Vor vielen, vielen Jahren lebten auf einer großen grünen Wiese viele rosafarbene Käfer mit grünen Füßen. Sie waren dort zu Hause, hatten dort ihre Familien und fühlten sich sehr wohl.Doch leider lebten sie mit einem Handicap.
Denn des Nachts, wenn es kühler wurde, versteiften sich ihre Gliedmaßen und sie wurden bewegungsunfähig. Das war des öfteren sehr hinderlich, denn wenn sie nicht rechtzeitig in ihren Blätterhöhlen waren, wurden sie schon mal von den Vögeln aufgepickt. So kam es, das des nachts regelmäßig ein Kreischen und Flattern über der Wiese wahrzunehmen war.
Eines Tages jedoch, erblickte ein kleiner Käfer das Licht der Welt, der etwas ganz besonderes an sich hatte. Er konnte, unverständlicher Weise, sich auch in der Kühle der Nacht bewegen. Die anderen rosafarbenen Käfer waren sehr ertaunt über dieses Phänomenen, andere wurden ziemlich neidísch darauf. Doch der Neid verging ihnen, als sie sahen, was der Kleine daraufhin Nacht für Nacht machen mußte. Die Älteren unter ihnen kommandierten den kleinen Käfer ab zum Wasser holen für sein Käfervolk. Nun muß man dazu allerdings wissen, das die Käfer nachts sehr durstig waren, doch da sie sich ja nicht fortbewegen konnten,war es für sie unmöglich sich etwas zu trinken zu holen. Es fiel ihnen recht schwer den Durst auszuhalten.
So mußte nun der kleine Käfer Nacht für Nacht Wasser holen, um es seinen Artgenossen zu bringen. Dazu zog er ein großes Kastanienblatt hinter sich her, gefüllt mit kühlem, klaren Wasser. Er zog es von Höhle zu Höhle, um die anderen Käfer ihren Durst stillen zu lassen. Der Kleine machte es gerne, doch auch manchmal kam der Wunsch hoch, so "normal" zu sein, wie die anderen Käfer. Manchmal verließen ihn auch seine Kräfte, denn es war doch sehr anstrengend. So schlief er am Tage und des Nachts zog er über die große Wiese.
Doch eines Nachts ,als er aufstand um seinen kameradschaftlichen Dienst zu beginnen, bemerkte er eine ungewöhnliche Stille, die über der Wiese lag. Der kleine Käfer zog los zu der Wasserstelle, füllte sein Blatt und zog es zu der ersten Höhle. Doch es war kein Käfer da. Verwundert darüber maschierte der kleine Kerl tapfer weiter bis zur nächsten Käferbehausung. Auch dort traf er niemanden an. Dem grünfüßigen Käfer wurde es jetzt so langsam unheimlich und als auch in der dritten Höhle niemand anzutreffen war, kullerten ihm vor Traurigkeit die Tränen über sein rosafarbenes Gesicht. Voller Sorge machte er sich wieder auf den Weg zu seiner Höhle. Weiterschauen mochte er nicht, aufgrund der Stille war er sich sicher, dass kein Käfer mehr dort war, wo er eigentlich hätte sein sollen. Doch wo waren sie alle hin? Der kleine Kerl konnte sich keinen Reim darauf machen. So saß er dann bald in seinem Zuhause und weinte, das es einem das Herz zerbrach. Doch die Tränen, die er weinte, wurden zu kleinen Perlen, kleinen, glitzernden Kügelchen. Sie rollten an ihm herab und sammelten sich auf dem Boden. Da fiel dem Käfer wieder eine Sage ein, die ihm früher oft von seinen Käfergroßeltern erzählt wurde. Es hieß das alle nachts geweinten Tränen der roafarbenen Käfer sich zu Perlen verwandeln würden. Doch nur, wenn die Käfer auch nachts Flüssigkeitzu sich nahmen. Da es jedoch in den letzten Generationen noch nie vorkahm, das die Käfer nachts ihren Durst löschen konnten, hat auch noch niemand das Ereigniss der perlenden Tränen sehen können.
Der kleine Käfer dachte darüber nach und beschloß sich ein wenig in der Umgebung umzusehen und nach eventuellen Spuren zu schauen.
Er kroch über die Wiese, den Bick starr auf den Boden gerichtet. Er war eifrig dabei und vergaß auch nicht an den Grashalmen und unter den Steinen zu schauen, so dass sich sein Fleiß bald bezahlt machte.
Er sah einige silbrigfarbene, kleine Perlen auf dem Boden liegen, suchte daraufhin die Umgebung nach weiteren ab. Ein Stückchen weiter bemerkte er wieder etwas glänzendes. Er kroch darauf zu, nahm die Spur auf und verfolgte sie weiter. Und so kam es, das der kleine Käfer nun von Perlen zu Perlen kroch, die ihm die Spur wiesen.
Es war ein langer Weg und er war erschüttert über soviele Perlen, bedeutete es doch, das seine Käferfamilie viel Leid erdulden mußte, denn viele Tränenn wurden geweint.
Plötzlich traf er auf einen weiteren, gut versteckten Käfer unter einer Baumrinde. Der Kleine freute sich sehr, einen Artgenossen zu treffen, der, auch wenn noch starr vor Kälte, ihm sagen konnte was geschehen war. Doch der Alte konnte ihm nur von einer Panik berichten, die sich unter den Käfern ausbreitete, den genauen Grund kannte er auch nicht. Viele Käfer versteckten sich, seien also noch da, doch auch sehr viele andere verschwanden einfach.
Der kleine Käfer beschloss seine Suche nach den Vermissten fortzusetzen, doch konnten der Alte, sowie auch die anderen versteckten Käfer ihm nicht behilflich sein, da sie auf die Sonne warten mußten, um sich wieder bewegen zu können. Somit machte sich der Kleine wieder auf den Weg, nicht wissend, wohin er ihn bringen würde.
Schon bald brach die Sonne aus der Nacht hervor, als der kleine Käfer zu einem kleinen, aus Stein gemauertem Haus kam. Er kroch an der Wand empor um durch das Fenster schauen zu können. Was er dort erblickte, ließ ihn den Atem stocken. Auf quadratmeter großen Wänden sah er seine Käferfamilie. Einer nach dem anderen, Käfer an Käfer reihte sich auf diesen großen Platten, so daß es aussah wie nebeneinander gelegte Knöpfe.
Und in jedem Käfer steckte etwas, das aussah wie eine lange, spitze Nadel. Er konnte die Perlen sehen, die sich wie ein silberfarbenes Meer am Boden ausbreiteten.
Wieviele Tränen sind hier geflossen, wieviel Traurigkeit befand sich in diesem Haus? Der kleine Käfer schluckte, wußte er doch nur zu gut, das er auf das Haus des Käfersammlers gestoßen war. Ein immerwährender Alptraum für die Käfer. Der Käfersammler kam des nachts, wenn alle starr waren, auf die Wiese, um nach den rosafarbenen Käfern mit den grünen Füßen zu suchen und sie zu studienzwecken mitzunehmen. Schon des öfteren waren Käfer aus ihren Reihen verschwunden und ein jeder wußte, der Sammler hatte wieder zugeschlagen.
Ja, ein einfaches Leben hatten die Käfer wirklich nicht.
Der kleine Käfer war verzweifelt, was sollte er tun? Hatte ihn die perlenbesetzte Spur nur hergeführt, um ihm so etwas schreckliches zu zeigen? Er konnte es nicht glauben.
Wie lange er dort am Fenster verharrte, konnte er nicht beurteilen, doch hörte er nun ein durchdringendes, raschelndes Geräusch. Er wußte was es zu bedeuten hatte, die übrigen Käfer kamen, ihm beizustehen und Hilfe zu geben. Die Sonne stand jetzt hoch oben am Himmel und die Käfer, gewärmt von ihren Strahlen, maschierten zielstrebig und schnell auf das Haus der Sammlers zu.Dem kleinen Käfer wurde warm ums Herz, es war ein gutes Gefühl zu wissen, das seine Familie zusammenhielt.
Der Kleine nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung war, oder spielte ihm nur das Licht einen Streich? Er blinzelte, und konnte seinen Augen kaum trauen. Durch die Fensterscheibe sah er wie die Käfer auf den Platten anfingen sich zu bewegen. Also waren sie doch nicht aufgepikst, wie zuerst befürchtet, nein, sie waren in ihrer Starre nur festgeklammert worden.
Der kleine Käfer suchte die Mauer nach einem Spalt, einer Ritze ab und wurde bald fündig. Kurzentschlossen sammelte er seine verbliebende Käferfamilie um sich und führte sie durch den Spalt in diesen Unglück bringenden Raum hinein. Ein jeder trat auf die Platten zu und gemeinsam zogen sie die Klammern von den befestigten Käferkameraden, bis sich wirklich wieder alle frei bewegen konnten. Es war ein großes Ereigniss, ein absolut freudiges durcheinander Krabbeln. Angst vor dem Sammler hatten sie nicht, denn wer nachts Käfer sammelte, schlief am Tage.
In einer langen Karavane krabbelten nun alle Käfer in Reih und Glied durch den Spalt ins Freie, wärmten sich an den Strahlen der Sonne und zogen zurück zur Wiese. Es war ein schöner Anblick, so viele rosafarbene Käfer mit grünen Füßen maschieren zu sehen. Sie freuten sich auf ihre Wiese und waren überglücklich am Ende des Tages dort angekommen zu sein.
Sie versammelten sich um ein Feuer, das sie entzündeten und der kleine Käfer mußte ausführlich erzählen, auf welche unglaubliche Art und Weise er den Weg zu den vermissten Käfern gefunden hatte. Alle waren überrascht, als sie hörten, dass die Sage von den perlenden Tränen tatsächlich der Wahrheit entsprach und dankbar darüber, dass der kleine Held nicht aufgegeben hatte, sie zu suchen.
Und an genau diesem Abend fassten sie einen gemeinsamen Entschluss: Von diesem Abend an würden sie jede Nacht kleine Feuer entzünden, an denen sie sich wärmen konnten, um niemals wieder in diese Unglück bringende Starre zu verfallen.
Und manchmal, wenn man in einer kühlen Nacht über eine Wiese schaut und einen kleinen, hellen Schein bemerkt, kann es durchaus sein, dass es eines der Feuer der kleinen, rosafarbenen Käfern mit den grünen Füßen ist.
ENDE
Die perlenden Tränen
Meiner Phantasie entspringend....
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