Marga lernte ihren Gustav mit 16 Jahren beim Tanzabend eines Schützenfestes kennen. Den ganzen Abend über schwebte sie in seinen Armen überglücklich dahin, lehnte sein Angebot, sie mit seinem Auto nach Hause zu bringen, nicht ab. Gleich am nächsten Tag stand er im Anzug vor der Haustüre, stellte sich ihren Eltern vor, überreichte den Damen Blumen und bat den Hausherrn, seiner Tochter den Hof machen zu dürfen. Noch anständiger ging es selbst zu der damaligen Zeit nicht. Den Cognac, den der Hausherr ihm anbot, lehnte er ab. Schließlich wolle er Marga noch ins Kino einladen und vor der Türe stand sein Ford. Margas Eltern waren von Gustav begeistert.

„Der bringt es zu was,“ ahnten sie.

Sechs Jahre später. Marga und Gustav hatten eine Traumhochzeit gefeiert, der Stammhalter war geboren und ein entzückendes Töchterlein sagte schon mit drei Jahren kleine Gedichte im Kindergarten fehlerfrei auf, ganz so, wie es sich gehörte. Eine Vorzeigefamilie. Der Vater karrierebewusst, die Mutter fleißig und ordentlich, die Kinder wohlerzogen und stets adrett gekleidet. Marga liebte ihren Gustav und er liebte sie, sie liebten sich – oft und innig, Marga blühte unter den fordernden Küssen ihres Mannes auf,sie vergötterte ihren Gustav, Kopfweh kannte sie nicht, sie freute sich stets auf ihn und so ließ Kind Nummer drei nicht lange auf sich warten.

Nun war die Wohnung zu klein, doch das Schicksal war auf ihrer Seite. Gustav bekam just zu dieser Zeit ein Angebot, das er nicht abschlagen konnte. Er wurde in den Stadtrat gewählt. Marga platzte fast vor lauter Stolz auf ihren Mann. Nun war das Geld für ein Haus da und nach weiteren drei Jahren tobten vier Kinder durch den großen Garten vor dem hübschen, weißen Haus. Marga hielt alles reinlich, schmückte den Garten mit Blütenpracht und man bewunderte die Familie wo immer sie auftauchte. Hier passte alles harmonisch zusammen. Der Stammhalter ging aufs Gymnasium, Marga managte Sammlungen für arme Menschen in aller Welt, half beim Kirchenbasar, auf den Schulfesten, sang im Kirchenchor, wozu sie auch die Kinder anstiftete und lebte glücklich und stets gut gelaunt ihr perfektes Leben.

Gustav stieg weiter auf, er musste oft zu Sitzungen und kam spät heim. Selten gab es noch ein gemeinsames Abendbrot. Trotz der späten Stunde wartete Marga immer auf ihn, mit der Zeit unterließ sie es nur, für ihn ein Nachtmahl bereit zu halten. Gustav hatte bereits gegessen, wenn er zu ihr kam und nicht nur das. Er hatte auch getrunken. Zunächst dachte sich Marga nichts dabei. Schließlich gehörte ein Glas Wein oder Cognac dazu, wenn gegessen oder auf einen guten Abschluss angestoßen wurde.

Über den Skandal, der in der Zeitung breitgetreten wurde, konnte Marga sich nur wundern. Der Bürgermeister musste sein Amt abgeben, weil er mit seiner Sekretärin im Bett erwischt wurde. Das käme Gustav nie in den Sinn, Marga wähnte ihr Glück in trockenen Tüchern. Irgendwann begann Gustav, abends zur Entspannung noch ein Gläschen zu trinken. Marga nörgelte deshalb, er hatte doch schon eine Fahne, wenn er heimkehrte. Er blieb länger auf, weil er noch arbeiten musste und als sie ihn auf die ständig leere Glaskaraffe mit dem Brandy ansprach, blaffte er sie an.

„Ich arbeite den ganzen Tag wie ein Wilder, ermögliche euch allen ein gutes, komfortables Leben, da werde ich doch das Recht haben, mir hin und wieder ein Glas zu genehmigen!“

Marga war erschrocken. So hatte er noch nie mit ihr gesprochen! Er hatte ja Recht, schließlich war es sein Geld, was da durch seine Kehle rann.

Immer öfter kam Gustav jetzt in ihr Bett und roch nicht nach After Shave, sondern nach Alkohol. Er war auch nicht mehr so liebevoll und zärtlich wie früher, sondern forderte Praktiken von ihr, die sie anekelten. Wütend verließ er bei Verweigerung das Ehebett, schlief im Zimmer des Stammhalters, der inzwischen in Berlin studierte. Marga überlegte. Wenn Gustav sie damals gebeten hätte, das zu tun, wozu sie heute nicht bereit war, hätte sie es damals getan? Ja, sie hätte alles für ihn getan. Nur hätte Gustav das damals nie verlangt. Sie dachte an die Zeit, wo sie Gustav so gern mit Haut und Haaren in sich gesaugt hätte wie ein ausgedörrter Schwamm. Sie schaut alte Bilder an. Damals waren ihre Arme immer um Gustav geschlungen als wolle sie ihn nie mehr hergeben. Wenn sie jetzt mit Gustav abgelichtet wird, liegen ihre Unterarme gegen seinen Oberkörper, ihre Hände auf seinen Schultern, doch die Ellenbogen stechen Richtung Magengrube, sagen *komm mir nicht zu nahe!* Auch ihr Lächeln, ihre Fröhlichkeit ist nicht mehr da. Als Gustav Junior sie in den Semesterferien darauf anspricht, erschrickt sie. Fortan übt sie sich darin, fröhlich zu sein, selbst dann, wenn ihr zum Heulen ist.

Immer öfter sind Flaschen im Müll, die Gustav heimlich zu entsorgen versucht. Mit ihm darüber zu reden ist sinnlos. Er wiegelt ab, spielt die Menge herunter, die durch seine Kehle rinnt. Wird Marga zu deutlich, spricht ihn auf die Flaschen im Müll an, ist er eingeschnappt und spricht oft Tage nicht mit ihr. Dann kommt er mit Blumen, bittet um Verzeihung, gelobt Besserung…um nur einen Tag später wieder angetrunken in ihr Bett zu kommen. Er starrt sie aus glasigen Augen  an, schwankt und muss sich am Bettpfosten festhalten. Wenn er spricht, sabbert er und sein Speichel sprenkelt bei S-Lauten heraus, wie aus einer kaputten Gießkanne. Wort- und lustlos lässt sie die Prozedur über sich ergehen, denkt dabei an Einkäufe, die sie erledigen muss, an die Vorbereitung zum Kirchenbasar.

„Früher warst du anders im Bett,“ beklagte sich Gustav.

„Du auch!“

„Ach! Ich bin dir wohl nicht mehr gut genug? Mein Geld gibst du mit beiden Händen aus, das ist gut genug für Frisör, Musikstunden und Nachhilfe für deine Balgen, was?“

„Es sind auch deine Kinder, Gustav!“

Er greift ihre Schultern und schüttelt sie.

„Woher soll ich wissen, von wem die sind? Hast doch den ganzen Tag Zeit und kannst dich rumtreiben, während ich schufte. Kein Wunder, wenn du dann im Bett so lustlos bist, hast wohl schon gehabt, was du brauchst, was?“ Ihr Gesicht ist übersät von den Spritzern seiner feuchten Aussprache.

Gustav wird immer lauter. Bald erklingt Weinen aus dem Zimmer der Kleinsten.

„Das hast du gut gemacht! Nun leiden schon die Kinder unter deiner Lustlosigkeit,“ brüllt Gustav und verzieht sich wieder einmal in das Zimmer des Stammhalters.

Marga beruhigt die Kleinste und liegt dann weinend im Bett. Gustavs scharfer Verstand scheint zu leiden. Sie und ihre Lustlosigkeit sind schuld am Leid der Kinder? Die bekommen es, Gottlob, kaum  mit, wenn Gustav mit glasigen Augen zum Klo wankt oder rülpsend und furzend auf dem Sofa vor dem Fernseher hängt.

In ihrer Not sucht Marga den Hausarzt auf, spricht mit ihm über Gustavs Problem. Auch er hält es für notwendig, dass Gustav seinen Alkoholkonsum drastisch verringert, zumal er ein Problem mit dem Herzen hat, was mit zunehmendem Alter schlimmer wird. Marga legt ihm den Zettel mit dem Arzttermin hin und Gustav hält ihn ein. Marga hat sich immer um Termine für die Vorsorge gekümmert. Als Gustav vom Arzt kommt, knallt er die Türe ins Schloss, dass Marga befürchtet, die Scheibe könnte heraus fallen.

„Was fällt dir eigentlich ein, dem Kurpfuscher zu erzählen, ich hinge an der Flasche? Findest du das lustig,  wenn alle Leute wissen, dass ich in die Nasenbleiche soll? Ich habe dem gesagt, wenn er seine Schweigepflicht bricht, dann breche ich ihm auch was! Das wird auch dir geschehen, hast du mich verstanden, du Miststück?“

Marga starrt Gustav mit offenem Mund an. Nein, das ist nicht mehr der Mann, den sie geliebt und geheiratet hat, das dort ist ein Fremder. Sie presst die Hände vor der Brust zusammen und plötzlich weiß sie, dass gerade das letzte Fünkchen Hoffnung, der letzte Tropfen Liebe zwischen ihren Fingern heraus sickert und auf den kalten Marmorboden klatscht.

„Dann sauf dich doch tot,“ flüstert sie heiser und lässt ihn einfach stehen. Kurz darauf klimpern Flaschen. Im Augenwinkel sieht sie, dass er sich nicht einmal mehr die Mühe macht, ein Glas zu füllen. Er setzt gleich die Flasche an den Mund. Da wo einmal Liebe, Achtung und Respekt wohnten, macht Ekel sich breit, wächst Verachtung und Gleichgültigkeit. Was soll sie nur tun? Nun sieht sie ihre Schwestern mit anderen Augen. Marlies erträgt die Affären ihres Mannes mit gespielter Blindheit, Anne kocht wegen Werners Spielsucht nur Tütensuppen, Thea lebt neben Karl her, sie sprechen keine drei Worte miteinander. Scheidungen sind noch so verpönt, da harrt man lieber aus und verschenkt sein Leben, seine Freude daran.

Ihr früheres Leben, wie schön war es! Sie hatten selbst nach Jahren noch gealbert wie Kinder, sich heiß geliebt, hielten zusammen. Hätte sie früher einen Riegel vorschieben müssen? Ihn vom Alkohol abbringen müssen als er noch nicht die Herrschaft über Gustavs Willen hatte, er seinen scharfen Verstand noch besaß?

 Wann begann das Bröckeln, fingen Liebe, Achtung und Respekt an, sich Stück für Stück zu verabschieden? Mitten in diese Gedanken hinein klingelt das Telefon. Völlig aufgelöst stammelt Gustavs Sekretärin, dass er plötzlich zusammen brach. Der Notarzt sage, er sei tot.

Rot glühen Margas Wangen. Nicht der Verlust lässt Röte in ihr Gesicht steigen, es ist Scham. Marga spürt nämlich, dass sie gerade wieder zu leben beginnt.