DIE „ BEFREIUNG“ _________________
Der 4. September 1944 war ein sonniger Montag. Es lag eine unwirkliche Ruhe über der Stadt, obwohl der Krieg alles überdeckte. Wir gingen zur Schule, sie wurde jedoch wegen der akuten Gefahr nicht geöffnet, denn die Front zwischen den alliierten und den deutschen Armeen rückte immer näher.
Während mehr als vier Jahren waren wir von der deutschen Wehrmacht besetzt worden und nun waren, am 6. Juni 1944, dem „D - Day “, die alliierten Armeen in der Normandie (Operation „Overlord“) zur Befreiung Europas gelandet und rollten, nach ersten, schweren Verlusten an der Küste, mit grosser Geschwindigkeit nach Norden und Osten, Richtung Deutsches Reich. Eines der Hauptziele war unsere Stadt Antwerpen, weil der grosse Hafen den Nachschub für die kämpfende Truppe gewährleisten sollte. Die Stadt wurde von den Deutschen zum Glück kampflos aufgegeben, die Front stabilisierte sich jedoch zwischen Stadt und Hafen, wo einige Tage lang noch heftig gekämpft wurde. Wir wurden also befreit – von der Besatzung.
Etwas Kitzel
Während der Besatzung und bei dem eingeschränkten Nahrungsmittelangebot sind wir, in unserer Familie, relativ gut davongekommen weil die Bahn, wo Papa angestellt war, ihrem Personal allerlei Hilfen zur Versorgung anbot. So erhielten wir auch Getreide, zumeist Roggen, fürs Brot. Und das sollte dann gemahlen werden. Dazu fuhren wir mit dem Fahrrad vier, fünf Kilometer weit, zu einem Mann, der in seiner Stube eine kleine elektrische Mühle eingerichtet hatte und wo man also, nach einer gewissen Wartezeit in seiner Vorstube, sein Getreide mahlen lassen konnte.
Mit einem Sack Getreide von ca. 5 kg auf meinem Rad - Gepäckträger fuhr ich, 16 – Jähriger, also in Richtung Deurne (Vorstadt) und kam so ziemlich, auf „befreiter“ Seite in Frontnähe, wo der Schiesslärm unüberhörbar den Raum erfüllte. Das war nicht tollkühn aber leider notwendig, damit wir Brot zu essen hätten. Und nun glaubte auf der anderen Seite wohl einer an einer deutschen Kanone, dass ich Munition transportierte oder Panzer, alles auf dem Gepäckträger, und schoss also eine Ladung Sprengstoff in meine Richtung. Die pfiff und sauste mir - wie heisst das genau - ganz wie im Film, über den jungen Kopf und schlug etwa zehn Meter rechts in einen Schrebergarten ein: Knall und Staubwolke! Damit war meine Fahrt vorbei, denn ein Splitter der Granate schlug, ohne die Felge zu berühren, just unterhalb des Getreidesackes durch meinen Hinterreifen. Mir blieb nichts anderes übrig als zu Fuss wieder heim zu laufen, unverletzt. Und neue Velopneus waren zu dieser Zeit Mangelware, oder besser, einfach noch nicht erhältlich. Manche montierten stattdessen Holzklötzchen an ihre Räder. Und das Roggenmahlen war verschoben.
Aber zuvor war anderes passiert. An jenem Montag lief ich mit einem Kollegen von der geschlossenen Schule in Richtung seiner Wohnung, die in der Nähe des Flughafens lag. Und da war grosser Betrieb! Hunderte Leute, Zivilisten, hatten die von den Deutschen verlassenen Baracken erobert, wo riesige Mengen Material lagerten, alles was so eine Armee braucht. Das wurde geplündert und ausgeräumt, man erbeutete Dinger, von denen man kaum wusste wozu das gut wäre, aber auch Nützliches wurde abgeschleppt. Mit dem Freund kam ich in die Nähe dieses Runs, als auf einmal lautes und mehrfaches Maschinengewehrfeuer einsetzte. Alle gaben da in Panik schnellstens Fersengeld, mit oder ohne Beute. Auch wir rannten davon.
Zwischen zwei Baracken lag ein junger Mann tot auf der Erde, aber wir konnten uns seiner nicht annehmen und liefen daher weiter in Richtung der Freundeswohnung. Etwa zwei – dreihundert Meter waren wir schon vom Flugplatz entfernt, als hinter uns die ganze Anlage mit drei gewaltigen Explosionen in die Luft flog, wobei die roten Feuersäulen sicher an die hundert Meter Höhe erreichten. Die Wehrmacht hatte vor dem Abzug aufgeräumt.
Und bei der lieben Mama und der Schwester des Freundes Guy gab’s dann Tomatensuppe. Auch rot.
Kleine persönliche Erlebnisse... Aber Krieg und Befreiung sind nicht immer so glimpflich und unwichtig, denn manches trotzt dabei jeder Beschreibung.
Nun waren die alliierten Soldaten in der Stadt, bei uns wohl Kanadier, die, als Mitglieder des Commonwealth, auch in den Krieg hineingezogen worden waren. Sie schienen alle froh und aufgestellt, hatten alles Notwendige zum Essen und noch viel mehr, wie auch zu rauchen mit ihren für uns so herrlich duftenden Zigaretten, die sie der Jugend freigiebig schenkten. Und erst die Schokolade, und das Weissbrot! Wir schauten uns das fremde Kriegsmaterial genau an und bemerkten, wie die Soldaten einen anderen Körpergeruch hatten als die Deutschen. Sie hatten auch die flachen Stahlhelme etwa in Suppentellerform, die nur ganz oben am Scheitel vor Schäden schützten, sofern sie beim Laufen nicht herunter fielen.
Die Eroberung der Stadt ging also, militärisch gesehen, relativ sanft vonstatten. Aber es kamen da noch andere Aspekte zum Vorschein. Der Krieg, der eben so manche Gesetze aus- oder umschaltet, legte auch hier Triebe und Schändliches frei, und das nicht nur von einer Seite. Die Komplexität der politischen Verhältnisse lässt sich nur schwer in einigen Zeilen verdeutlichen, es gibt nicht umsonst riesige, historische Bibliotheken über Politik, Krieg und Frieden. Aber ein Hinweis auf die chaotischen Verhältnisse im gebeutelten Land Belgien scheint notwendig, damit eine objektive Einsicht möglich wird.
Politische Verhältnisse
Antwerpen liegt bekanntlich im nördlichen, flämisch sprechenden Teil Belgiens. Die flämische Sprache, also Niederländisch wie Holländisch auch, wurde und wird dort von etwa 60 % der Einwohner gesprochen. Und dieser Teil der Bevölkerung wurde, seit der Staatsbildung Belgiens 1830, von frankophonen Regierungen in der Hauptstadt Brüssel zentral verwaltet. Diese hatten das Kapital der wallonischen Schwerindustrie – Kohle und Stahl – im Süden des Landes immer auf ihrer Seite und konnten so das flämische Agrarland in jeder Hinsicht weitgehend vernachlässigen. Dabei blieb die flämische Volkssprache ebenfalls auf der Strecke und spielte in Regierungs- und Verwaltungskreisen keine Rolle. Im ersten Weltkrieg wurden die flämischen Soldaten auch „en français“, mittels französischen Befehlen, an dem IJzer - Fluss in das Feuer geschickt.
Unter diesen Bedingungen entstand folglich bereits im 19. Jh. in den flämischen Landesteilen eine recht aktive Bürgerrechtsbewegung, die sich auf mancher, auch lustiger Manier dem Brüsseler Diktat und dessen Mitläufern in eigenen Regionen entgegen setzte. Im Gegensatz zu anderen Ländern ging das alles tatsächlich ohne Terror und eher wenig Gewalt hin und her. Die Kopfstücke der Bewegung forderten also Gerechtigkeit und Befreiung von der frankophonen aber auch anderweitig ungerechten Diktatur. Und auch bei ihnen waren die Gesinnungen wieder geteilt: Die einen wollten Unabhängigkeit, andere Separatismus oder Föderalismus, oder auch eine Rückbesinnung auf eine „saubere“ Gesellschaft und die grosse kulturelle Geschichte. Und es gab eben auch welche, die vom deutschen Nationalsozialismus, vom Faschismus oder vom Kommunismus fasziniert waren. Belgien war an sich ein demokratischer Rechtsstaat mit vielen Gesinnungen und etwa ebenso vielen Parteien, davon viele ohne Elan, Rückgrat, Visionen oder Klarblick, korrupt und zersetzt. Der König Leopold III., ein Mann mit Charakter und Qualifikationen, wurde nach dem Krieg gerade deswegen, wie auch aufgrund seiner Entscheidung, in einem aussichtslosen Krieg (1940) nach achtzehn Tagen zu kapitulieren, unter Gewaltandrohungen und Demonstrationen in Wallonien entthront, obwohl er bei einer Abstimmung 56 % der Stimmen für sich erhielt. Ein menschliches und politisches Drama!
Bei Kriegsanfang 1940 wurden Kopfstücke der Bürgerrechtsbewegung oder auch anderer Gruppierungen, die eine Staats- und Gesellschaftssanierung anstrebten, sowie manche andere Verdächtige, unter dem Vorwurf des Landesverrats verhaftet und unter bestialischen Umständen in Güterwagen nach Frankreich entführt, wo dann welche auch von besoffenen Soldaten erschossen wurden: unschuldig und ohne Prozess.
Noch mehr Irrtümer
Nun waren, während der ersten Kriegsjahre, angesichts der deutschen militärischen Erfolge manche Menschen überzeugt, dass Deutschland den Krieg endgültig gewinnen würde und dass man sich damit abzufinden hätte. Und deshalb würde in Europa auch eine ganz neue politische Restrukturierung von Staaten und Gesellschaften erwartet: die neue Ordnung, von der im Dritten Reich so exaltiert und aufgeblasen geschwärmt wurde. Diese Aussichten vollendeten so das Meinungschaos. Bei den Bürgerrechtsparteien und den deutschfreundlichen Gruppierungen kooperierten manche mit der Besatzungsmacht, die einen mehr, andere weniger, in der Hoffnung auf eine zukünftige flämische Unabhängigkeit oder eine Staatssanierung unter deutschem Patronat.
Zu all dem kam noch eine weit verbreitete Angst vor dem sowjetischen Kommunismus / Bolschewismus, den man zusammen mit Deutschlands Militärmacht zu bekämpfen gedachte. Eine Art Kreuzzug gegen den Marxismus – Leninismus stand auch bei gewissen streitbaren Christen, aber nicht nur dort, schon vor dem Krieg im Programm. Und daher zogen viele junge, idealistische Männer aus den besetzten westlichen Staaten freiwillig an die Ostfront, wo dann auch fleissig gestorben wurde.
Totale Verwirrung der Geister
Und während der Besatzung standen wir, wie alle von Deutschland eroberten Nationen, natürlich unter dem brutalen Kriegs – „Recht“ (oft ohne Rechte) mit allem Zwang, Terror von beiden Seiten, Judenverfolgung (Antwerpen hatte und hat einen großen jüdischen Bevölkerungsanteil) und Arbeiterdeportationen (diese zunächst als Freiwillige) nach Deutschland als Ersatz für die kämpfenden Soldaten, Luftangriffe der Alliierten, Nahrungsmittelknappheit, kontrollierte Presse usw. Manche Zivilbeamten der Gemeindeverwaltungen oder anderen Strukturen wie die Bahn, versuchten für die Bevölkerung das Beste daraus zu machen, indem sie auf ihren Posten blieben und sich mit der Kriegskommandantur zu arrangieren versuchten. Aber allen ging es ums pure Überleben. Ein Widerstand von Partisanen entwickelte sich erst auffallend spät, tatsächlich erst richtig nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941, und dann auch spärlich, zumeist auf dem Land.
Bei der Befreiung waren dann auch die Kollaborateure der Besatzungsmacht Gegenstand einer ungeheuren Repression von Seiten der aus London zurückgekehrten Belgischen Regierung, aber auch durch eine brutale, allen Gesetzen einer gerechten Justiz missachtenden Volkswut. Auch die Familien der echten oder angeblichen Kollaborateure wurden von plötzlich aus dem Nichts auftauchenden Partisanen festgenommen, misshandelt, Frauen die Haare abrasiert und vergewaltigt, Kinder mit ins Gefängnis gebracht, Hausrat auf die Strassen geworfen und angezündet. Weil die Stadtgefängnisse bald überfüllt waren, stopfte man die Gefangenen in die leeren Löwenkäfige des Zoos. Auch wer während des Krieges eine kleinste Sympathie oder einen vielleicht missverständlichen Anschein dessen für den Besatzer oder die Mitarbeiter angedeutet hatte, wer eventuell einem Nachbarn oder Bekannten die Freundin abgeluchst hätte, wer mit einem so genannten Patrioten in einem Geschäft konkurriert hatte, wer irgend jemandem die Nase nicht passte, sie alle unterlagen der Gefahr unter die Räder der ausgerasteten Volkswut zu kommen. Die Polizei war da eigentlich ausgeschaltet. Wie viele sind da auch vollkommen unschuldig vom Schicksal betroffen worden, genau wie umgekehrt unter der Besatzungsmacht!
Prozesse gegen Kollaborateure wurden innerhalb einigen Minuten erledigt. Nach langen Zeiten im Gefängnis kamen so etwa auch Menschen vor Gericht, wobei der Richter feststellte: Ihr Dossier ist ja leer?! Der Gefangene sagt: Ich bin eben unschuldig! Der Militärrichter: Das kann nicht sein – zurück ins Gefängnis!
Nach der Befreiung im Frühjahr 1945 von KZ-Lagern wie Auschwitz, Dachau und Birkenau, mit den Überlebenden dieser unvorstellbaren Barbarei, brach die Volkswut noch einmal mit voller Gewalt übers Land.
Die Kriegsverbrechen der Nazis und ihrer Mitarbeiter sollen hiermit keineswegs verharmlost werden. Aber die Dschungeljustiz (dixit ein prominenter Politiker) im Rechtsstaat konnte dadurch nicht gerechtfertigt werden und hat sich so auf das gleiche Niveau herabgestuft.
Die Zeit nachher
Nach der so genannten Befreiung mit viel Jubel und Fahnen an den Häusern war der Krieg noch lange nicht vorbei und kurz darauf schlugen die ersten deutschen „Vergeltungswaffen“, V1 (unbemannte Fluggeräte) und V2 – Raketen (Marke Wernher von Braun), in der Stadt und im Hafen ein. Hunderte würden noch folgen, mehr als in London. Während der Besatzung haben die alliierten Bombergeschwader 1943 am Stadtrand auch mal einen Bombenteppich abgelegt mit 2000 zivilen Opfern – unter der befreundeten Bevölkerung. Und ein „Detail“ – Ereignis: Am 16. Dezember 1944 schlug um 15.30 h eine V2 – Rakete auf ein vollbesetztes Kino ein, mitten in der Stadt Antwerpen. Es waren da 567 Tote zu beklagen. Der Schreibende wurde da unverletzt aus den Trümmern geborgen.
Fazit
Dann kam 1945 das Ende eines Krieges, der – mit Pause - wohl bereits am 4. August 1914 angefangen hatte, dreissig Jahre massloses Elend für Millionen.
Das sind einige Aspekte der Befreiung von einer fremden militärischen und unmenschlichen Macht und deren Auswüchsen. Aber damit war das Chaos, die immense Verwirrung der Gefühle, der Ansichten, der Kultur noch lange nicht beseitigt. Von einer seriösen Aufarbeitung der eigenen Geschichte dort und auch in anderen am Krieg beteiligten Staaten sind manche, vielleicht mit der Ausnahme Deutschlands, teilweise noch weit entfernt. Und das gilt auch für andere Kriege.
Politische und militärische Befreiung fand statt, die menschliche, individuelle Befreiung von vieler Schuld und Schande ist ein anderes Paar Schuhe – aber möglich, und eine Daueraufgabe.
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Josef S.
Die Befreiung
Die Befreiung von der deutschen Besatzung in Antwerpen 1944
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