Bald merkte ich jedoch, dass es mit ein paar Behördengängen nicht getan war. Als sie ankamen, war der Deutschkurs bereits seit einem Monat im Gange, und sie taten sich sehr schwer, den Rückstand aufzuholen. Sechs Monate lang haben mein Mann und ich ihnen täglich zusätzlichen Unterricht gegeben.
Auch die Kinder benötigten Hilfe bei den Hausaufgaben. Das haben unsere Kinder übernommen.
Vor einigen Wochen kamen ein paar Verwandte dieser jüdischen Familie nach. Unter ihnen war Esther, die im neunten Monat schwanger war und dringend ärztlich untersucht werden musste. Doch sie hatte natürlich keinen Krankenschein. Diesen zu bekommen, nahm mehr Zeit in Anspruch als wir hatten. Mit Hilfe von Helmut, einem befreundeten Arzt, fanden wir schließlich ein Krankenhaus, das sich bereit erklärte, Esther zunächst auch ohne Krankenschein aufzunehmen. Kurz darauf kam ihr Sohn Ariel gesund zur Welt.
Zum Fest der Beschneidung - dem ersten in unserer Stadt seit über vierzig Jahren - waren auch unser Helmut und wir eingeladen. Während der Feier brachte Helmut einen Trinkspruch auf Ariel aus: "Hier sind Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Konfessionen zusammen - Juden, katholische und evangelische Christen. Leben wir gemeinsam für unsere Einheit in Liebe zueinander und Achtung füreinander."
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, der schon ziemlich alt ist und nicht mehr gut hört, fragte noch einmal nach: "Was hat er gesagt? Wir sollen für die Einheit leben?" "Ja", bestätigte Helmut, "schließlich haben wir alle nur einen Vater." L.P.
