Diätwahn
Es kotzt mich an! Ich bin wütend, zornig, stinkesauer!
Laut schreie ich es heraus, verschaffe mir Luft. Ich kann es nicht mehr sehen, ertragen! Wünsche mir eine Brille mit Spezialfilter, die mich bei jedem Bild, jeder Sendung von Dicken und über Dicke, Übergewichtige, Fette, BMI`S, Brennwerte, Kohlehydrate, Adipositas, Diät-Berater und Personaltrainer barmherzig in Dunkelheit hüllt.
Seit Monaten wird es mir täglich vor Augen geführt. Ich bin nicht gesund. Bin unglücklich. Besitze kein Selbstbewusstsein. Stinke. Bin faul. Unbeweglich. In meiner Größe gibt es keine Klamotten. Abschaum der Gesellschaft. Zum Kotzen und Davonlaufen. Ein widerwärtiges Insekt. Eine fette, hässliche Kakerlake der Heidi Klum-Gesellschaft.
Der Bauch muss fest, hart sein. Auch nach drei Kindern sagt sie und zeigt ihn stolz daher. Für ihren Job sicher ein Muss. Respektable Leistung. Sicher.
Mein Bauch muss nicht hart sein, das ist er nur bei Blähungen. Er ist weich, mollig eben.
Na klar, bin ich zu dick, zu fett. Das weiß ich selbst. Meine Spiegel sind nicht mit schwarzen Tüchern abgehangen. Ich schaue jeden Tag hinein. Mit einem Lächeln und Augenzwinkern.
Strahle mir entgegen, meistens. Ab und Zu bekomme ich Tobsuchtsanfälle, an denen selten der Bauch Schuld ist. Auch nackt bin ich noch nie draußen rumgelaufen. Habe im Schrank genauso viele Klamotten wie meine dünne Freundin. Meine Blutergebnisse liegen im grünen Bereich. Der letzte Herz-Kreislaufcheck samt Ultraschall der Pumpe zeigte keine Auffälligkeiten. Ich bin glücklich. Ich bin schön. Ich bin stolz auf mich. Ich bin nur zurzeit zu faul, doch dies ändert sich bestimmt – bald. Gebe die Hoffnung nie auf!
Und trotzdem kotzt es mich tierisch an!
Sehe im Fernseher nur Sendungen von todtraurigen Dicken, die nur schlank wieder glücklich sind. Ob Junge oder Alte, alle werden auf Diät gesetzt oder hungern sich fast zu Tode. Es ist ja so gesund, dünn zu werden, zu sein.
Abzuspecken auf Teufel komm raus. Dem Genuss entsagen und sich gesund ernähren. Tolle Sache, gesund ernähren. Beneidens- und nachahmenswert. Wenn es dabei bliebe. Doch jeden Tag auf`s Neue darf ich mir die Ergebnisse des ungesunden Abnehmens betrachten. In voller Pracht und Schönheit…
Es kotzt mich an. Echt!
Menschen mit verhärmten Gesichtszügen. Augen in Totenkopfschädeln. Nach unten gezogene Mundwinkeln. Natürliches Lächeln unmöglich. Skelette mit überdimensionalen Hautlappen, die nur durch umfangreiche Operationen entfernt werden können. Aus diesen und dem abgesaugten Fett, kann man dann drei neue perfekte Körper montieren. Frankenstein lässt grüßen! Gruselkabinett Live und in Farbe!
Es kotzt mich an! Ich will das nicht!
Es steht hier außer Frage, starkes Übergewicht und Fettsucht sind ungesund. Die Ursachen liegen jedoch nicht nur in der falschen Ernährung und es bedarf einer umfangreichen Klärung der Ursachen von wirklichen Fachleuten.
Mit Sicherheit ist es aber ungesund, nun nicht mehr fett sondern magersüchtig zu sein. Nahrung als Gegner zu betrachten. Vor lauter Denken an Nichtessen, das Leben zu vergessen.
Dies spiegelt sich in vielen dieser Gesichter wieder.
Ich bewundere jeden, der es geschafft hat dauerhaft abzunehmen, gesund zu leben und mit sich und seinem Körper, seiner Seele in Einklang zu sein.
Ich könnte kotzen über die Menschen, die wie manche Ex-Raucher auf Andere mit dem Finger zeigen, nur weil sie sich fast zu Tode gehungert haben.
Es kotzt mich an!
Text © Doris Sponheimer
Bildquelle Pixelio: Fotograf Claudia Hautumm
Seit Monaten wird es mir täglich vor Augen geführt. Ich bin nicht gesund. Bin unglücklich. Besitze kein Selbstbewusstsein. Stinke. Bin faul. Unbeweglich. In meiner Größe gibt es keine Klamotten. Abschaum der Gesellschaft. Zum Kotzen und Davonlaufen. Ein widerwärtiges Insekt. Eine fette, hässliche Kakerlake der Heidi Klum-Gesellschaft.
Der Bauch muss fest, hart sein. Auch nach drei Kindern sagt sie und zeigt ihn stolz daher. Für ihren Job sicher ein Muss. Respektable Leistung. Sicher.
Mein Bauch muss nicht hart sein, das ist er nur bei Blähungen. Er ist weich, mollig eben.
Na klar, bin ich zu dick, zu fett. Das weiß ich selbst. Meine Spiegel sind nicht mit schwarzen Tüchern abgehangen. Ich schaue jeden Tag hinein. Mit einem Lächeln und Augenzwinkern.
Strahle mir entgegen, meistens. Ab und Zu bekomme ich Tobsuchtsanfälle, an denen selten der Bauch Schuld ist. Auch nackt bin ich noch nie draußen rumgelaufen. Habe im Schrank genauso viele Klamotten wie meine dünne Freundin. Meine Blutergebnisse liegen im grünen Bereich. Der letzte Herz-Kreislaufcheck samt Ultraschall der Pumpe zeigte keine Auffälligkeiten. Ich bin glücklich. Ich bin schön. Ich bin stolz auf mich. Ich bin nur zurzeit zu faul, doch dies ändert sich bestimmt – bald. Gebe die Hoffnung nie auf!
Und trotzdem kotzt es mich tierisch an!
Sehe im Fernseher nur Sendungen von todtraurigen Dicken, die nur schlank wieder glücklich sind. Ob Junge oder Alte, alle werden auf Diät gesetzt oder hungern sich fast zu Tode. Es ist ja so gesund, dünn zu werden, zu sein.
Abzuspecken auf Teufel komm raus. Dem Genuss entsagen und sich gesund ernähren. Tolle Sache, gesund ernähren. Beneidens- und nachahmenswert. Wenn es dabei bliebe. Doch jeden Tag auf`s Neue darf ich mir die Ergebnisse des ungesunden Abnehmens betrachten. In voller Pracht und Schönheit…
Es kotzt mich an. Echt!
Menschen mit verhärmten Gesichtszügen. Augen in Totenkopfschädeln. Nach unten gezogene Mundwinkeln. Natürliches Lächeln unmöglich. Skelette mit überdimensionalen Hautlappen, die nur durch umfangreiche Operationen entfernt werden können. Aus diesen und dem abgesaugten Fett, kann man dann drei neue perfekte Körper montieren. Frankenstein lässt grüßen! Gruselkabinett Live und in Farbe!
Es kotzt mich an! Ich will das nicht!
Es steht hier außer Frage, starkes Übergewicht und Fettsucht sind ungesund. Die Ursachen liegen jedoch nicht nur in der falschen Ernährung und es bedarf einer umfangreichen Klärung der Ursachen von wirklichen Fachleuten.
Mit Sicherheit ist es aber ungesund, nun nicht mehr fett sondern magersüchtig zu sein. Nahrung als Gegner zu betrachten. Vor lauter Denken an Nichtessen, das Leben zu vergessen.
Dies spiegelt sich in vielen dieser Gesichter wieder.
Ich bewundere jeden, der es geschafft hat dauerhaft abzunehmen, gesund zu leben und mit sich und seinem Körper, seiner Seele in Einklang zu sein.
Ich könnte kotzen über die Menschen, die wie manche Ex-Raucher auf Andere mit dem Finger zeigen, nur weil sie sich fast zu Tode gehungert haben.
Es kotzt mich an!
Text © Doris Sponheimer
Bildquelle Pixelio: Fotograf Claudia Hautumm
23 Platinern gefällt der Artikel
Gefällt mir auch
Kommentare zum Artikel