Es ist 5.36 Uhr und ich bin schon wieder wach, denn meine inkompetente Blase macht es mir nicht möglich, mit trockenem Höschen zu schlafen oder auch nur länger als eine halbe Stunde am Stück.
Aber heute ist es irgendwie schlimmer, trotz starker Müdigkeit kann ich nicht wieder einschlafen.
Aus meinem Nachttisch hole ich ein Wollknäuel und meine Stricknadeln.
Stricken…..ich hasse es und trotzdem ist es mein einziges richtiges Hobby seit 10 Jahren, seit mein Mann Hans von einem Bus überrollt wurde.
Vermutlich stricke ich auch nur, weil ich zu geizig bin, Geschenke für die Kinderschar meines Sohnes zu kaufen.
Es ist 7.17 Uhr und ich schrecke aus dem immer wieder kehrenden Alptraum vom Ableben meines Mannes auf.
Die Blase sticht, ich wuchte meinen kleinen, dicken, faltigen Körper aus dem Bett und schlurfe mit meinem uralten Rollator ins Bad.
Aua, ich bin heftig mit meinem Steißbein auf die Klobrille geknallt, weil mein Haltegriff mal wieder aus der Haltung der maroden Wände gebrochen ist.
Schmerzen, mal mehr, mal weniger, jeden Tag, heute besonders.
Ich sehe im Spiegel einen hässlichen Klumpen Haut, die graue Dauerwelle ist schon Monate alt, die Lippen sind rissig, aus der Nase wachsen Haare.
Ich lege eine neue Binde in meinen fleckigen Schlüpfer, denn ich habe heute noch was vor.
Es ist wirklich nur etwas, aber es dauert wahrscheinlich wieder Stunden.
Das kotzt mich alles an.
Ich hab mir noch einen Einkaufszettel gemacht, damit ich nichts vergesse, aber ich habe vergessen, wo der Zettel ist.
Eine Valium und einen schwarzen Tee mit Natreen.
Jetzt bin ich bereit.
Pipi müsste ich noch mal, aber ich lasse es einfach laufen. Es kämen ja doch nur ein paar Tröpfchen.
Es ist 8.11 Uhr und ich bin vor meiner Haustür angekommen. Nachbarskinder bekommen einen fiesen Blick von mir, da sie mich mal wieder mit ihren auf dem Boden herumliegenden Bananenschalen umbringen wollen. Aber bevor ich gehe, bekommt ihr noch was von mir. Ich lasse, glaube ich, wirklich eine Zwille in meinen geliebten Rollator einbauen, wie meine Enkel es immer vorschlagen!

Bruch

Keine Ahnung, wie viel Uhr. Ich kann Stimmen von anderen Leuten hören, die meinen Namen nennen. Sehen tu ich nur ein weißes Licht, es blendet mich, deshalb schließe ich die Augen und höre nur zu.

Ich schlafe und plötzlich werde ich aus andern Gründen als meiner Blase aufgeschreckt. Ein Asthma-Anfall? Ich bekomme keine Luft. Ich kann nicht aufstehen. Ich versuche zu schreien und um Hilfe zu rufen, doch nichts passiert.

Ich reiße meine Augen auf, meine Brust reißt entzwei. Wieder kann ich nicht aufstehen oder schreien. Ich sehe nur total verwelkte Blumen auf dem Nachtschrank neben mir. Bin ich schon lange an diesem Ort?

Ich höre die Stimme meines Sohnes, ich verstehe nur Wortfetzen.
Er ist unsicher, wie schon immer.
Er ist traurig. Er hat keine Hoffnung mehr in seiner Stimme. Was ist hier los?
Das Letzte, was ich höre, ist: „Tun Sie es".
Danach war alles vorbei.