Der Transfer

Die Geschichte, die ich hier erzähle, hat sich kurz vor der 'Wende' zugetragen, als aber noch der kalte Krieg zwischen Ost und West im Gange war.

Sie begann damit, dass ich von dem Leiter einer Organisation getragt wurde, ob ich bereit wäre, eine nicht ungefährliche Mission in der damaligen DDR durchzuführen. Und zwar sollte ein Geldtransfer aus der BRD für einige Kirchengemeinden in der DDR gemacht werden. Die Gelder stammten aus Spenden in Westdeutschland, aber die Übergabe sollte in der DDR gemacht werden.

Ehrlich gesagt, ich hatte schon einen Schrecken bekommen, denn ich konnte mir schon vorstellen, was mir passieren würde, wenn man mich dabei erwischte. Aber auf der anderen Seite sagte ich mir, das sind unmenschliche Gesetze, die es verbieten, dass man seinen Mitmenschen hilft. Und weil ich auch überzeugt war, das sei eine gute Sache und Gott wird mir sicher helfen, sagte ich zu.

Einige schlaue Planer hatten sich schon alles ausgedacht, wie das Ganze ablaufen könnte. Ich sollte als Handesvertreter für Herrenoberbekleidung nachts auf der Autobahn durch die DDR nach Westberlin fahren und mir das Papiergeld, es handelte sich um eine hohe Summe, als Bauch auf die Haut aufkleben, und darüber meine Kleidung tragen. Außerdem sollte ich einige Nachrichten mündlich übermitteln, die aber von mir wörtlich auswendig gelernt werden mussten.

In einer bestimmten Autobahn-Raststätte der DDR würde ich einen Italiener treffen, der im Osten wohnte und dort im kirchlichen Dienst stand. Dem sollte ich das Geld übergeben und die Nachrichten übermitteln.

Als es dann soweit war, kam ich mir mit meinem aufgeklebten Bauch als dicker Handelsvertreter sehr komisch vor. Ich hatte außer meinem Personalausweis auch Geschäftspapiere bei mir, die nachwiesen, dass die sich im Wagen befindlichen neuen Herrenanzüge von mir am nächsten Tag in Westberlin präsentiert werden sollten. Also fuhr ich los, von den guten Wünschen meiner engsten Freunde, die um die Aktion wußten, und ihrer Zusage, für mich zu beten, begleitet.

Ich erinnere mich noch sehr gut, dass es so stark regnete, als wären alle Schleusen des Himmels geöffnet. An der Grenze verlief alles normal. Die Vopos untersuchten meinen Wagen, kontollierten meine Papiere und winkten mir durch. Ich hatte Angst, denn die Möglichkeit von vielen Jahren Gefängnis oder noch Schlimmerem stand mir schon vor Augen.

Der Regen wurde so dicht, dass ich fast die Ausfahrt zu der Autobahn-Raststätte übersehen hätte. Ich parkte und machte mich auf der Suche nach dem Italiener, den ich aber nicht kannte. Er sollte daran zu erkennnen sein, dass er eine Zigarette rauchte. Alss ich dann durch dir Raststätte ging, dachte ich, das ist doch ein blödes Erkennungszeichen, denn fast alle Männer dort rauchten. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass mich alle als 'Wessi' erkannten.

Pro forma ging ich aufs Örtchen, dann wieder zurück, und da sah ich ihn. Er schaute mich an, und ich wußte einfach: er war es! Er drehte sich um, ging zu seinem Wagen und fuhr weg. Ich mit meinem Wagen hinterher.

Wir fuhren etwa 20 km weiter auf einen Autobahn-Rastplatz. Ich flitzte raus aus meinem Wagen und stellte mich ihm vor. Es gab auch ein Erkennungswort - wirklich so, wie man es in den Spionage-Romanen liest. Dann sagte ich ihm die auswendig gelernten Nachrichten, während ich gleichzeitig versuchte, den mit Leukoplast aufgeklebten Bauch abzukriegen, um ihm das Geld übergeben zu können. Das Ganze solle nämlich schnell über die Bühne gehen.

In diesem Augenblick hielt hinter uns ein Motoradfahrer, der seine Scheinwerfer - es war ja spät abends - voll auf unsere beiden Autos gerichtet hatte. Davon hatte eines ein ostdeutsches, und das andere ein westdeutsches Nummernschild! Verflixt! Mir zitterten wirklich die Glieder. "Bleib ganz ruhig", sagte der Italiener zu mir. Dann übernahm er den gesamten abgetrennten Bauch nebst Geldinhalt, legte alles in eine große Plastiktasche, grüßte mich noch herzlich und fuhr weg.

Auch ich fuhr wieder auf die Autobahn und kam nach einer Stunde glücklich in Westberlin an.

Weit nach Mitternacht kam ein Anruf. Verschlüsselt sagte mir der Italiener, es sei alles gut gegangen.