Die gestohlene Welt



Als die Sonne explodierte, war er unter Tage, und zwar allein. Er hatte die Schächte und Stollen des Bergwerks zu kontrollieren, aus denen Sickerwasser gemeldet worden war. Kenneth Malone hatte sich seinen dreißigsten Geburtstag anders vorgestellt, aber einer musste ja die Drecksarbeit machen, und den Männern, deren Schicht vor wenigen Stunden zu Ende gegangen war, konnte man das nicht mehr zumuten. Er hatte sich freiwillig gemeldet, und nun verfluchte er sich dafür.
Immerhin wurde er nicht fündig. Die Alarmmeldungen waren falsch gewesen. Kenneth nahm noch einige Messungen vor. Das Grubengas hielt sich in erträglichen Grenzen, und auch sonst sprach nichts dagegen, die Arbeiten im Schacht weiter fortzusetzen.
Malone stieg in den Korb und ließ sich nach oben tragen, ans Licht. Er ahnte nicht, in was für ein Licht er kommen würde.
Der Bergbau-Ingenieur bekam einen ersten Eindruck, als er noch zehn Meter von der Oberfläche entfernt war. Mit jedem Meter wurde es krasser. Malone verstand nicht, was hier vorging. Sein erster Gedanke war, dass jemand mit starken Scheinwerfern in den Schacht leuchtete. Aber wozu sollte er das tun?
Malones Reaktion war instinktiv. Er griff in seine schwere Umhängetasche und nahm eine dunkel gefärbte Schutzbrille heraus. Er setzte sie auf. Trotzdem quälte ihn die Helligkeit auf den letzten drei Metern. Als er dann ausstieg, war er geblendet. Die umstehenden Gebäude waren nur schemenhaft zu sehen, und von den Männern überhaupt nichts. Schwerer Donner schlug in die allumfassende Stille. Dazu kam ein unheimliches Brausen. Nur von hier und da war ein Schrei zu hören.
Es war unnatürlich heiß. Malone wagte einen Blick in den Himmel und sah gleißende Spiralen, wie bei einem Feuerwerk am helllichten Tag. Sofort wandte er den Blick wieder ab. Vor seinen Augen tanzten feurige Kreise, und er wusste: Er musste hier fort, in den Schutz eines Hauses.
Es hatte geregnet. Entsprechend aufgeweicht war der Boden. Kenneth Malone wankte auf einen der Gebäudeschemen zu. Vor seinen Augen flackerte es. Er erreichte die Tür und drückte sie auf. Gnädige Kühle umfing ihn. Die Klimaanlage funktionierte noch, und die Helligkeit wurde schwächer. Sie drang zwar durch alle Fenster und offene Türen, aber sie ließ sich dank der Schutzbrille aushalten.
„Ben?“, rief Malone. “Jerry? Ist da irgendwer?”
Er fand den ersten Mann hinter dem Tisch. Er lag mit weit offenen Augen auf dem Rücken. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Ken Malone beugte sich über ihn.
„Larry“, flüsterte er. „Mein Gott. Was ist hier passiert, während ich unten war?“
Larry konnte ihm keine Antwort geben. Er war tot, sein Gesicht verbrannt. Malone drückte ihm die Augen zu und stand auf. Das Licht flackerte wie in einem schweren Gewitter oder einem psychedelischen Film.
„Wo seid ihr?“, schrie der Ingenieur. „Verdammt, antwortet!“
Er sah die Tür zum Nebenraum halb offen stehen. Hinter ihr lag ein Gemeinschaftsraum der Kumpel. Mit dunklen Vorahnungen schritt Malone darauf zu. Er holte tief Luft und drückte sie ganz auf.
Der Anblick war grauenhaft.
Überall lagen die Männer, reglos, mit verbrannten Gesichtern. Andere hingen mit verrenkter Haltung in den Sitzen. Die meisten hatten sich die Hände vor die Augen gepresst. Ihre Kleidung war nass von Regen und Schlamm. Sie mussten sich hier noch hereingeflüchtet haben – aber wovor? Was hatte sie draußen überrascht? Die Helligkeit konnte sie geblendet haben, aber nicht umgebracht.
„Hört mich hier jemand?“, rief Malone in purer Verzweiflung. „Ihr könnt doch nicht alle tot sein! Antwortet!“
Er beugte sich über jeden einzelnen Mann. Sie waren seine Kollegen gewesen, einige von ihnen Freunde. Er blickte in ihre gebrochenen Augen. Das Grauen kroch ihm den Rücken hinauf. Es musste ein Albtraum sein, aber so sehr er sich auch bemühte, er erwachte nicht daraus.
Der nächste Raum, eine Schalt- und Steuerzentrale. Malone fand diesmal auf Anhieb keinen Toten. Er rief wieder, zunächst ohne Ergebnis. Dann aber hörte er eine heisere, scharfe Stimme von hinter sich.
„Kommt ihr jetzt, um zu sehen, ob euer Anschlag erfolgreich war?“
Malone fuhr herum. Er sah einen Mann, Michael Buster, mit angeschlagener Flinte in einer Ecke neben der Tür stehen. Seine Hände zitterten. Er konnte die Flinte kaum halten. Dennoch zielte er auf ihn.
Seine Augen waren leer. Michael Buster, der Steiger, war blind.

*

„Ich bin’s, Mike“, sagte Malone, so ruhig er konnte. Er hatte den ersten Schock überstanden. „Ken. Lass die Knarre sinken und sag mir, was geschehen ist. Wir beide sind vielleicht die einzigen Überlebenden.“
„Ken ist auch tot. Es gibt keinen anderen Überlebenden außer mir. Alles ist aus. Du gehörst zu ihnen!“
Kenneth Malone begriff, dass sein Gegenüber wahnsinnig geworden war. Er nahm vorsichtig einen Aschbecher vom neben ihm stehenden Tisch und warf ihn gegen die Tür. Als Buster herumfuhr und in die betreffende Richtung feuerte, stürmte er vor und entwaffnete ihn. Es gelang ihm unerwartet leicht. Michael Buster hatte keine Kräfte mehr.
Kenneth ergriff ihn bei den nun schlaff herabhängenden Armen und schüttelte ihn.
„Wer sind sie, Mike?“ fragte der Ingenieur. „Ich war unter Tage und bin in eine Welt aus grellem Licht und Hitze und seltsamen Geräuschen zurückgekehrt. Was ist inzwischen geschehen? Mensch, Mike, du musst mich doch an der Stimme erkennen.“
Busters Körper entspannte sich.
„Ken, bist du es wirklich?“, fragte er mit gebrochener Stimme.
„Natürlich“, sagte Malone erleichtert.
„Es ist wie ein Wunder. Wir waren alle draußen, als es geschah. Wir warteten auf das Versorgungsflugzeug – und dann dieser Blitz, dieser furchtbare Blitz. Er setzte die Bäume in Brand und alles andere, was hier wuchs. Und wir ...“
„Was, Mike?“, drängte Malone.
„Wir waren geblendet. Keiner von uns sah noch etwas. Und dann war da der Donner und dieses Rauschen ... Es war ein Anschlag, Ken. Jemand wollte uns mit einer unbekannten Waffe umbringen, und er hat es geschafft. Aber das ist noch nicht alles.“
„Nicht?“
Buster schüttelte den Kopf. Es war unheimlich anzusehen, wie seine blicklosen Augen rollten.
„Wir fanden in das Gebäude zurück. Einer stützte den anderen. Wir ließen uns zu Boden oder in die Sitze fallen. Und dann ...“
„Ja, Mike?“
Buster ließ sich in einen Sitz fallen. Malone half ihm dabei.
„Dieses Brausen, dieses Rufen. Hast du es noch nicht gehört, Ken?“
„Nein“ antwortete der Ingenieur wahrheitsgemäß.
„Es hat sie alle auf dem Gewissen. Sie waren nur geblendet wie ich. Aber sie konnten ihm nicht widerstehen. Sie sind mit ihm gegangen. Ihre Bewusstseine haben die Körper verlassen. Es war eine fremde Waffe, Ken.“
Das klang sehr mysteriös. Malone hatte die Leichen seiner ehemaligen Kumpel gesehen, ihre verzerrten Gesichter. Aber hatte in ihnen nicht auch so etwas wie Zufriedenheit gestanden? So als ob sie im letzten Augenblick ihres Lebens noch eine Art Erfüllung erfahren hätten?
„Entschuldige, dass ich dich das fragen muss, Mike“, sagte Malone. „Aber wieso bist ausgerechnet du von dieser ... dieser Waffe verschont geblieben?“
Michael Buster starrte ihn blicklos an.
„Vielleicht hängt das mit meinem Gehirn zusammen“, sagte er langsam.
„Was ist mit deinem Gehirn?“
Buster wand sich. Malone wurde allmählich ungeduldig. Der Donner wurde immer stärker, ebenso das Flackern des Lichts. Endlich rang sich Buster zu einer Antwort durch:
„Niemand weiß es“, sagte er. „Ich habe es immer zu verheimlichen verstanden. Die Hälfte meines Gehirns ist ein Computer. Er ersetzt seit zehn Jahren die rechte Gehirnhälfte, die ich bei einem Unfall verlor. Hast du dich nie über meine Narben gewundert?“
Doch, jetzt fiel es Ken ein. Natürlich hatte er das getan. Aber die guten Manieren hatten ihn immer daran gehindert, danach zu fragen.
Michael Buster schloss die Augen. Sein Atem ging flach.
„Es geht zu Ende, Ken“, flüsterte er. „Und es war ein Anschlag ...“
Kenneth Malone verbrachte die letzten Minuten bei dem Sterbenden. Er widersprach ihm nicht, aber er glaubte nicht an die Anschlagstheorie. Er erinnerte sich an die Schreie, die er von draußen gehört hatte. Es musste weitere Überlebende geben.
Jetzt prasselte der Regen auf das Gebäude herab. Die Blitze und der Donner wurden noch heftiger. Und plötzlich hörte Malone die Stimme in seinem Kopf.

*

Komm, flüsterte sie. Komm zu uns. Komm nach Hause, Ken.
„Wer bist du?“, fragte er „Wer seid ihr?“ Die Sache war ihm unheimlich. Michael Buster hauchte in seinen Händen sein Leben aus, und jemand oder etwas rief nach ihm. Es kannte seinen Namen. Wo war es? Wer war es?
„Sträube dich ... nicht, Ken“, stammelte Mike. Auch sein Gesicht verriet jetzt ein tiefes Glück, eine Erfüllung. „Ich gehe heim, zu den anderen ...“
„Was redest du da?“, fuhr Malone ihn an. „Ich denke, es war ein Anschlag? Wer soll ihn ausgeführt haben? Terroristen? Warum redest du plötzlich ganz anders?“
„Wir werden uns wiedersehen, Ken“, sagte der Blinde lächelnd. „Bald ...“
Damit sank sein Kopf zur Seite. Michael Buster war tot. Kenneth Malone ließ ihn in den Sessel gleiten und breitete eine Decke über ihm aus.
Malone wurde nicht schlau aus dem zuletzt Gehörten. Hatte Buster im letzten Moment seine Anschlagstheorie verworfen? War er „erleuchtet“ worden, und falls ja, von wem?
Quäle dich nicht, Ken. Der Sehende ist blind, nur der Blinde sieht das Licht. Das Licht, Ken. Gehe hinaus und sieh hinauf in den Himmel. Dann wirst auch du erleuchtet und bist bereit für den letzten Schritt.
„Wer seid ihr?“, schrie Malone. „Was bedeutet das alles?“
Du wirst es erfahren, Ken, wisperte es in seinem Kopf. Wir alle sind Sämlinge der Großen Mutter. Und nun ist die Zeit gekommen, in ihren Schoß zurückzukehren. Wir sind Sämlinge der Sonne, Ken.
„Das ist ja verrückt!“ rief Malone.
Der Regen hatte wieder aufgehört. Es war noch heller geworden, heller und heißer. Die Luft flirrte.
Kenneth Malone ging zum großen Funkgerät der Zeche und versuchte, mit der Außenwelt Kontakt zu bekommen. Er musste wissen, ob die Katastrophe auf diese Region beschränkt war oder die ganze Welt erfasst hatte. Vielleicht konnte er Hilfe herbeirufen.
Doch was er auch versuchte, welche Frequenz er wählte, niemand antwortete ihm.
Die Welt, die Welt der Menschen, so schien es, war tot.
Aber er hatte die Schreie gehört! Jemand lebte hier noch – oder bildete er sich das nur ein? Waren es die letzten Schreie der Sterbenden gewesen, bevor er die Baracke betrat?
Malone wollte es nicht wahrhaben, dass er der letzte Mensch der Erde sein sollte. Er ging von einem Raum in den anderen. Überall bot sich ihm das gleiche Bild. Das heißt: fast das gleiche.
Wenn er genauer hinsah, spannten sich von den Leichen zum Boden feine Fäden, die sich in den Betonuntergrund bohrten. Nach oben hin wurden sie dicker, fleischiger.
Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Malone überlief es eiskalt. Die mentale Stimme in seinem Kopf lockte und lockte. Er konnte kaum noch klar denken.
Plötzlich hörte er ein Geräusch hinter sich. Er wirbelte herum und sah ein kleines Mädchen vor sich. Und sie sah ihn.
Sie sah!
Sie hatte eine Puppe in ihrem Arm und streckte ihm die freie Hand entgegen. Sie war höchstens sechs Jahre alt, und Malone fiel ein, zu wem sie gehörte. Sie war die Tochter eines jungen Bergarbeiters, dessen Frau vor zwei Wochen gestorben war. Die Zechenleitung hatte eine große Ausnahme für ihn gemacht, als sie ihm gestattete, das Kind so lange bei sich zu halten, bis eine Leihmutter gefunden war.
Viele Kumpel hatten sich darüber aufgeregt. Malone hatte zu ihnen gehört. Er verstand nicht, wie einem hart arbeitenden Mann die Bürde gestattet werden konnte, in seiner knapp bemessenen freien Zeit ein Kind aufzuziehen.
Jetzt stand sie vor ihm. Er ergriff vorsichtig ihre kleine Hand und ging vor ihr in die Hocke. Ihre Blicke trafen sich.
„Das ist ein Wunder“, hörte er sich sagen. „Wieso lebst du noch? Wieso kannst du sehen?“
Miriam, so hieß sie, wischte sich Tränen aus dem Gesicht.
„Als der große Blitz kam“, sagte sie weinerlich, „waren alle anderen draußen, nur ich nicht. Ich schlief unter meiner Decke, verstehst du? Ich schlafe immer unter meiner Decke, die ich mir über den Kopf ziehe. Außerdem gibt es in dem Raum keine Fenstern.“
„Das leuchtet mir ein. Und trotzdem weißt du von dem Blitz? Wie war er?“
„Heller als alles, was die Bergmänner je gesehen haben. Jedenfalls sagten sie das, als sie zurück in die Baracke kamen. Sie waren alle geblendet, bis auf drei oder vier Männer, die hier drinnen geblieben waren.“
„Und was geschah mit diesen?“
„Sie versuchten, den anderen zu helfen. Aber nach und nach griff sich einer an den Kopf und lief nach draußen, in die furchtbare Helligkeit und Hitze.“
„Dann muss ich sie suchen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät für sie.“
Miriam schüttelte traurig den Kopf.
„Sie sind heim gegangen. Hast du die Stimmen denn nicht gehört?“
„Ich schon. Und du?“
„Ich höre sie immer noch. Sie rufen mich. Sie wollen, dass ich ebenfalls heimkehre.“
„Heim wohin?“ fragte Malone.
„Heim in die Sonne.“

*

Kenneth Malone war jetzt überzeugt davon, dass es überall auf der Welt noch Menschen gab, die den Blitz überlebt hatten. Die schreckliche Sonne schickte ihr gleißendes Licht durch alle Fenster und Türen. Malone fühlte sich wie ein Gefangener in der Baracke. Ein Schritt nach draußen, und ...
Was „und“?
Malone sah voller Grauen, wie sich die Fäden verdickten, die von den Leichen zum Boden führten. Und wie die Fäden, wurden auch die mentalen Stimmen lauter.
Gib deinen Widerstand auf, Ken, wisperten sie. Komm zu uns in die Gemeinschaft. Komm nach Hause.
Wer seid ihr? dachte er intensiv.
Die Sämlinge der Sonne. Die neue Saat der Erde.
Malone spürte den Sog in seinem Geist. Er wurde von Sekunde zu Sekunde stärker.
Komm zu uns, Ken. Ins Licht!
Der Ingenieur erhob sich, hielt aber die Hand des Mädchens fest. Blitze tauchten das Innere der Baracke in weiße Glut. Donner rollte und krachte unmittelbar danach. Die Entladungszone des Unwetters musste sich genau über der Zeche befinden, obwohl es nicht mehr regnete.
„Komm, Miriam“, sagte der Bergbauingenieur.
Und sie folgte ihm. Hand in Hand verließen sie die Baracke. Miriam war sofort geblendet. Malone sah für einen kurzen Moment noch die Umgebung, und er sah Menschen wie Statuen m Morast stehen. Von ihren Gliedmaßen streckten sich dünne und dickere Fäden ins Erdreich und verloren sich dort.
Es erinnerte ihn an etwas, aber er wurde sich dessen erst klar, als ihn ein gewaltiger Sog packte und seinen Geist aus dem Körper holte.
Er flog. Er tauchte hinein in das wundervolle Licht der sich aufblähenden Sonne, während sein Körper zurückblieb und damit begann, die ersten Wurzeln in den Boden zu treiben.


E N D E