Am vereinbarten Treffpunkt warte ich auf sie, wir sehen uns jetzt das zweite Mal.

 

Das erste Treffen ist schon die Ewigkeit von drei Tagen her. Zum Glück hatten wir uns „damals“ bereits - wie auch heute – für den frühen Nachmittag verabredet. Das war gut so, den über sechs Stunden sprachen wir über uns und über Gott und die Welt. Die Zeit verging wie im Fluge und ich genoß jede Sekunde davon.

 

Sie war keine Schönheit im klassischen Sinne, aber ihre Sprache, ihre Gesten, die Art wie sie lächelte und mich anblickte – alles das machte sie für mich zu einer attraktiven Frau. Im Laufe des Abends fühlte ich mich ihr immer öfter nahe, angenehm nahe und seltsam vertraut. Doch leider trennte uns - rein geografisch – ein Tisch, den ich im Prinzip zwar hätte überwinden können. Denn es wäre kein Problem gewesen, mit meinem Arm hinüber zu langen und ihre Hand zu nehmen. Aber irgendetwas hinderte mich daran, es zu tun. Ich habe wohl auf ein Zeichen gewartet, das sie auch so empfunden hatte wie ich.   

 

Dann war es Zeit für den Abschied, der letzte Bus würde nicht auf mich warten, nur weil ich gerne noch länger geblieben wäre. Als sie dann vor mir stand, fiel mir im ersten Augenblick nichts Besseres ein, als ihr die Hand zu gegeben. Und während dies geschah, spürte ich, daß mir das auf keinen Fall reichen würde und umarmte sie. Aber nur kurz, wieder fühlte ich mich so unsicher. Dabei hätte ich die Umarmung doch so gerne verlängert und verlängert und noch mal verlängert und sie dabei ganz intensiv gespürt. Ihren Körper an mich gedrückt, den Duft ihres Parfums eingeatmet und ihr ein bisschen die Haare verwuschelt.   

 

Auf der Heimfahrt im Bus hatte ich reichlich Zeit, darüber nachzudenken. Habe ich irgendetwas verlernt? Als ich in jungen Jahren in Aachen als Student auf Freiersfüßen wandelte, kannte ich diese Probleme nicht. Es war mir damals egal, ob meine weibliche Begleitung es genauso wollte wie ich oder nicht. Sie konnte ja nein sagen und ich hatte keine Angst davor, zurückgewiesen zu werden. Auch andere Mütter hatten schöne Töchter, nächstes Mädel – neues Glück. Die Folgen blieben nicht aus, es gab mehr als nur eine Dico, in der ich halb vertraulich, halb ironisch gefragt worden bin, ob ich denn kein Bett zu Hause habe.   

 

Ist es also nur eine Frage des Alters? Dagegen spricht eigentlich, dass Casanova bekanntermaßen seinen Stil bis ins hohe Alter unverändert beibehalten hat. Vielleicht ist es ja weniger der biologische Effekt des Alters, sondern der geistige. Es bleibt ja nicht aus, dass jeder Mensch bei jeder Rotation dieser Erde auch an Lebenserfahrung gewinnt. Und vieles dann möglicherweise anders sieht als in seiner Jugend, weil sich Werte und Maßstäbe verändern.   

 

Mit dieser Erklärung konnte ich mich gerade noch anfreunden, bevor der Bus sein Ziel erreichte und ich per Pedes die letzen paar hundert Meter zu meinen trauten Heim zurücklegte. Aber was hat sich den verändert? Im Bett ging das Grübeln weiter, sehr zum Unwillen meiner Katzen, die wohl der Ansicht waren, dass sie - wenn ich schon so spät nach Hause komme – eine Sonderration Zuwendung verdient hatten. Also weiter nachdenken und gleichzeitig Katzenbäuche kraulen – warum hat ein Mensch so wenig Hände? Bevor mein Schlafbedürfnis endlich obsiegte, kam mir noch eine Erkenntnis: ich bin anspruchvoller und wählerischer geworden. Wenn mir eine Frau gefällt – und das kam in letzter Zeit nicht so häufig vor – dann wurde mir bewusst, welches verdammte Glück ich eigentlich hatte. Und dieses Glück wollte ich nicht durch ein paar zu flinke Finger gefährden – also lieber piano und am besten mit Rückversicherung und Netz und doppeltem Boden …   

 

Nun stehe ich also hier und warte auf sie zum zweiten Date. Fest vorgenommen habe ich mir, ein kleines bisschen Risiko einzugehen, denn das gehört zum Leben dazu. Wer wagt gewinnt – das gilt doch auch noch, wenn man schon sechzig ist………..