Melanie war etwas überfordert, als mehrere gleichzeitige Ereignisse ihre Aufmerksamkeit vom Musiktitel der CD ablenkten, den sie eben genoss: Zum einen lief auf dem Fußweg neben ihr ein attraktiver Mann, und zum anderen bremste plötzlich der PKW vor ihr.
Zu allem Überfluss hatte sie eben in die Tüte mit Paprika-Chips gegriffen, und durch ihr eigenes Bremsen in letzter Sekunde war die Tüte vom Armaturenbrett gerutscht und sie selber mit dem Busen gegen die Hupe geknallt.
Jedenfalls hupte sie.
Ihr Wagen und der Mann kamen beide zum Stehen: ihr Wagen zwei Zentimeter hinter dem Fahrzeug vor ihr und der attraktive Mann auf dem Fußweg.
Melanie zitterte am ganze Körper, als er herüber kam und versuchte, durch die spiegelnde Seitenscheibe herein zu schauen.
Melanie ließ die Scheibe herunter und setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf.
„Kann ich ihnen helfen?“, schrie der Adonis gegen die Musik an.
„Warum?“
„Weil sie eben gehupt haben. Hupen ist ein Warnsignal. Wen wollten sie warnen? Die Leute vor der Musik?“
Melanie fühlte sich ertappt. Hupen fand sie eigentlich unter ihrer Würde.
„Ich habe nicht gehupt“, sagte sie. „Meine Hupe ist kaputt. Das muss mein Vordermann gewesen sein. Warum fragen sie?“
Der Mann sah an sich herunter und stellte fest, dass er nicht im Dienst war.
„Ich bin Hauptkommissar Wegener nach Feierabend. Machen sie bitte die Musik leiser?“
„Ja sicher“, rief Melanie und drehte am Knopf. Sie tunte aber den Sender, der gar nicht in Betrieb war, weil sie eine CD hörte.
„Ist das Ding da auch kaputt?“, schrie der Hauptkommissar.
Die Kolonne fuhr wieder an. Gleich würde der schöne Mann nur noch eine Randerscheinung im Leben und im Rückspiegel ihres Wagens sein.
Melanie wollte eben Gas geben, da schrien beide gleichzeitig los: „Können sie...“, „Wollen sie...“ ... „nicht die Hupe reparieren?“... „repariert haben?“
Wie ein Stuntman riss der Mann die Tür auf und warf sich in das bereits fahrende Auto. Mitten auf die Chips.
„Sie kommen meinetwegen noch ums Leben“, rief Melanie.
„Wenn es nach ihnen ginge, könnte ich also sterben?“, rief der Mann. „Muss ich hier auf Paprikachips herum trampeln?“
Melanie schrie keine Antwort darauf, sondern gab Gas.
„Wo kann ich denn mal nach ihrer Hupe sehen?“, fragte der Mann ruhiger, nachdem er auf den Aus-Knopf des CD-Players gedrückt hatte.
Melanie warf einen kurzen Blick hinüber, und was sie sah, ließ ihre Zweifel verschwinden. Sie kriegte keinen Ton raus.
„Am besten im Café an der Ecke“, sagte der Polizist. „Ich lade sie auf Kaffee und Kuchen ein, während ich ihre Hupe repariere.“
„Nur keinen Kuchen. Ich esse immer so viel, wenn ich gefrustet bin.“
Der Blick, der an ihr herunter glitt, sprach Bände.
„Sind sie jetzt gefrustet?“
Melanie sah ihn sich noch genauer an. „Eigentlich nicht“, stellte sie fest. „Jetzt jedenfalls nicht mehr.“
„Gut, wir bauen ihre Hupe aus und ich repariere sie auf der Tischdecke“, schlug er vor. „Dann sind wir länger beieinander.“
In diesem Moment kam Hermann vorbei, ihr Ex, den sie vor zwei Jahren verlassen hatte, weil sie sich zu dick geworden war und insgeheim mit seinem Fremdgehen rechnete. Er hatte längst eine andere, schlankere. aber sie war immer noch nicht fündig, aber dafür „pfündig“ geworden.
Hermann lächelte immer höhnisch, wenn er sie mal wieder unbemannt sah.
Hermann lief dort, wo keine Sonne einen Spiegel auf die Seitenscheibe warf. Er sah zu Melanie hinüber, weil er den Wagen kannte, und er winkte. Melanie beugte sich nach vorn, um seinen Blick länger genießen zu können. Sein Gesicht drückte Achtung aus, und ihr Busen hupte wieder.
„Entweder“, sagte der Mann neben ihr, „entweder hupen sie nach Männern oder sie wollten noch einmal ihre Hupe testen.“
„Beides“, sagte Melanie. „Ich teste Männer, ob sie auf mein Hupen reagieren“, rief Melanie selbstironisch. Nein, in Wirklichkeit hatte sie die Abwrackprämie genutzt und sich mehr als ein kleines Auto nicht leisten können.
Melanie kriegte ihr Fahrzeug kaum eingeparkt, als sie beim Café waren, so aufgeregt war sie. Die verchromte Felge knirschte schrecklich am Kantstein entlang.
Wegener hatte Chips an der Hose, als er ausstieg. Weil er sich auf die Chips gesetzt hatte, die auf dem Beifahrersitz gelegen hatten. Melanie huschte hinter ihn und putzte an seiner Hose herum. Wegener sah, was da auf die Straße fiel und schwieg dazu.
„Sie machen mir einen recht unsicheren Eindruck“, fand der Hauptkommissar, als sie sich am Tisch gegenüber saßen. „Wenn ich das so sagen darf.“
„Lassen sie nur alles raus, was ihnen einfällt“, forderte Melanie.
„Ihre Körpermaße und das kleine Auto bilden zusammen eine verkehrsgefährdende Einheit. Ich sage das als Polizist und nicht als Mann. Entweder kaufen sie sich ein größeres Auto oder sie nehmen ab.“
„Und was sagen sie als Mann?“
„Dass sie nicht mehr so gefrustet sein, dadurch weniger essen und hinter das Lenkrad passen sollten.“
„Als Verkehrsteilnehmerin sage ich dazu, dass das Auto noch gepasst hat, als ich es bekam. Ich wachse, aber der Wagen wächst nicht mit.“
„Und als Frau?“
„Dass ich nur deshalb gefrustet bin, weil bei mir nichts mehr klappt. Je dicker ich werde, desto weniger traut man mir zu, und je mitleidiger die Blicke werden, desto gefrusteter bin ich.“
„Wollen sie einen Personal Trainer?“
„Ja, aber nur einen.“
„Welchen?“
„Sie“, sagte Melanie und legte ihre breite Pfote auf seine Pianistenfinger.
---
© Jürgen Berndt-Lüders
Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos
