Mitte Februar 1990 einigten sich Michail Gorbatschow und Helmut Kohl auf die baldige Währungsunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik.

Skeptiker im Westen befürchteten, ein solcher Zusammenschluss zwischen einer staats- und einer marktwirtschaftlich geführten Volkswirtschaft könne nur zu Lasten ersterer geschehen. Im Osten fühlten sich jene Kräfte ignoriert, welche die friedliche Revolution in der DDR erst herbei geführt hatten.

Der durchschnittliche DDR-Bürger, der Souverän freier Wahlen, hatte seine Kenntnisse über die Soziale Marktwirtschaft hauptsächlich durch szenarische Darstellungen aus dem West- Fernsehen. Man glaubte, es könne alles so weiter gehen wie bisher, nur dass der Lohn in Zukunft in DM und nicht mehr in Mark der DDR ausgezahlt würde. Fehlendes Know-How in den Betrieben würde eine verantwortungsvoll geführte Bundesregierung mit Sicherheit über entsprechendes Fachpersonal aus dem Westen vermitteln können.

Kritikern im Osten, die eher eine Reform des Sozialismus gefordert und die Massen überhaupt erst mobilisiert hatten, wurden durch die Übermacht der Beitritts- bzw. DM-Willigen mental förmlich überrollt und zum Schweigen gebracht.

Kritikpunkt politisch interessierter Kreise in der DDR am herrschenden System war ja nicht der gewesen, dass man die Idee des Sozialismus hätte abschaffen und durch eine kapitalistisch geprägte Ellenbogengesellschaft ersetzen wollen. Der Widerspruch zwischen den stereotyp gepredigten und mit Gewalt durchgesetzten Thesen (durch Mauerbau, Schießbefehl) einer Ideologie des 19. Jahrhunderts und den zeitgemäßen Gegebenheiten sei zu überwinden, so glaubte man. Die Herrschaft der Funktionäre, die sich am Volkseigentum bedienten und ihre Macht zum eigenen Vorteil nutzen, sei zu durchbrechen.

Der ursprüngliche Gedanke des Sozialismus, die Freiheit und Gleichheit aller Bürger, sei wieder anzustreben.

Genau dies bestätigte der heutige Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Matthias Platzek erst kürzlich.

Kohl wiederum, Vertreter einer idealisierten Marktwirtschaft, glaubte fest an die Möglichkeit des gemeinsamen Wirkens aller konstruktiven Kräfte in Ost und West. Als er am 1. Juli 1990, am Tag der Einführung der D-Mark in die noch existierende DDR, seine berühmte Rede über die zu erwartenden „Blühenden Landschaften“ im Fernsehen hielt, war ihm mit Sicherheit nicht klar, dass die realen Prägungen in den Köpfen aller Beteiligten nicht überein stimmten.

Statt dass Fachleute aus dem Westen die Betriebe im Osten in Schwung brachten, wurden diese häufig zerschlagen und oft in Bruchstücken an die Konkurrenz im Westen verkauft. Unproduktive Arbeitsplätze wurden nicht produktiver gemacht, sondern abgeschafft.

Der DDR-Bürger, der einst gelernt hatte, der Staat sei dazu da, für alle zu sorgen, erlebte nun, dass es nur einen gab, der sich um seine Belange zu kümmern hatte:

Ihn selber.

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© Jürgen Berndt-Lüders