Wir stehen, tapfer unserem Schicksal ergeben, auf dem Bahnsteig um Tante Erna abzuholen. Gleich muss der Zug kommen. Mein Herzblatt zieht nochmals den Krawattenknoten stramm und fährt sich mit zehn Fingern durch die Haare. Sie sind etwas lang geworden und so legen sich die einzelnen Strähnen jetzt in großen, leider nicht akkurat angeordneten Locken um seinen Kopf. Ich mag es , wenn seine Haare so lang sind, doch höre ich im Geiste schon Ernas Gemecker und jedes Glücksgefühl ist sofort erschlagen.

„Juhuuuu! Hier bin ich schon!!“ Diese Stimme kenne ich unter allen anderen heraus. Wieso ist die schon hier? Kam die einen Zug früher? Und warum meckert die nicht, weil wir so was natürlich hätten einkalkulieren müssen, damit sie nicht warten muss?

„Tante Erna! Wo kommst Du denn her? Mein Gott bist Du schlank geworden! Warst Du krank?“ Mein Gatte hat all das völlig richtig erkannt, doch ich denke mit Schrecken an die Schilderungen ihrer Gallensteine in so klitzekleinen Details, dass ich die Dinger auf jedem unbeschrifteten Röntgenbild auf Anhieb erkennen würde. Ungläubig starre ich auf Ernas Hände, die die Locken meines Mannes in noch größere Unordnung bringen. „Toll, solche Haare, nicht?“ Die Frage war an mich gerichtet und schon hängt sie mir am Hals. Schmatz! Doch, sie ist es…diese Küsse erkenne ich auch zweifelsfrei wieder.
„Hast Du eine neue Jacke? Die Farbe passt aber toll zu Deinen grünen Augen!“ Oh Gott! Sie meint mich! Nie hätte ich geglaubt, dass sie meine Augenfarbe kennt.
„Wo sind denn Deine Koffer?“ Mein Mann dreht sich suchend um. „Ach, ich habe nur die Handtasche“, meint Tantchen und als sie unsere fragenden Gesichter sieht, fügt sie verlegen hinzu “Ich erkläre euch noch warum. Ich habe eine Überraschung!“

Panik blitzt in den Augen meines Mannes auf. Der denkt das Gleiche wie ich! Die zieht mit Hab und Gut bei uns ein! Alles ist im Möbelwagen!!
An unserem Auto angekommen entschuldigt sich der Mann mit den tollen Haaren bei Erna „Tut mir leid, hätte ich gewusst, dass Du keine Koffer hast, wären wir mit dem niedrigen Auto gekommen.“ Tantchen springt wie ein junges Reh auf den Beifahrersitz und meint „Kriegst Du hier WDR 4 rein?“ Mein recht verwirrter Mann muss das sonst nie erwünschte Radio erst aus dem Handschuhfach kramen. Das Ding ist noch auf CD gestellt und bevor WDR4 erklingt, tönt es erst einmal…I wonna wake up with you….“Lass das! Das ist toll!“
Mein Mann fährt vor Schreck fast eine Laterne um. „Das ist ENGLISCH!“ betont er und Tantchen grinst „Klar! Hör ich doch, der will mit mir aufwachen,“ dabei kichert sie wie ein Schulmädchen. Seit wann kann die Englisch, die Sprache der Hottentotten?
Von hinten taxiere ich Tantchens Kopf auf irgendwelche Verletzungen ab. So eine Wandlung! Sind die mit der Hirnverpflanzung weiter als gedacht? Ein seltsamer Virus? Gab es ja immer schon, dass Leute nach einer Erkrankung psychisch total anders sind. Bei Tantchen konnte sich das nur verbessern, verschlechtern wäre schier unmöglich gewesen.

Vor der Haustüre angekommen, werden wir von unserer Tochter und unserem Enkelkind begrüßt. Schmatz fürs Töchterchen…der Kleine ruft „Vorsicht! Ich bin schmutzig!“
Erna guckt und lacht laut „Du willst nur nicht geküsst werden! Warte nur, ich knuddle Dich doch!“ Dann rennt sie hinter Simon her, der lachend und quietschend immer wieder entkommt. Wir drei Erwachsenen sehen uns nur staunend an und heben fragend Brauen und Schultern.

In der Diele schnuppert Tante Erna „Fisch! Hast Du wieder Deine Lieblingsfischstäbchen zum Mittag gehabt?“
Oh weh, jetzt kommt es. Ich denke mit eingezogenem Kopf daran, als unser Simon sein Fischstäbchen mit der Gabel aufspießte und davon abbiss. „Fisch isst man mit dem Fischmesser!“ hatte Tante Erna gezischt und war entsetzt, als der damals 3jährige Knirps antwortete „Ja? Ich esse den immer mit dem Mund!“ Erna geiferte über die freche Antwort und über das unmanierliche Benehmen bei Tisch, keine Esskultur, dieses Kind!

In der Küche fischt Erna mit den Fingern ein Stäbchen aus der lauwarmen Pfanne und steckt sich das ganz in den Mund! Kauend nuschelt sie „Ich habe Hunger wie ein Wolf! Gibt es Kuchen?“ Mein Lockenkopf steht, wie seine Tochter, völlig geschockt im Eingangsbereich der Küche. Mit den Fingern in die Pfanne, reden mit vollem Mund. Darauf stand vor zwei Jahren noch die Todesstrafe! „Willst Du mal meine Loopingbahn sehen?“ Simon hat offensichtlich den Anschiss von damals vergessen…haben Kinder ein Glück!

Als ich an die Kaffeetafel bitte, kniet Tante Erna doch tatsächlich auf dem Boden,(sonst Ihh, Straßenschmutz, Bakterien, Ungeziefer) hat die zweite Fernbedienung für die Rennautos in der Hand und legt einen perfekten Loop hin.
„Das hast Du gut gelernt,“ lobt Simon und will Tante Erna auch noch eine Schnelleinweisung für Wii Sports geben.
Vorher wird aber erst mal gegessen. „Hach, Dein Kaffee ist immer wieder gut!“ Mir fällt der Löffel in die volle Tasse! Platsch! Und Erna…grinst!!! Mein Mann blinzelt über den Brillenrand zu mir. Er hat die Brille auf der Nasenspitze hängen, weil sich wegen der Enge im Halsbereich kleine Schweißperlen auf der Nase bildeten. „Warum nimmst Du denn diesen Vatermörder nicht ab? Wir warten doch nicht auf die Merkel, oder?“ War das wirklich ein Satz von Tante Erna?
Der Mund meines Mannes geht mehrmals auf und zu, Worte findet er keine, doch die Krawatte landet fix in der Hosentasche. Tochter Nina sitzt immer noch mit riesengroßen Kuhaugen da und staunt.
Erna sieht immer wieder nervös auf ihre kleine Armbanduhr. Punkt 17 Uhr klingelt es. „Ich mache schon auf!“ Da ist er wieder, der alte Befehlston, verlernt hat sie ihn also noch nicht. Brav bleiben wir auf unseren Stühlen sitzen, was von Vorteil ist. Als Tantchen den Raum betritt, merke ich eine Schwäche in den Beinen, die mich eh auf einen Stuhl gezwungen hätte. Arm in Arm mit ihr steht dort ein Mann, mit vollem, lockigen, wenn auch grauem Haar.

“Das ist Hans, mein Freund, äh, Bräutigam…“, erklärt sie und errötet wie eine 17jährige.
Mein Mann fängt sich zuerst und begrüßt herzlich das neue Familienmitglied. An diesem Abend gibt es so manche Premiere. Tante Erna trinkt Alkohol! Erna sitzt bequem auf dem Sofa (das war sonst „Häng nicht so herum!) Erna überlässt mir den Abwasch und flirtet derweil. Erna summt englische Lieder mit. Erna will nach Mallorca - mit dem FLIEGER..(in die wackeligen Dinger bekommt mich kein Mensch!)

Nach drei Flaschen Wein und zwei, drei, sieben Likörchen dürfen wir das glückliche Paar natürlich nicht mehr mit dem Auto fahren lassen. Leicht angeheitert erklärt mein Gatte streng, dass er, wegen der fehlenden Ehebescheinigung, auf getrennte Zimmer bestehen müsse. Erna fragt grinsend nach einer Leiter und Hans flüstert etwas zu laut…“Schließ nicht ab…!“


Ich frage mich nun, ob die ungezogenen Äußerungen mancher Männer „Die muss nur mal richtig ge…… werden“, nicht der Wahrheit entspricht. Da sieht man doch auch manche Kommentare bei Artikeln über Sex mit ganz anderen Augen! Kommt noch Liebe hinzu, erfolgt sogar die wundersame Zähmung der widerspenstigen Erna. Wenn das nicht für die Liebe spricht, was dann?