Die  (andere) Schwester

 

Die andere, noch lebende Schwester, unterlag bereits in Jugendjahren, bzw. im frühen Erwachsenen-Stadium dem gesellschaftlichen Stigma durch ärztliche Diagnose der drogenbedingten Schizophrenie, oder auch der schizo-affektiven Persönlichkeit, einhergehend mit psychotischen Schüben.

 

Als Letztgeborene immer einen Platz im Leben, innerhalb der Familie, der Gesellschaft suchend, hat sie diesen bis heute nicht gefunden.

 

Von der ursprünglichen Persönlichkeit eher immer versucht, nicht aufzufallen - oder wenn, falls doch - aufzufallen,  von ihr selbst angenehm empfunden, da expressiv, ist gerade diese  Lebensweise, das Ausleben des *Nicht-Angepasstseins* sporadisch mittels Medikamenten mit schweren Nachwirkungen und Begleiterscheinungen zu unterbinden. Praedispositionen werden von der Ursache her nicht mehr herausgearbeitet, sie wird in eine gesellschaftlich genehme Form gepresst. Dann ist sie zahm, gänzlich willenlos, man (die Familie, Bekannte, die Gesellschaft) kann dann mit ihr umgehen, wenngleich ihr es dann schwer fällt, auf Menschen zuzugehen, da Fein- und Grobmotorik stark eingeschränkt sind. Jegliche Expression, die sie sporadisch sucht, um sich selbst zu begreifen, ist ihr genommen.

 

Bereits als Kind litt sie unter migräneartigen Kopfschmerzen, wandelte des Nachts hin und wieder im Schlaf. Dann reichte sie der Schwester, mit der sie seit geraumer Zeit ein Zimmer teilte - und die ihr immer fremd blieb bis heute, da diese lediglich einige Jahre innerhalb des Familienverbundes verbrachte - „Bilder von einer Reise, einer Zugreise“. Und wenn die Schwester, die ihr Fremde, aus tiefem Schlaf aufgeweckt und nach Orientierung suchend,  die Bilder entgegennahm, schlief sie dankbar und ruhig wieder ein mit den Worten: „Ach, danke, dass Du die Bilder nimmst. Du weißt ja, um welche es sich handelt. Versprichst Du mir, dass Du sie aufbewahrst?“. Die fremde Schwester nahm dann sanft die imaginär gereichten Bilder der anderen Schwester entgegen, und versicherte: „Ja, ich weiß. Ich verspreche es Dir. Schlaf nun weiter, ich bin ja hier bei Dir.“

Lange, immer wieder auf die gleichmaessigen Atemzüge aus dem Bett auf der anderen Seite lauschend lag sie wach, die Fremde, um sich zu vergewissern, dass die andere Schwester eingeschlafen war.

 

Die andere Schwester ist ein kleiner Mensch, „der letzte Schuss“ wie der Vater oft ‚humorvoll’ seit ihrer Jugend anmerkt. Wenn alle dann lachten, machte sie sich noch kleiner, sie duckte sich. Duckte sich weg vor den Gemeinheiten, vor unaufgearbeiteten Erlebnissen, die der Vater in sich trug und mittels verbaler und körperlicher Gewalt auf alle, die ihn umgaben, übertrug. Besonders gern auf Schwache, ihm Untergebene, ihm scheinbar Ausgelieferte. Vielleicht ist sie so klein, weil sie sich immer duckte, sich vor sich selbst wegstahl. Bis heute stiehlt sie weg, weil sie instinktiv nicht als Eigentum gesehen werden und auch nicht als Eigentum anderer behandelt werden wollte.

 

Ihre großen grünen Augen füllten sich mit Tränen als Kind, ihre großen grünen Augen füllen sich mit Tränen noch heute, als Erwachsene.

 

Keineswegs nicht mehr dann, wenn sie Ablehnung, Grobheit, Gemeinheit spürt, daran ist sie gewöhnt, hat gelernt, eine Maske aufzusetzen und zu lächeln, und wenn es arg wird, sich verbal zur Wehr zu setzen. Ebenfalls mittels Gemeinheiten, mittels einer groben Aussprache, die nicht selten ins Vulgäre abgleitet. So hat sie es gelernt. Und was man lernt, was einem gelehrt, eingebläut wurde, gibt man gern weiter. Unbewusst. Niemanden trifft eine Schuld.

 

 

Wie Du mir, so ich Dir. Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn.

 

Schuldig sein, sich schuldig wähnen, sich schuldig fühlen, schuldig werden – nach den Ursachen fragt später niemand. Manchmal auch wirken Medikamente unterstützend gegen die Gefahr des Wiedererlebens und Verarbeitens von Schuld.

 

Nein, als Erwachsene weint sie, wenn ihr jemand Verständnis, Liebe, Anerkennung entgegenbringt, sie wertschätzt. Dann ist sie misstrauisch, zieht sich zunächst zurück. Denn sie lernte nicht, wie man positive Eindrücke, menschliche Wärme, Verständnis, zulässt, gar erwidert.

Geprägt durch eine Habachtstellung in der Kindheit, wehrt sie sich wie ein verwundetes Tier. Auch schon mal prophylaktisch, denn die Wunden in ihr sollen keinesfalls wieder aufbrechen, gar beginnen zu bluten. Krusten der Vergangenheit  haben sich gebildet. Manchmal spürt sie den Wunsch, sie anzuknibbeln, aber nur ein wenig, damit die Wunden nicht eitern.

Eiter stinkt. Und Gestank billigt die parfümierte Gesellschaft nicht.

 

Wenn es nur nicht so gut täte, dieses Verständnis, die Liebe, die Anerkennung. Das bringt sie ganz durcheinander. Und Ordnung muss sein. Deshalb nimmt sie dann doch lieber wieder die ihr verhassten Medikamente oder trinkt Alkohol, therapiert sich selbst, da verschiedene Klinikaufenthalte – auch per Gerichtsbeschluss - nicht das gewünschte Ergebnis brachten:

 

Ohne Zweifel lieben zu können, ohne Zweifel zuzulassen, geliebt zu werden. Einfach so, weil es sie gibt und sie sich für ihr Dasein nicht entschuldigen muss.

 

Es ist ein innerer Kampf, den sie seit ihrer Kindheit führt. Eventuell sind diese Zweifel, die in sie gesetzt wurden, sie prägten, Ursache für ihre Erkrankung.

 

Sie ahnt es. Längst sind ihre Überlegungen, die Beschäftigung mit sich selbst dort angekommen. Doch sie traut sich nicht, es auszusprechen, anzuklagen. Denn tief in ihr ist immer noch der Zweifel und die nagende Gewissheit, aufgrund eines Versehens auf der Welt zu sein. Eines Schusses, der ein letzter sein sollte.

 

Das Versehen der Schiessübung entschuldigt sie sich selbst, indem sie zur Flasche greift, versucht, Cannabis aufzutreiben, sich zu betäuben. Gerät in einen Strudel von Erinnerungen, von (fast) Vergessenem, wieder Hochgespültem, von dort ins Jetzt

Manchmal kann sie sich nicht erinnern. Dies empfindet sie als Gnade.

Das tut gut. Vergessen.

Lieber stark zu sein, zu scheinen, als hilflos und schwach.

 

Und wenn wieder ein Gerichtsbeschluss erwirkt wird, weil sie in der Illusion lebt, eine Prinzessin zu sein, die Tochter eines Koenigs, ein ganz besonderer Mensch, dessen Existenz gehuldigt werden sollte …

 

und wenn sie es wieder nicht schafft, den Wust von Papieren, der Post von Institutionen, deren Existenz für sie nicht nachvollziehbar, sinnlos ist, deren Existenz sie nicht akzeptiert und  bekämpft …

 

und wenn sie es wieder nicht schafft, ihre Wohnung zu reinigen, ihren Müll zu entsorgen, Alltägliches zu erledigen …

 

und wenn sie dann wieder barfuss und orientierungslos in einer Großstadt, den teuren und Lammfell gefütterten Wildledermantel ihrer verstorbenen Mutter tragend bei 20 Grad Abendtemperatur …

 

 

dann ist es wieder an der Zeit, dass Fachmediziner  diesem verlorenen, sich immer mehr verlierenden Menschen blaue Plastikschuhe an die Fuesse binden

 

 

damit sie sich nicht erkältet.

 

 

 

Weißt Du, ich halte gerade ein altes Bild in der Hand.

Weihnachten Neunzehnhundertschiessmichtod.

Alle Kinder strahlen mehr oder weniger in die Kamera.

Der M., der nicht mehr lebt, strahlt ganz besonders angestrengt.

Die U., die schaut ein wenig linkisch drein.

Der J., der schaut unschuldig wie heute noch.

Und Du?

 

Du hast Tränen in den Augen. In den grünen, großen Kinderaugen.

An Weihnachten. Neunzehnhundertschiessmichtod.

 

Und ich? Ich bin die Fremde, die manchmal versucht, dass die Kälte Deiner Fuesse nicht Dein Herz erreicht. Erkaltet. Für immer.