Der Wettbewerb

 

 

 

Ich war den ganzen Tag im Garten gewesen und hatte für die jetzt schon – es war Ende Mai – überquellende Flora meinen Tribut bezahlt. Alles grünte und blühte und verlangte nach Aufmerksamkeit. Mein Rücken schmerzte und ich beschloß, mich zum Teetrinken in den Liegestuhl zu legen und die „blaue Stunde“ noch im Garten zu geniessen. Bei diesem Übergang von Anspannung zur Entspannung muß ich eingeschlafen sein, vernahm jedoch von weiter Ferne ein leichtes Gemurmel.

 

Sie war, wie jedes Jahr, sehr neugierig und schaute sich als erste in der Runde um. „Na ja, dachte sie, ich sehe, daß sich schon einiges getan hat.“ Dabei wollte sie in diesem Jahr doch die Allererste sein, die sich mit dem neuen Kleid der Saison hatte schmücken wollen. Neidisch begutachtete sie ihre Nachbarin, welche mit einer beneidenswerten Leichtigkeit das neue frische Grün  zur Schau stellte. „Aber, aber, sagte Mademoiselle Drouhin, wer wird denn so grimmig in die Welt schauen? Ihre Zeit ist noch nicht gekommen, das wissen Sie genau. Es ist nicht mein Bestreben, immer die erste zu sein, jedoch muß ich gestehen, daß die Bewunderung und Aufmerksamkeit, die man mir im Frühling zukommen läßt, mich zutiefst befriedigt.“ Bei diesen Worten wiegte sie sich kokett im leicht aufkommenden Winde. Sie genoss ihr Dasein. Nun wurden einige Stimmen aus der Nord-West-Ecke des Gartens laut und mischten sich in diesen für sie unverständlichen Streit ein. Es war jedes Jahr dasselbe. Die hohe und majestätisch ausschauende  Dame Digitalis konnte nicht umhin, zu den beiden ein paar ernsthafte Worte zu sagen. Sie wusste genau, daß die Besitzerin dieses Gartens niemals ihr Entzücken über beide gleichsam verhehlen konnte. Sie bekam es oft genug mit und hatte sich mit den Jahren schon damit abgefunden, daß man sie nicht gerne in den Bund der Schönen aufnahm. Es hieß auch, daß, wenn die Menschenkinder auch nur einen Teil ihres Schmuckes anfassten oder gar in den Mund nahmen, diese Aktion tödlich enden konnte. Aber sie wusste ganz genau, daß auch sie wunderschön war. Hatte nicht im letzten Sommer Fräulein Schneewittchen es ihr wieder und wieder zugeraunt? „Undankbares Pack,“ stieß sie hervor. Mrs. Angostifolia und Mr. Hidcote schüttelten nachdenklich ihre Köpfe, wobei sie einen betörenden Duft ausströmten. Sie standen in der Nähe von dem ganz in weiß gekleideten Schneewittchen, die sich bescheiden im  Hintergrund aufhielt. Niemals würde sie es wagen, bei diesem Schönheitswettbewerb mitzumachen, dazu fehlte ihr das Selbstvertrauen. Dr. Ruppel, ein unermüdlicher Fassadenkletterer, galt als ihr glühendster Verehrer und zollte ihr den Respekt, der ihrer Schönheit gebührte. Ihr sollte das genügen, wenn er ab und zu bei seinem verhängnisvollen Hang zu klettern, sich mit einer seiner langen Arme um ihren Kopf legte. Das schmückte sie ganz ungemein und trug dann dazu bei, daß ihr die Bewunderung derjenigen sicher war, die sie besuchten.

 

Das Murmeln und Gekeife, das leise Flüstern dieses internen Wettbewerbs hörte nicht auf. Selbst vom äußeren Ende des Laufstegs schwoll der Zank – es klang wie schrille Fanfaren – wer von ihnen die Schönste war, an. Der Lärm steigerte sich. Mühsam schlug ich die Augen auf und lag in Schweiß gebadet in meinem  Liegestuhl. „So hört doch auf, hört doch auf“ schrie ich in meiner Verzweifelung laut heraus.  Ich schaute mich um, stand auf und versuchte, die Beteiligten zu beschwichtigen,, ermunterte die Gekränkten und sprach ihnen meine unumschränkte  Bewunderung zu. Hatten sie doch alle ihre Vorzüge und selbst in dunkelster Nacht erkannte ich an ihrem Duft wer oder was sie waren.

 Es war schon dunkler geworden und hatte sich abgekühlt.  „Gott sei Dank, das war nur ein Traum,  flüsterte ich. Meine Pflanzen würden sich doch nicht zanken, das ist eher unwahrscheinlich.“ Es war alles ganz still. Die Rosen und die Stauden standen friedlich nebeneinander und strömten für meine Begriffe viel Ruhe und Harmonie aus, zumal sie, wie von Zauberhand berührt, sich in dem Abendwind rhythmisch wiegten. Ich  schaute sie mit gerunzelter Stirn an, sprach ein paar strenge, aber liebevoll gemeinte Worte mit ihnen und weiß mich aber zu erinnern, daß, als ich mich zum Abendessen in das Haus begeben wollte, ein Gemurmel hinter meinem Rücken anhob. Ich drehte mich blitzschnell um. Alles war beim Alten. „Welch’ seltsamer Traum“, dachte ich bei mir und nahm mir für dieses Jahr erneut vor, über keine meiner Pflanzen achtlos hinwegzuschauen. Sie alle sollten die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienten.

 

Dankbar schaute ich noch einmal in die Runde, sog tief ihren sich üppig verströmenden Abendduft ein und ging endgültig ins Haus.