"Liebe Monika!
Entschuldige, seit über einem halben Jahr habe ich nichts mehr von mir hören lassen. Dies ist einer der ersten Briefe, die ich - zwar noch mit Schwierigkeiten - aber doch selbständig schreiben kann.
Mittlerweile habe ich eine andere Wohnung ohne Treppenstufen bezogen, die mir Freunde in der Zeit meiner Abwesenheit gesucht haben. Alles ist anders. Doch das Wesentliche ist anderswo, in meinem Innern passiert. Ich spürte: Gott hatte mein Leben in die Hand genommen, und das war gut so.
Erinnerst Du Dich, wie oft ich mich beklagt hatte, weil ich, bedingt durch meine Arbeit, so wenig konkret verfügbar war für Anfragen aus der Gemeinde oder für Freunde, die Hilfe brauchten?
An jenem Abend vor dem überraschenden Schlaganfall hatte ich mich gedrängt gefühlt, Gott meine Situation anzubieten wie sie war, ohne Wenn und Aber.
Die Sache stand dann ziemlich schlecht. Wochenlang war ich vollkommen gelähmt. Die Ärzte hatten die Hoffnung fast aufgegeben. Meine Hoffnung lag allein bei diesem Gott am Kreuz. Sein Schrei: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen", war auch meiner. Wie sehr fühlte ich mich verstanden und ihm nahe! Gott war am Werk. Ein nie erfahrener Friede erfüllte mich...
In der Rehabilitationsphase galt es, unendlich Geduld zu haben und alles von Grund auf zu lernen. Früher war mir nichts schnell genug gegangen, nun war ich in allem von anderen abhängig.
Welche Freude über die ersten Schritte, die ich wieder alleine tun konnte! Doch eine größere Freude, wenn ich Gott begegnet war im Arzt, der überbelastet war, in der Bettnachbarin, die nie Besuch erhielt, im mürrischen Pfleger, der nur Klagen hörte. 'Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.' Ich könnte Dir stundenlang erzählen...
Eine kleine Behinderung bleibt zurück, für mich Erinnerung an... die unberechenbare Liebe Gottes. So aktiv wie in den letzten Monaten war ich wohl noch nie.
Herzlichst Deine J.U. *)
*) Name geändert
