Übertrag aus Band 16.
Die russische Hochzeit ging einem wodkabesoffenem Ende entgegen. Auf sehr wackeligen und unsicheren Füßen. Alle hatten wir diese Schritte, von denen man keine Ahnung hat, wo sie und wie tief sie im Weitergehen versinken könnten. Mich hat der Duft meiner Tischnachbarin viel mehr berauscht, als der hinterhältige Kartoffelschnaps, der mir im Aufstehen die Beine wegzog. Ich konnte mich im Fallen an dieser wohlriechenden Frau abstützen, ihre nackte Schulter war mir in diesem Augenblick ein willig dargebotener Haltegriff aus weichem Fleisch. Die schöne Frau saß aber auch nicht mehr fest genug im Sattel. So geschah das Unvermeidliche eines gemeinsamen Falls, bei dem wir, am Boden angekommen, eine vergnügliche Entdeckung machten. Sie mit ihrem hoch gerutschtem Rock noch mehr von dem Geruch ihres Körpers freisetzend und ich in dieser Wolke, einer betäubendem Mischung, auf ewig gefangen. Ein kleines Stück von unserem Aufschlagpunkt entfernt lagen bereits drei Personen, vom bis zum Boden reichenden Tischtuch verborgen. Während des Aufschreibens dieser Situation merke ich, wie sehr mir das hilft, die Erinnerungen zu festigen, die mir in den letzten Jahren langsam und schleichend weniger und weniger zu halten gelingen. Aber weiter, weiter, bevor auch diese Begebenheit aus meinem Gedächtnis verschwindet. Wäre mir diese, in blühender Menschenform wandelnden Aromabombe schon in Osh nahe gekommen, so säße ich vielleicht heute noch in diesem Ort und ließe mich auf den Vermisstenlisten der österreichischen Polizei, als Name ohne den dazugehörigen Menschen führen. Die drei Personen unter der Hochzeitstafel lagen halb schlafend, halb mit irgendeinem Körperteil zur Musik der unermüdlich spielenden Kapelle wippend, in seliger Agonie und veranlassten die Duftende und mich, das Aufstehen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Sie hatte ihren Kopf auf meinem Arm liegen und mit zarten Bissen spürte ich ihre Zähne durch meinen Ärmel an meinem Bizeps knabbern. Oberhalb hörte ich Mansur seinen vielleicht sechsten oder zwölften Toast auf das Brautpaar herauslallen und im Griff nach dem vollen Wodkaglas lag nicht mehr genug Treffsicherheit. Zwischen den Kanten der zur Tafel zusammen geschobenen Tische, tropfte der umgeschüttete Drink auf meinen Kopf herab. Ein paar Spritzer musste die Duftende abbekommen haben. Sie löste sich von meinem Ärmel und schob ihren Kopf höher hinauf, über den meinen hinweg, um mit offenem Mund die letzten Tropfen aufzunehmen. Danach schlief sie augenblicklich halb auf mir liegend ein. Nachdem ich in jahrelanger, beschwerlicher Übung, den immer stärker aus meiner Frau herausströmenden Geruch, nach den vielen eingenommenen Medikamenten zu verkraften gelernt hatte, war diese Begegnung mit der Duftenden der Rausch schlechthin. Ich war dabei nicht der Betäubte, vom Übermaß benebelt und in die abstumpfende Verdämmerung Gleitende. Bilder erschienen in meiner Erinnerung, Bilder die in traumgleicher Überschärfe eine optische Entsprechung meiner Naseneindrücke entstehen ließen. Es zahlt sich wirklich aus, viel herumzureisen, dachte ich mir lachend, als die Parfumbörse von Aix au Provence wie ein Bühnenbild aus dem Schnürboden, über die Ansicht des Gewürzbazars von Istanbul herab glitt. Von der Seite schob sich das offene Edelschleiferatelier aus Sri Lanka darüber, in dem an der fensterlosen Stirnwand vor der vergoldeten Buddha-Statue, verschiedenste Sorten von Räucherstäbchen glimmten. Danach stand ich von tropischem Holzrauch und den Gerüchen einer brennenden Leiche angeweht, auf einem Verbrennungsplatz am Ufer des Ganges, sprang weiter in die Winterküche eines buthanesischen Klosters, in der Yakfleisch mit einer Durianfrucht , von der man beim Aufschneiden absolut ratlos und unentschieden ist, ob man im ärgsten Gestank oder im erhebendsten Duft steht, zu einer Suppe verkocht wurde. An der italienisch-französischen Grenze, in Ventemiglia landete meine letzte Erinnerung, bevor ich wieder meine Augen öffnete. Da sah ich mich in einer Mandelschnapsbrennerei, den warmen Vorlauf im Glas an meiner Nase hin- und herschwenken
