Wissen Sie was ein Bilch ist, nein? Ein Siebenschläfer. Nicht ganz so groß wie ein Eichhörnchen doch beinahe zum verwechseln ähnlich, wenn das Fell nicht gerade Mausgrau wäre. Ein solcher Siebenschläfer verirrte sich, da ich mitten im Wald wohne, doch tatsächlich in meine Wohnung, genauer in meine Wohnstube. „Vater, du hast einen Siebenschläfer in deiner Stube“, kommt am Samstag mein Sohn zu mir und bat mich mit zu kommen. Und tatsächlich schielte ein kleiner Kopf zwischen Blumentöpfen und Kerzenhaltern hindurch und schaute uns beide mit großen schwarzen Kulleraugen an. „Und nun, sagte ich, „wie bekomme ich den Burschen wieder los?“ „ Im Moment erst mal gar nicht“, sagte er, „denn dazu müsstest du vor allem jetzt ständig die Tür geschossen halten, die auf deine Dachterrasse hinaus führt, denn nur von da kann er gekommen sein“. „Und wenn die Tür den ganzen Tag offen steht, so ist das für die Tiere eine ständige Einladung“. „Die ziehen sich nämlich jetzt alle in die Häuser zurück. „Na prima“.
Abends beim Fernsehen, entpuppte sich der ungebetene Gast sprichwörtlich als Rapauke, nahm er doch sogleich die Schrankwand in Beschlag, weil man von dort oben eine so schöne Übersicht hat und alles sehr gut überschauen kann.
Gut, dachte ich, wenn du Krach machst, willst du sicher was zu fressen. Und bevor er sich des Nachts, während ich schliefe, über meine Schokokekse hermachen würde, gab ich ihm lieber ein wenig Trockenfutter von meiner Katze, die ich ohnedies schon immer ein bremsen musste, sonst ging hier die wilde Jagt durch die Stube. Also sperrte ich erst einmal „den, die oder das“ Kater „Rambo“ vor die Tür, was er/sie/es mit lautstarkem Protest quittierte, aber es war Zeit für ihn.
Am anderen Tag sah ich dann die Bescherung, was der Einwanderer in meine Wohnung angerichtet hatte. Aus Dank dafür, das ich ihm Futter und ein Dach über den Kopf bot, zerlegte er meine Fernbedienung für den Receiver, wobei überall die Hardware verstreut lag. Hier eine Batterie, da eine Batterie, dort der Deckel vom Batteriefach und unter dem Tisch lag sie, die Fernbedienung, zumindest der Rest davon.
Wie ich sie aufhob, stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass der kleine Scheißer alle Tasten abgeerntet hatte, weil sie ihm vermutlich gut schmeckten. „Sehr gut, da bleibt eben die Glotze heute Abend kalt und ich werde die Chance nutzen endlich mal wieder in einem Buch zu lesen, was ja oft vernachlässigt wird“.
Weit gefehlt. Auch an diesem Abend war der Störenfried überaus agil und spurtete, als wären die Möbel seine ganz persönliche Rennbahn, auf der Schrankwand hin und her und verschwand dann abwechselnd zwischen dem Schrank und der Holz Vertäfelung der Wand. „Also so wird das nichts mit uns zwei“ und so holte ich mein Gewehr. Da saß er nun auf der höchsten Stelle vom Schrank und blickte mich mit seinen Knopfaugen so liebevoll an, als wolle er sagen, du wirst mich doch jetzt nicht erschießen, oder? Ich hatte den Finger am Abzug, doch ich konnte es einfach nicht tun. Jedes mal, wenn ich ein Wort sagte, drehte das kleine Wollknäuel den Kopf hin und her und seine tellerförmigen winzigen Ohren bewegten sich in eine andere Richtung, als verstünde er jedes Wort, was ich sagte.
Außerdem hätte ich ja auch vorbeischießen können und hätte so die Wandverkleidung durchlöchert, was ja auch nicht so gut war, ganz zu schweigen von der Sauerei die ich hinterlassen hätte, würde ich treffen. Nein, so wurde das nichts. Das Vieh tat mir viel zu Leid. Also musste ein neuer Plan her.
Dem Thema Gift verweigerte ich sogleich meine geistige Zustimmung, weil ich den Bilch nicht so leicht hinter dem massiven Möbelteil hervor bekommen hätte ohne es zerlegen zu müssen.
Nein, dieser Vorschlag wurde zu aller erst ausgegrenzt. Ich überlegte weiter und da fiel mein Blick auf das Telefonbuch. Mensch, dachte ich, wozu gibt es denn Kammerjäger, sollen die sich gefälligst mit dem hartnäckigen Tierischem Asylbewerber auseinander setzten und ich rief an.
„Was bekämpfen sie denn so alles“ fragte ich am Telefon. Und prompt kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Läuse, Flöhe, Wanzen, Ameisen, Mäuse und Ratten“. „Und wie sieht es mit Siebenschläfern aus?“ Fragte ich weiter. „Na da haben sie ja den Hauptgewinn gezogen, damit haben wir keine Erfahrung“. „Zudem stehen die unter Naturschutz, so viel ich weiß“. „Da stehen sie mit ihrem Problem wahrscheinlich alleine da.“
„Nun, das habe ich mir beinahe gedacht“, sagte ich darauf. Jetzt wahr wohl guter Rat teuer und nur der Baumarkt blieb noch übrig. Zum Glück fand ich auch gleich das Richtige, vor allem aber in der richtigen Größe, eine Lebendfalle für Ratten. Zu Hause angekommen präparierte ich diese sogleich mit einem Stück Apfel, denn wie ich auch festgestellt hatte, waren etliche Äpfel, die in einer Schale auf dem Tisch in der Stube standen, von unten an gefressen. Doch wie zu Kuckuck hat das graue Kerlchen die Äpfel so gedreht, dass ich nicht sogleich die angefressenen Stellen sah, was wohl immer und ewig ein Geheimnis bleiben wird.
Ich stellte die Falle auf den höchsten Punkt des Schranks in der Stube auf und hoffte auf einen durchschlagenden Erfolg, der auch nicht lange auf sich warten lies. „Krach“ und die Falle schnappte zu. Der ungebetene Gast hatte entweder einen mächtigen Kohldampf gehabt oder aber das Apfelstückchen war zu verlockend für ihn.
„Geschafft“, sagte ich zu mir, während mein Gefangener zusammen gekauert und so groß wie ein Tennisball im Käfig saß und mich bestimmt recht grimmig ansah. Ich bugsierte ihn mit samt der Falle vor die Tür, stülpte zur Sicherheit noch einen größeren Behälter darüber, damit er nicht flitzen konnte, falls das Tierchen ja hinter den Öffnungsmechenismus kam und gönnte mir erst einmal einen schönen aber vor allem ruhigen Feierabend.
Am Anderen Tag rief ich im regionalen Zoo an, ob man denn Interesse an einem Siebenschläfer hätte, den ich aus meiner Wohnung gefangen hatte und ich bekam grünes Licht. Sogleich fuhr ich nach Suhl und lieferte das kleine Fellknäuel ab. Beim Öffnen des Kartons, in den ich noch aus Sicherheit meinen Fang eingesperrt hatte, kauert der kleine Bilch mitten in der Falle und hatte seinen Schwanz quer über die Augen gelegt. So eine schlechte Welt, ich will sie nicht sehen, wird er sich gedacht haben.
Ein Pfleger nahm mir das Häufchen Elend ab und fragte seinen Chef,“sollen wir ihn gleich wieder aus wildern oder behalten wir ihn“. „Ein seltenes Stück“ sagte der Chef, „wo haben sie den denn her?“ „Aus meiner Wohnung“, sagte Ich. „Dort wo ich wohne, gibt es noch mehr davon“. Selbstverständlich nicht in meiner Wohnung, aber im Wald“. „Sperren sie ihn in den Nymphenkäfig, der kommt erst mal unter Quarantäne“, sagte der Chef und der Pfleger tat, was angewiesen wurde. Der Pfleger betrat den Nympfenkäfig und öffnete die Falle. Wie ein geölter Blitz schoss der Bilch heraus, erklomm unter schreiendem Protest der hiesigen Hausgäste den Höchsten Baum in der Voliäre und schaute nur noch verächtlich auf uns herab und das mit zuckendem Schwanz, als sei es eine Drohgebärde von ihm.
