... und die Textilien, märchenvertrauten Zeitgenoss/inn/en als ungewebtes Nichts geläufig, illustrieren Worte, Images, Gehabe, gesellschaftliches Gewicht und all das, was sich jemand überstreifen zu müssen glaubt, um zu untermauern, dass seine Art, besonders zu sein, sich von der Art der anderen rund 6,8 Milliarden besonderen Menschen auf diesem Globus dadurch unterscheidet, dass er ganz besonders besonders ist.
... und dann kommt einer daher, unschuldig, vielleicht ein Kind, wie im Märchen, und spricht aus, was ihm seine absichtslos wachen Sinne zeigen: das Nichts, die pure Inhaltslosigkeit in märchenhafter Verpackung.
Hoppla, das ist doch vollkommen normal!
Das ist längst Teil unserer Kultur!
Wir nehmen die Verpackung und werfen den Inhalt in den Müll -- ganz normal.
Klar. Ich auch. Wie heißt es so schön: „Wer im Steinhaus sitzt, soll nicht mit Gläsern werfen.“ ...
... aber lasst mich doch. Ich habe eine masochistische Freude daran, auf andere zu zeigen. Das macht meine eigene Verkommenheit so bedeutungslos.
Am liebsten zeige ich auf die mit dem „berufsbedingt reinen Gewissen“. Das sind jene, die, um entsprechende gegenläufige Tendenzen in den Beliebtheitstrends zu bewirken, schon mal die Steuern senken -- zumindest im Aggregatzustand einer Absichtserklärung und besonders gern im Vorfeld des kollektiven Urnengangs. Die werden übrigens prompt gewählt. Ich meine die mit den schönsten Worten und den verlockendsten Lügen. Das hat schon Tradition, ach, was sage ich? Das ist Teil unserer Kultur (s.o.), und es wäre ein Kulturschock, wenn es mal anders verliefe.
Das Gewissen jener, um nochmal darauf zurückzukommen, ist in der Tat rein. So rein wie das eines Babys. Weil genauso unbenutzt.
Den ausgestreckten Arm um ein paar Grad im Uhrzeigersinn weitergedreht, schon piekst der begierig bebende Zeigefinger ins nächste Ziel:
Vorhang auf. Jeder weiß, dass sich die gähnende Langeweile am Palmenstrand nicht durch den Genuss einer mit weißen Kokosstreuseln panierten Kalorienbombe in aufregend pulsierendes Leben verwandelt -- und schön und jung wird man davon auch nicht ...
... und trotz dieses tausendfach bestätigten Wissens legen wir hoffnungsvoll immer wieder unser Geld für die süße Lüge auf den Tisch und werden fetter und fetter, krank und blöde.
„Du musst dich nur richtig verkaufen“, rät man dem frustrierten Bewerber und fordert ihn mit hübscher Worthülse zur Lüge auf. Ganz normal. Und wenn daraus ein Erfolg erwächst? Dann liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es für das eigene Vorankommen keine größere Hürde gibt als die Wahrheit. Ein echtes Lehrstück.
Eine Feststellung am Rande: Männer unseres Alters, genaugenommen Karrieristen so um die fünfzig, sind eine ernstzunehmende Gefahr im Straßenverkehr. Nicht etwa, weil sie möglicherweise erste Anzeichen von Demenz zeigen, sondern weil sie ellenbogenbewehrt gelernt haben, dass die Einhaltung von Regeln (egal in welchen Lebensbereichen) hinderlich für die persönliche Entwicklung und Erhaltung der so hart erkämpften sozialen Stellung ist.
Aufgespritzt, silikongepolstert, übermalt und nachmodelliert, stolzieren die von Natur aus bekanntlich kurzbeinigen Lügen auf High-Heels-verlängerten Stelzen durch Männerträume, und längst gehört es zur Allgemeinbildung, dass der Begriff „Entfaltung“ im zeitgemäßen Verständnis vor allem unter chiurgischen Aspekten zu verstehen ist.
Schon gut, schon gut. Ich höre ja schon auf.
Ich bekenne abschließend, dass die alte Zeit, ich meine meine Zeit, genaugenommen die Eisenzeit, auch keine gute war.
Die Lüge, die Überheblichkeit, die „neuen Kleider“, die Dominanz kraft Position, statt kraft Qualifikation -- das waren wohl zu allen Generationen höchst effektive Entwicklungs-Katalysatoren.
Das besagte Kind mit den offenen Sinnen und dem passenden Wort zur rechten Zeit spricht auch heute noch die unbekümmerte Wahrheit, aber wir haben die Fähigkeit verloren, seine Stimme zu hören ...
... oder halten wir uns etwa nur die Ohren zu?
Genug gewettert! War das lustvoll!!! Willste noch´n Kaffee?
