Ganz am Anfang muss ich euch sagen, dass ich beim Schreiben Paul Panzer im Kopf gehabt habe. Nein, nicht den Mann, sondern die Art, wie er spricht. Am besten ist es also, wenn ihr euch das hier selber vorlest und dabei wie Paul Panzer sprecht.

 

Die weibliche Hauptrolle könnte auch Renate Granate oder Blümchen Intimchen übernehmen.

 

Für Paul müsstest du erstmal üben, mit Schlick auf der Zunge zu sprechen. Das sind diese komische Zischlaute. Am besten, du spreizt die Zunge im Mund und drückst sie gegen die obere Prothese. Dann lässt du beim Ausatmen die Luft links und rechts am Plastik vorbei gleiten. Aber nicht zu heftig. So sicher ist Kukident nun auch wieder nicht.

 

Für Renate Granate empfiehlt es sich, so wie die Männerhasserinnen von Platinnetz zu sprechen. Das ist mehr so ein Gebelle. Kurz, laut und heftig. Wenn du nicht weißt, wie das geht, stell dir vor, du foppst deinen Hund, indem zu ihm eine Wurst vor die Nase hältst und blitzschnell hochziehst, wenn er zuschnappen will. Und das pausenlos.

 

Für Blümchen Intimchen musst du wie die Mädels sprechen, die ein Tattoo im Intimbereich haben. Mit Leuchtfarbe gepiekst, damit die Männer auch im Dunklen den Weg finden.

 

Wie die spricht, erfährst du, wenn du deinen Mann die Wahlwiederholungstaste für die 0190er Servicenummer drücken lässt, die für den überregionalen, männererotischen Notfalldienst. Da meldet sich dann eine, die ihre Bügelarbeiten kurz unterbricht und den Fernsehton leiser stellt.

 

„Halloooo, hier ist die Nadine“, sagt die dann, oder in der Art. Genau weiß ich das nicht, weil ich da noch nie angerufen habe.

 

Am besten du nimmst die Stimme auf MP3 auf und übst beim Joggen. Immer und immer wieder, bis du’s fehlerfrei hinkriegst.

 

Wenn du die Männer, die dich inzwischen verfolgen, abgeschüttelt hast, kannst du den weiblichen Part meines Volkshochschul-Kurses perfekt betonen.

 

Ich kann aber auch alles allein für dich sprechen. Rufst mich auf meiner 0190er Nummer an und ich lese diese Story mit meiner „...Raaaadeberger“-Stimme an. Die, bei der alle Flaschen von allein aufspringen.

 

Nein, nicht dein Mann. Den kannst du sitzen lassen. Hat er mit dir ja auch oft genug gemacht.

 

Die Radeberger-Stimme habe ich mal in einem Getränkegroßhandel geübt. Seitdem ist der Inhaber pleite und wir waren vier Wochen besoffen. Das Zeug musste schließlich getrunken werden.

 

Achja, ich wollte ja eigentlich von der Volkshochschule erzählen.

 

Meine Schwester Anna hat sich, seitdem Platinnetz nichts mehr taugt, mit Terminen vollgeknallt. Jetzt wollte sie mich mit zu einem Volkshochschulkurs schleppen.

 

„Um was geht es denn da?“ fragte ich.

 

„Was Medizinisches. Es geht aber um den weiblichen Körperbau.“

 

Na, das war natürlich was für mich. Wie lange war das her, dass ich eine Frau nackt gesehen hatte. Und da würden sie bestimmt welche zeigen. Bei der Internationalen Automobilausstellung zeigen sie ja auch nicht nur Fotos von Superschlitten. Manchmal darf man sogar welche probefahren.

 

Aufgeregt las ich die Teilnahmebedingungen.

 

„Der Kurs ist aber nur für Frauen“, stellte ich traurig fest. 

 

Aber wir fanden eine Lösung. Ich setzte einfach Annas blonde Saturday-night-fever – Perücke auf und stylte mich als Frau. Vor dem Spiegel übte ich weibliche Bewegungen, um nicht aufzufallen.

 

„Damit kämst du als Schwuler durch, aber nicht als Frau“, meinte Anna. „Setz’ dich einfach dazu und sag nichts, dann merkt das keiner.“

 

Der Hörsaal war proppevoll. Lauter Frauen, denen mal von der Mutter erzählt worden war, südlich der Gürtellinie sei alles „I pfui“, und die lernen sollten, ihren Körper anzunehmen und zu lieben.

 

Eine ältere Professorin in weißen Kittel kam rein und rief „Anatomie“.

 

Ich dachte, die kennt meine Schwester, und weil heute alles in Englisch gesprochen wird, dachte ich, die ruft nach der Anna. Ich vergesse also, dass ich als Frau hier bin und stoße meine Schwester an.

 

„Eh, Anna to me, du musst nach vorn“, zische ich.

 

Meine Schwester guckt mich böse an und zeigt mir den Vogel. Ich denke, das gehört schon zum weiblichen Körperbau und rufe eifrig „Schläfe.“

 

In diesem Moment fällt mir wieder ein, dass hier ja alles in Englisch sein muss und verbessere mich.

 

„Sleape“, rufe ich und vergesse, meine Stimme zu verstellen.

 

Nun verrutscht mir auch noch die blonde Perücke und sie schmeißen mich raus.

 

Das blaue Auge ist nicht so schlimm, aber die Schreie „Spanner, Sittenstrolch, raus mit dir“, müsst ihr allein üben. Die kann ich nicht.

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© Jürgen Berndt-Lüders

Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos