schon mit ihm mit fliegen, die weite, weite Welt erkunden, aber sie traute sich nicht.
Sie war bei den Menschen groß geworden, und fürchtete sich vor der gefährlichen, großen Welt da
draußen, die sie nicht kannte. Sie liebte ihre kleine, überschaubare Welt, wo sie jeden Tag Futter bekam.
Die fehlende Freiheit bemerkte sie nicht, da sie sie nie kennen lernen durfte.
Er faszinierte sie, denn er war so wild und ursprünglich. Seine Kraft zog sie geradezu magisch an, aber sie sah auch, wie sehr er seine Freiheit liebte und hatte Angst, er könnte sie verlassen. Er flog immer wieder auf die Bäume im Park, oder die Dächer der umliegenden Häuser, und lockte: „Komm doch mal hierher und schau dir die Welt an. Sie ist so schön, und wir können doch immer wieder hierher zurückkommen“. Doch sie traute sich immer noch nicht.
Eines Tages sah der Pfleger, wie er dort im Baum saß und sie rief. Als Romeo dann wieder auf seiner Stange saß, um bei ihr zu sein, kam der Pfleger, und stutzte ihm die Flügel. Welche Katastrophe! Nun war er endgültig gefangen. Die Ironie: kein Käfig umgab ihn, und doch war er gefangen. Er litt unsäglich, und wurde immer trauriger.
Durch ihn merkte Julia, dass ihre kleine heile Welt keineswegs heil war, denn sie spürte seine tiefe
Traurigkeit, und litt, wenn er vor lauter Verzweiflung wieder einen seiner Wutanfälle bekam und hatte sie Angst vor ihm. Dann war er noch verzweifelter, wenn sie sich von ihm zurückzog: Er wollte doch alles dafür tun, das sie glücklich ist, aber er selbst war tot unglücklich. Wie, um alles in der Welt, sollte er sie glücklich machen, wenn er selbst tot unglücklich war? Er wusste nicht, wie er sie und seine Freiheit bekommen könnte und es zerriss ihn innerlich.
Im Laufe der Zeit wuchsen die Flügel-Federn wieder nach und Romeo hatte eine Idee: Der Pfleger war faul und interessierte sich überhaupt nicht für ihn. Er wollte nur keinen Ärger. Und den hatte er oft mit Romeo. Wenn er nun abhauen wollte, war es jetzt besser, keinen seiner Wutanfälle zu bekommen und einfach so zu tun, als ob er nicht fliegen könnte. Der Traum von der Freiheit ließ ihn friedlich bleiben, bis er wieder fliegen konnte. Dann könnten sie endlich hier weg.
Der Tag X kam, und er flog auf den höchsten Baum und lockte sie. Aber schon als sie das kleine Stück zu ihm hin flog, bekam sie solche Angst, das sie sagte: “Nein Romeo, ich liebe dich wirklich sehr, aber ich kann nicht mitkommen“. Er sagte:“ Lass mich doch wenigstens die Gegend erkunden, ich komme ja wieder. Dann kann ich dir erzählen, was ich alles gesehen und erlebt habe“. Sie verabschiedeten sich unter vielen Tränen, und er flog davon.
Er genoss die Freiheit sehr und doch war es nicht dieselbe Freiheit, die er kannte. Er wünschte sich so sehr, sie könnte all die Schönheit sehen und all die Abenteuer auch erleben. In seiner Liebe wollte er alles mit ihr teilen und er ertappte sich immer wider dabei, dass er sich fragte: “Was soll ich alleine hier.
All die Freiheit ist ohne sie so glanzlos“.
Der Pfleger tobte, als er bemerkte, dass Romeo verschwunden war. Als er bemerkte, dass Julia mit
gesengtem Kopf in der Ecke saß, und ihr Futter nicht mal angerührt hatte, bekam er doch einen Anflug von Mitgefühl. Außerdem wollten die Hotelgäste muntere Papageien, und nicht so einen Trauer-Kloß. Er kaufte schnell ein neues Männchen, was Romeo sehr ähnlich war. Vielleicht würde sein Chef ja nichts bemerken. Sogar Julia interessierte sich für Jacko, ihren neuen Begleiter.
Als Romeo schweren Herzens beschlossen hatte, lieber auf seine Freiheit zu verzichten und bei Julia zu bleiben, kehrte er zurück, sah er Jacko auf der Stange sitzen, und glaubte, sein Herz würde zu Stein. Als sie ihn sah, begrüßte sie ihn glücklich, aber dann packte sie der große Kummer: Sie konnte doch nicht zwei Männer haben. Und doch liebte sie beide; jeden auf seine Art. Romeo kam immer wieder und bat sie:“ ich bleibe auch hier, aber ich will dich. Denn was soll ich mit meiner Freiheit ohne dich?“ Sie antwortete unter Tränen, das ginge nicht. Er sollte doch seine Freiheit genießen. Es wäre doch so wichtig für ihn.
Romeo war gefangen. Nicht etwa im Käfig, nein sogar seine Flügel waren heil, und doch war er
gefangen. Unsichtbare Fesseln banden ihn an sie. Sie wollte ihn zwar nicht ganz verlieren, aber mit ihm zusammen sein konnte sie auch nicht. Dazu war ihre Angst viel zu groß geworden. Die Angst vor der großen Welt, und das er eines Tages vielleicht doch gehen würde, oder auf seinen Streifzügen eine andere kennen lernen würde. Andererseits war sie fasziniert, wenn er von seinen Erlebnissen berichtete.
Sie war gefesselt von den unsichtbaren Stricken ihrer Angst. Sie konnte jeden Tag aus dem Käfig, ihre Flügel waren gesund, und trotzdem konnte sie nicht fliegen. Die Angst hing wie ein Betonklotz an ihren Füßen. Er wiederum war an sie gefesselt, und konnte oder wollte deshalb auch nicht fliegen. Und so saßen sie alle auf der Stange, litten vor sich hin und träumten von ihrem Paradies, dass sie sofort haben könnten, aber nie bekommen würden, solange sie hier herum saßen. Sie müssten nur an ihren Traum glauben, ohne dass ihre Ängste sie vergifteten.
Nun geschah eines Tages etwas sehr merkwürdiges. Ein Junge hatte Romeo mal wieder geärgert, und hatte ihn sogar an den Federn gezogen und sagte: „So ein doofer Vogel, wieso fliegt der nicht?“ Da kam Tanja, eine richtige Schönheit, der alle hinterher schauten.
Sie sah ihn liebevoll mit ihren grünen Augen an, und verstand ihn sofort. Romeo spürte ihre Herzlichkeit und die tiefe Wärme, die sie ausstrahlte. Ein echter Engel. Romeo genoss ihre Aufmerksamkeit sehr und in seinem Herzen war ein winziger Funke von ihrer Liebe, der wachsen wollte. Ihre Liebe und ihr Verständnis lösten eine Flut von Gefühlen in ihm aus: Längst vergessen geglaubte Erinnerungen kamen wieder hoch. Tanja wickelte sich ein Handtuch um ihren Unterarm und sagte:“ Komm auf meinen Arm, dann können wir etwas spazieren gehen. Du siehst mal was anderes, und musst nicht immer auf dieser blöden Stange hocken. Die Menschen, die dir das antun, wissen gar nicht, was sie da tun, und die Gäste finden es auch noch toll“. Romeo zögerte noch ein wenig, aber ihre Nähe tat so gut. Er hüpfte auf ihren Arm und sie gingen aus dem Hotel zur Küste, wo man einen herrlichen Blick über das Meer und die Küste hatte.
Am Strand angekommen, traute Romeo seinen Augen nicht: eine märchenhaft schöne Papageien-Frau, die mit ihrer Begleiterin am Strand war. Aber sie war frei! Das, was sie mit ihrer Begleiterin verband, war Liebe und Freiheit. Sie war bei dieser Frau, weil sie sich liebten und in ihrer Andersartigkeit vollkommen akzeptierten. Aylia, wie die Papageienfrau hieß, konnte kommen und gehen, wie sie mochte und bekam ihre Leckereien, ohne jede Verpflichtung. Andrea, die Frau, freute sich, wenn es Aylia schmeckte, denn sie hatte diese Leckereien, mit viel Liebe ausgesucht oder selbst gebacken. Als Romeo zögernd näher kam, war es für die beiden ganz natürlich, ihn liebevoll und offen zu begrüßen, denn sie spürten auch sofort seine Unsicherheit und Verletztheit und munterten ihn auf. Aylia teilte ganz selbstverständlich ihre edlen Leckereien mit ihm.
Dann kam der große Augenblick, wo sie zum ersten Mal auf Entdeckungstour gingen. Das war eines der unerfüllten Wünsche von Aylia: bei aller Liebe, Andrea konnte nicht mit ihr fliegen und all die Schönheiten der Luft mit ihr teilen und so war sie immer allein losgezogen, hatte die Freude darüber mit Andrea geteilt. Und doch war da etwas ganz Tiefes, Unerfülltes: Sie wollte diese Erlebnisse auch mit jemandem von Gleich zu Gleich teilen. Nicht stattdessen, sondern zusätzlich. Wie viel schöner war es für alle, wenn man diese Erfülltheit miteinander teilt. So würde vielleicht endlich auch Andrea den Mann treffen, mit dem sie ihre unerfüllten Sehnsüchte ausleben konnte und Aylia daran teilhaben ließ. So konnte jeder in seiner Welt glücklich sein und an der Welt des anderen teilhaben, „In Liebe und Freiheit“, ein gelebtes Beispiel, was einfach in aller Selbstverständlichkeit diese Verbundenheit ausdrückt und zeigt, dass sie nicht nur möglich ist, sondern auch wie schön es ist.
Romeos und Aylias Entdeckungstouren wurden immer ausgedehnter und sie zeigten sich all das Schöne, was sie allein entdeckt hatten: „Schau mal, wie schön es hier ist!“. So tauschten sie ihre Vorlieben in Beispielen aus und konnten ihre Begeisterung miteinander teilen.
Nun brachen sie zum ersten Mal zu einer Entdeckungstour ins Unbekannte auf. Sie hatten ja nun schon viel erlebt aber jetzt war da doch etwas anders: Jetzt würde sich zeigen, ob sie diesen Zauber auch zusammen erleben konnten: die Magie des Augenblicks, die sie, als sie allein waren, immer zu den schönsten Plätzen geführt hatte.
Sie hatten sich gerade mit Andreas Leckereien gestärkt und flogen los. Plötzlich kamen heftige Windböen und sie mussten sehr wachsam sein. Nach dem ersten Schreck fanden sie sich auch mit den Windböen zurecht und genossen es, durch die Gegend geschubst zu werden, ohne zu wissen wo es hin ging. Es war wie ein Lotterie-Karussell. Das war ein echter Flug ins Blaue. Nach kurzer Zeit brach ein Regenguss los und sie wurden pudelnass, aber selbst das konnte sie nicht erschüttern. Beim fliegen auch noch baden, war doch mal was anderes und sparte Zeit.
Nach kurzer Zeit waren sie hoch in den Bergen und landeten auf einer riesigen Palme, als gerade die Sonne durch ein winziges Loch in der pechrabenschwarzen Wolkendecke hindurch schien und einem wunderschönen Regenbogen über das Tal zauberte, und das ganze noch mit einer riesigen Kuppel aus silbrig-goldenen Strahlen krönte, an dessen oberstem Punkt das Loch in der Wolkendecke wie ein strahlendes Auge ruhte.
Unbeschreiblich schön und genau so wundervoll fühlte es sich für die beiden auch im Innen an. Sie
waren erfüllt von nie gekanntem Glück. „Ich mag unser Abenteuer!“ sagte Aylia, Romeo nickte nur ganz verträumt und fasziniert und rückte noch enger an sie heran. „Soooo schöööön!“ flüsterte sein Gefühl und er hatte Angst, das ein zu lautes Wort den ganzen Zauber wie eine Seifenblase zerplatzen lassen könnte und genoss schweigend dieses alles durchdringende Gefühl.
Als sie dann zurück kamen, war es das erste Mal, dass sie eine Kluft zwischen sich und Andrea spürten. Das war etwas, was sie nicht mit ihr teilen konnten, denn dieser Zauber ruhte nur im Augenblick. Man konnte ihn nicht mitnehmen. Deshalb war es auch all die Zeit, wo Romeo und Aylia allein waren unerfüllt, denn dieses Gefühl konnte man eben nur zusammen in diesem einen Moment erfahren, wo alle Grenzen verschwunden sind und alles EINS ist.
Noch ganz erfüllt von diesem Gefühl, wünschten sie sich so sehr, dass auch Andrea einem Mann fände, mit dem sie das auf ihre Weise erleben konnte.
Romeo erkannte, dass das, was ihn gebunden hatte, Julias Ängste waren, aber solange wie SIE es nicht erkannte, es auch kein Entkommen geben würde. Sie würde dafür wohl noch lange brauchen, vielleicht noch viele Romeos fangen und binden, bis der Verlustschmerz und die Verzweiflung groß genug ist, ALLES hinter sich zu lassen.
Wenn die Liebe es nicht schafft, sie aus dem Gefängnis zu locken, wird der Schmerz sie daraus
vertreiben. Die Seele will, ja MUß frei sein.
Er konnte nicht so lange warten, denn das Leben ist sehr kostbar und jeder mit Warten verschwendete Augenblick ist Gift. Vielleicht würden sie noch einmal begegnen, wenn Julia bereit war, alles mit ihm zu teilen oder einen anderen Romeo finden. Jetzt wollte er alles mit Aylia erleben, was sie zusammen erleben konnten. Wenn sie alles erlebt hatten, konnten sie auch in Liebe und Freiheit verbunden bleiben und ein neues Kapitel im Abenteuer Leben mit jemand anderem teilen. Vielleicht sogar durch diese Erfahrungen bereichert die Erlebnisse wieder austauschen und noch einmal zusammen ein neues Abenteuer erleben.
Tief in Aylia zerriß etwas: die Sehnsucht ALLES mit Andrea teilen zu können. Aber sie musste erkennen, dass es eben durch ihre Andersartigkeit auch Dinge gab, die sie nicht teilen konnten. Bisher war die Sehnsucht sich ganz zu entdecken unerfüllt geblieben. Mit Romeo war endlich die Möglichkeit ihr ganzes Potential zu erfahren, alles mit ihm teilen zu können, wahr geworden. Denn er war ganz wie sie. Ein zweites sie Selbst. Er verstand sie ohne Worte, ohne Ausnahme, denn sie fühlte ganz wie er. Sie waren EINS geworden.

„Alles Liebe und Gottes Segen auf all Deinen (Herzens-) Wegen!“

Sigurd Longardt Sommer 1995 La Gomera, Jan 2000 Berlin, Jan 2001 Hawaii, 04.03.2005 Zierenberg Jan 2007 Neuseeland, Mai 2007 St. Märgen

Manche Stories brauchen sehr viel Zeit, und eine Reise um die halbe Welt, um zu wachsen und sich zu entwickeln!