Es geschah im Jahre neun nach dem Ende des zweiten Weltkrieges
als ein heftiges Sommergewitter mitten in der Nacht über sie
hereinbrach und ihr weiteres Leben und das ihrer Nachkommen
nachhaltig beeinflussen sollte. Sie wohnten zusammen mit Helens Eltern in einem kleinen Reetdachhaus, mehr war vom
Erbe Daniels, Helens vom Pech verfolgten Vaters, nicht übriggeblieben. Daniel war das schwarze Schaf von sieben Kindern, sein Vater hatte ihm einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb vererbt, den er jedoch herabgewirtschaftet hatte, weil er zu naiv in geschäftlichen Dingen war. Schuld waren angeblich, wie so häufig in dieser Zeit, die Juden, sie hätten ihm viel zu teure Kredite vermittelt.
Ganz anders dagegen Helens Mutter Maria, eine überaus starke
Frau, geradlinig und tief gläubig, nicht umsonst wäre sie um ein Haar Diakonisse geworden und hätte dann auch nicht mehr
heiraten dürfen, sie hatte jedoch noch nicht den Eid vor Gott abgelegt und so heiratete sie ihre große Liebe Daniel.
Helen war das dritte Kind ihrer Eltern, ihre beiden älteren
Brüder waren jedoch durch den Krieg umgekommen, der eine im
Stalingrader Kessel, den anderen fand man durch mysteriöse
Umstände mit einem Loch im Kopf im Hamburger Hafenbecken nachdem er durch dubiose Geschäfte schnell reich werden wollte, den Krieg jedoch hatte er überlebt. Maria war über den Verlust ihrer Söhne, die im Gegensatz zu ihrer Tochter
ihre Lieblinge waren, nie hinweggekommen. Sie begann langsam von ihrer Stärke und auch von ihrer Nähe zu Gott zu verlieren, wurde herzkrank und hatte im Alter Krebs.
Helen war seit drei Jahren mit Georg verheiratet, hatte mit ihm einen zweijährigen Sohn und eine zehnjährige Tochter aus
einer vorangegangenen chaotischen Ehe, aus der sie sich auch
unter dem Anraten ihrer Eltern hatte scheiden lassen, sonst
wäre sie im Irrenhaus gelandet. Ihre Kriegserlebnisse als
Krankenschwester im Osten holten sie immer wieder ein, entsetzliche Greultaten hatte sie gesehen, war zeitweise in
der Nähe von Ausschwitz stationiert und hatte Züge voller
jüdischer Menschen in sengender Sonne stehen sehen, die nach
Wasser schrien. Helen bekam mit zunehmenden Alter starke
Depressionen.
War da noch Georg, der Krieg hatte ihn durch halb Europa geführt, zuletzt in russischer Kälte bei minus 40 Grad und dann in Dänemark bei Kriegsende in Gefangenschaft geraten.
Dort verliebte er sich unsterblich in eine junge Dänin und hatte mit ihr einen Sohn. Nach dem Ende seiner Gefangenschaft meldete er sich freiwillig in Dänemark zum
Minenräumdienst um bei seiner Verlobten und seinem Sohn bleiben zu können, er wurde später aber des Landes verwiesen, der Haß auf die Deutschen war noch zu groß. Lange
Jahre konnte er seine kleine Familie noch nicht einmal besuchen, die Beziehung scheiterte irgendwann, spätestens als er aufgab und Helen heiratete.

Alle in diesem Hause waren in dieser Nacht wach und hörten, wie das heftige Gewitter immer näher kam und Angst bei ihnen
auslöste, und dann passierte es tatsächlich - der Blitz schlug ein. Sie hatten über den Sommer vierzig Zentner Torf
für die Heizung im Winter eingelagert und das in einem reetgedeckten Haus, reichlich Nahrung für ein Feuer. Sie
standen binnen weniger Minuten nur mit ihrem Nachtzeug bekleidet im
strömenden Regen, nur einer war noch im Haus, der zweijährige Sohn, in dessen Zimmer der Blitz eingeschlagen hatte. Georg hatte im Krieg viele brenzliche Situationen erlebt, er rannte in das brennende Haus und holte seinen Sohn
samt Bettzeug heraus. Als er die hölzerne Treppe mit ihm unten war, brach diese in den Flammen zusammen.

Drei Tage brannte es, danach soll Maria in vielen Nächten
über die Ruinen gegangen sein und laut mit Gott gesprochen
haben, warum er ihr das alles angetan hätte.