Die Apfelfee

 

Zweimal wöchentlich fahre ich nach Hamburg,so auch auch an diesem Tage. Im gut besetzten Zug dahin, suchte ich mir einen Sitzplatz. Ich fand ihn bei einer charismatischen Frau besten Alters. Auf Ende vierzig, höchstens Anfang fünfzig schätzte ich sie. Mit einer gepflegten, mittelbraunen Kurz Haarfrisur und sehr dezent, doch gekonnt geschminkt,  machte sie einfach  einen sympathisch Eindruck auf mich.Aus ihrer Handtasche holte sie eine neue Ausgabe des „MAGAZIN“ heraus und  machte es sich in der Fensternische gemütlich, bereit, ähnlich wie ich es stets tue, die interessanten Seiten von hinten anzufangen. Kurz  blickte sie zu mir auf, als ich ihr gegenüber Platz nahm und ich sie fragte, ob ich auf dem Sitzplatz neben ihr, wo  zwei etwas sperrige Gepäckstücke bereits „geparkt“ waren, meine Beutelstasche dazu stellen könne, damit noch jemand neben mir Platz fände. Sie nickte  mir freundlich zu und so kamen wir darüber ins Gespräch.

 

Das Magazin lag immer noch,nun zugeblättert,auf ihrem Schoß, war nebensächlich geworden.

 

Es schien, als würden wir uns schon lange kennen. Angeregt  sprachen  wir über Gott und die Welt .

Meine Bahnfahrt war kurzweilig  und verging wie im Fluge, bis meine Gesprächspartnerin sich  kurz vor Hamburg von mir verabschiedete.

Aus unserer vorangegangenen Unterhaltung hatte ich erfahren, dass sie gehbehindert sei und ihren Rollator ausserhalb unseres Abteiles im Gang in Ausstiegsnähe,abgestellt hatte.Dorthin wollte sie mit em gepäck.Als ich ihr anbot,zu helfen, verneinte sie dankend und meinte,sie schaffe das kleine Stück bis dahin allein.

 

Der Zug rollte in den Hamburger Bahnhof ein. Hier endete die Fahrt für alle, und ich hörte noch, wie eine junge,männliche  Stimme durch den  Zugfunk auf die Anschlußzüge  verwies, während auch ich mich dem Zugausgang näherte.

Meine Zugbekannte  sah ich bereits lachend in ein Gespräch vertieft mit einem jungen Mann, der einen großen Rucksack trug und mir, die ich neben ihm stand,nach dem der Zug gehalten hatte, seinen Volleyball zugab, mit den Worten: „Bitte nehmen sie ihn mal kurz, ich möchte erst dieser netten jungen Frau aus dem Zug helfen.“ Zu ihr gewandt fragte er schmunzelnd: “Und nun, was zuerst?“ “Sie nehmen bitte  meinen Rollator zuerst, an den Seiten kann man ihn feststellen, so daß er nicht zurückrollen kann…und dann komme ich, sagte sie weiter  in flirtendem Ton. Der junge, sportliche Mann breitete lachend beide Arme aus und meinte, sich grinsend auf ihren Tonfall einlassend: „Sie können sich mir ruhigen Gewissens in die Arme fallen lassen,Madame!“ Da errötet sie wie  ein junges Mädchen und meinte schelmisch „Ach,ihr einer Arm reicht mir vollkommen, junger Mann.“ Dann dankte sie, als er ihr umsichtig besorgt auf den erhöhten Bahnsteig, raushalf,wünsche ihm einen schönen Frühlinsanfang und drückte schmunzelnd einen riesengroßen, blank polieren, roten Apfel in seine  Hand."Oh , prima, da habe ich gleich etwas zu Mittag", dankte der junge Mann erfreut. Nachdem er dann von mir seinen Ball wieder übernahm, winkten wir zwei Frauen ihm noch nach,der schon zu seinem  Anschlußzug sprintete.

 

Lachend meinte ich zu ihr gewandt:"Na ich an ihrer Stelle hätte diese spontane Umarmung aber gründlich  ausgenutzt.Nun lachten wir beide übermütig.

Nachdem ich die Apfelfee  noch bis zum Aufzug begleitete, verabschiedete ich mich ebenfalls freundlich kopfnickend von ihr.

 

Dieser Frühlinsanfang hatte schon gut begonnen  und strahlender Sonnenschein begleitete alle Reisenden so auch die Apfelfee, auf ihrem weiteren Weg.Mit ihrer Behinderung verstand sie  ganz natürlich umzugehen und nutzte  dabei ihren  weiblichen Charme,so daß ihr, egal wen sie immer ansprach, jeder gerne half.

„Ich stecke mir immer so schöne, rote Äpfel ein, Schneewittchens Stiefmutter würde platzen vor  Neid “, hatte sie mir auf dem Weg zum Aufzug erzählt.„Und glauben sie mir“, setzte sie noch zwinkernden Auges  hinzu, „bisher haben sich alle Leute, die mir halfen, über die unverhofften Vitaminzugabe richtig gefreut.“So schaffte sie es,für Sekunden, ihr fremden Menschen, ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern,was beiden Seiten  gut tat.

 

Wenn doch nur alles so einfach wäre, dachte ich noch, nun bereits im Hamburger Eilbus sitzend, der nun  auch mich meinem Termin näher brachte.

 

                                                    © Wibke   

 

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