Das Meer der Zeit dauert fort und fort. Es kommt und geht, stürmt und fließt ruhig dahin. Das Meer der Zeit ist ohne Anfang und ohne Ende.
Als der Tempel des Lichts die Erde noch erhellte, trug das Meer der Zeit seinen Schein und seine Kraft auf den Wellen. Sein Licht dauerte fort und fort. Der Tempel des Lichts war der Quell allen Lebens und aller Liebe. Und er war der Herrscher der Welt.

Der Mensch entstieg dem Meer der Zeit und war sofort sehr wissbegierig. Zu gern wollte er herausfinden, wie der Lichttempel funktionierte. Aber sooft er sich auch im Tempel umsah, er kam dem Licht nicht auf die Spur. Da wandte er sich dem Meer der Zeit zu und sprach: Wenn ich das Geheimnis des Lichts nicht entdecken kann, so werde ich wenigstens das Meer der Zeit neu ordnen! Und er nahm einen Lichtstrahl und erfand die Uhr. Der Mensch perfektionierte diese Uhr, bis er so weit war, dass er seine Taschenuhr elegant in der Westentasche verschwinden lassen oder sich seine Uhr um den Arm binden konnte. Das Meer der Zeit dauerte fort und fort.

Der Tempel des Lichts aber war dem Menschen noch immer ein Dorn im Auge. Er forschte und erfand unermüdlich. Dabei kreierte er viele Dinge, die es ohne ihn nie gegeben hätte. Und schließlich stieß er auf die Reproduktion des Tempels: das elektrische Licht.

Auf dem Höhepunkt seiner Forschung angelangt, sprach er: Ich habe eine Armbanduhr und eine Glühlampe. Ich habe Licht und Zeit bezwungen. Ich bin der Herr der Welt! Und er nahm den Tempel des Lichts und versenkte ihn im Meer. Und mit dem Tempel versenkte er alles Leben und die Liebe.

Das Meer der Zeit dauert fort und fort. Im kalten Licht der Glühlampen rennt der Mensch seinen Stunden hinterher oder vor ihnen davon. Sein Herz liegt auf dem Meeresgrund, von dem der Tempel des Lichts vage Strahlen durch die Fluten sendet. Manchmal sehen die Wellen golden aus.


(c) by Maren Schönfeld, Hamburg, 2002