Die (eine) Schwester

 

 

Dünn war sie ja immer schon. Also, mehr als nur schlank.

 

Innerhalb der Familie erarbeitete sie sich den Status der Mutter, übernahm die Aufgaben, die eigentlich ihre Mutter, die sehr jung (zu jung) Mutter wurde, hätte erfüllen sollen.

 

Gedanken darüber, warum sie sich für ihre Familie, und auch für sehr viele Menschen außerhalb des Familienverbundes, aufrieb – der körperlichen Konstitution nach eher *abrieb* - macht sie sich nicht.

 

Es ist fraglich, ob sie sich diese Gedanken nicht macht, weil ihr nicht danach ist, aus einer Laune heraus, oder vielleicht gar aus dem hehren Gefühl, dass es Dinge gibt, die erledigt werden müssen, oder vielleicht aus der Unbewusstheit heraus, dann nicht selbst über sich und die eigene Befindlichkeit nachdenken zu müssen..

 

Oder weil sie nicht kann.

 

Jedenfalls ist es ihr eine Freude, ein Genuss, eine Befriedigung, sich auf Baustellen anderer herumzutreiben.

Der Mann, den sie in Jugendjahren kennen lernte, dient als Fassade. Denn sie heiratete ihn nicht, weil er ihr Vertrauen nicht genoss. „Kinderkriegen“ kam für sie, die in Kindertagen als Ziel hatte, Mutter von zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen zu werden, nicht mehr infrage.

 

Und sowieso hat sie auch nur ihren Vater geliebt, liebt ihn bis heute.

Der Vater wuchs ohne Eltern auf. Da musste eine Ersatzmutter her. Diese Aufgabe übernahm sie gern, sehr gern sogar, denn sie liebt, wie gesagt, ihren Vater.

Wie eine Mutter ihr Kind?

Ein Kind seinen Vater?

Eine Frau ihren Mann?

 

Dies zu eruieren wäre nun zu spät.

 

Was ihr Vater sagt, ist Gesetz. Gesetz auch innerhalb ihrer Partnerschaft, die keine Ehe ist, auch keine Freundschaft mehr. Ein Miteinander, welches seit Jahren Bestand hat, weil sie die Fassade nicht zerstören will. Oder nicht kann. Auch dies zu eruieren, wäre … Rebellion gegen die Obrigkeit, Rebellion gegen neuronale Gesetzmaessigkeiten.

 

Vor vielen Jahren gab sie ihre sehr gut bezahlte Tätigkeit innerhalb eines großen Versicherungskonzerns auf. Die Tätigkeit dort sicherte ihr aufgrund der finanziellen Gegebenheiten die Möglichkeit, auf eigenen Beinen zu stehen, ihr Leben zu meistern, nur für sich selbst und eigene Belange da zu sein.

 

Das wollte sie nicht. Die Angst der Selbständigkeit nagte an ihr. In ihr.

 

Sie ergab sich ganz und gar der Familie, den Kindern, die ihre Eltern in die Welt setzten, weil sich neurologisch-physikalische Abläufe in biologischen Ergebnissen zeigen.

 

Und so sieht sie sämtliche Fehler ihres Partners, dem treuen Gefährten vieler unnütz gelebter Jahre, der eher den Status eines Hundes hat. Eines Hundes, der auf die Gebrechlichkeit, auf die Zerbrechlichkeit, auf die Fragilität seiner Herrin Acht gibt, indem er die Launen seiner Halterin stoisch aushält.

 

Manchmal sprechen sie miteinander. Bei einem oder mehreren Gläsern Wein.

Ihre Themen dann sind Familie, Politik und Gesellschaft. Hierzu zählen selbstverständlich auch die Nachbarn.

Ein Haus haben sie gebaut, damals, in Spanien. Von „Schwarzgeld“.  Gleich in der Nähe, wo ihr Vater Eigentümer eines Hauses war, dass dieser ebenfalls von „Schwarzgeld“ baute.

Doch weder die Schwester, noch der Vater fragen nach dem Ursprung von Besitz. Rechtmaessig erworben oder nicht.

Alles, was Recht ist, was Recht ausmacht, wird von ihrem Vater definiert und vorgelebt. Alles, was Recht ist, was Recht ausmacht, wird von ihr nachgelebt und somit wähnt sie sich auf der sicheren Seite.

 

Wenn sie sich mit ihrem Partner also über Politik, Nachbarn, Gesellschaft generell und schlechthin (vor allem schlechthin) unterhält, dann fühlen sie eine Nähe, eine Kraft, die stärker als Sexualität ist, und offensichtlich orgiastischen Charakter zeigt. Denn danach sind beide erschöpft, lachen sich zu, erlösend. Es sind die anderen. Gut zu wissen.

 

Verbal, lautstark wird auf die Menschen eingeschlagen, die von Hartz IV leben, auf Menschen, die in das Land geholt wurden, um die Wirtschaft mit billigen Arbeitskräften anzukurbeln und die nun unverschämter Weise Nachbarn sind, Nachbarn, deren Besitz sie als unrechtmaessig, als „erschlichen“, negieren. Gehen davon aus, dass solche Leute zu Hab und Gut kommen, weil sie den Staat betrügen. Wahrscheinlich mittels Schwarzgeld.

 

Sie, die Schwester und ihr Hund, halten die Gesellschaft hoch. Sie sind diejenigen, auf die der Staat noch bauen kann. Sie sind nicht nur Stützpfeiler innerhalb der Familie, des Vaters, der durch sein unkontrolliertes Gebaren viele Bereiche zerstörte. Sie sind omnipotent im Geiste.

Sie bilden den Staat. Die Macht. Die Macht der Beschränkung. Im Geiste und im Handeln.

Wie der Vater der Schwester innerhalb der Familie.

 

Schmerz, lass’ nach.