Die Quelle des Lachens

Leno war ein Junge, dem es schwerfiel, die Welt, die Menschen und das Leben ernst zu nehmen.
Seit seiner frühesten Kindheit lachte er über vieles, was er entdeckte und erlebte, auch über sich selbst, wenn er zum Beispiel bei seinen ersten Gehversuchen auf den Bauch fiel. " Welch ein heiteres Kind!" sagten die Freunde und Nachbarn seiner Eltern. "Da hat das Schicksal euch eine wahre Frohnatur ins Haus geschickt."
"Das wird sich mit der Zeit schon legen", pflegten seine Eltern zu antworten." "Spätestens wenn er zur Schule gehen muß, wird er feststellen, daß vieles im Leben überhaupt nicht lustig ist."
Doch sie täuschten sich, denn auch der Schulunterricht war in Lenos Augen manchmal überaus komisch, und immer wieder fiel er seinen Lehrern dadurch unangenehm auf, daß er plötzlich ohne erkennbaren Grund zu kichern oder zu lachen anfing. Auf ihre Fragen, worüber er sich so amüsiere, bekamen sie von ihm meist nur ein noch lauteres Gelächter zur Antwort, was einige von ihnen so sehr verärgerte , daß sie sich bei seiner Klassenlehrerin über seinen Mangel an Ernsthaftigkeit und Respekt beschwerten.
Seine schulischen Leistungen ließen allerdings nichts zu wünschen übrig. Leno besaß eine schnelle Auffassungsgabe. Das Wissen, das viele seiner Mitschüler sich hart erarbeiten mußten, flog ihm zu. In fast allen Fächern zählte er zu den besten Schülern seiner Klasse, so daß seine Klassenlehrerin den Beschwerden ihren Lehrerkollegen entgegenhalten konnte, daß er einer der klügsten und begabtesten Schüler sei und sie seine aprupten Lachanfälle am besten ingnorieren sollten. Sie seien wohl Ausdruck seines kindlichen Übermutes, der mit der Zeit schon verfliegen werde, spätestens wenn er das Gymnasium besuchen würde, was angesichts seiner Fähigkeiten so sicher sei wie das Amen in der Kirche.
Doch auch als er mit zehn Jahren auf das städtische Gymnasium überwechselte, verminderte sich Lenos Lachlust in keiner Weise, und obwohl der Lehrstoff von Jahr zu Jahr schwieriger wurde, eignete er sich ihn auf unerklärlich leichte Weise an und war nach wie vor einer der besten Schüler seiner Klasse.
Seine spontanen Heiterkeitsausbrüche während des Unterrichts befremdeten allerdings auch hier seine Lehrer und störten seine Mitschüler, etwa wenn er ihre Konzentration beim Schreiben einer Klassenarbeit mit einem Lachanfall aus dem Gleichgewicht brachte.
Als sich die Beschwerden über Lenos ungewöhnliches Verhalten häuften, wurde es zum Gegenstand einer Lehrerkonferenz.
"Warum lacht dieser Junge so oft?" fragte der Direktor Lenos Klassenlehrerin.
"Ja, das ist schwer zu sagen. Ich habe mich öfter nach dem Unterricht mit ihm unterhalten, aber ich werde nicht schlau aus ihm. Ihm scheint die innere Schwerkraft zu fehlen, die unsere anderen Schüler am Boden hält. Manchmal erscheint er mir wie ein Vogel, der sich in die Lüfte aufschwingt und von oben auf das Leben hinunterblickt, und ich vermute, daß er aus dieser Perspektive vieles als komisch und lustig empfindet, was uns nicht so erscheint."
"Seltsam", sagte der Direktor," wir hatten noch nie einen Schüler an unserer Anstalt, bei dem so gute schulische Leistungen mit einem so eklatanten Mangel an Ernsthaftigkeit gepaart waren. Was sollen wir mit ihm machen?"
"Ich habe ihn schon öfter ermahnt und ihn aufgefordert, seine Lachanfälle zu unterdrücken", erwiderte der Englischlehrer," aber er hat mir in perfektem Englisch geantwortet, daß er nicht dazu in der Lage sei. Wenn er nicht so intelligent wäre, würde ich annehmen, daß etwas in seinem Oberstübchen nicht stimmt. Ich dachte anfangs, daß er uns mit seinem Verhalten ärgern oder provosieren will, aber inzwischen bin ich mir sicher, daß keine böse Absicht hinter seinem Gelächter steckt. Er kann einfach nicht anders."
"Gut, er kann nicht anders", wiederholte der Direktor, "aber was machen wir mit ihm?"
"Wir müssen mit seinem Verhalten leben", schlug Lenos Klassenlehrerin vor, "auch wenn wir es des öfteren als störend empfinden. Wir können ja kaum einen unserer besten Schüler, der sich ansonsten untadelig verhält und bei seinen Klassenkameraden beliebt ist, wegen unverständlicher Lachanfälle von der Schule verweisen!"
"Das können wir in der Tat nicht", gab der Direktor ihr recht. "Also gut, lassen wir ihn lachen, wenn er nicht anders kann, und gewöhnen uns daran. Die Jugend hat ein gewisses Recht auf Übermut. Mit zunehmender Reife wird sich sein korioses Verhalten schon ändern. Spätestens, wenn er die Universität besucht, wird er den nötigen Ernst entwickeln müssen, um nicht zu scheitern. Bis dahin gewähren wir ihm eine Schonfrist!"

Doch auch an der Universität verging Leno das Lachen nicht. Ohne erkennbaren Anlaß platzte sein Gelächter in das allgemeine Schweigen im Seminarraum nach der Frage des jungen Dozenten Morial, worin der höchste Wert der schönen Literatur bestehe - eine Frage, die kein Student beantworten konnte oder wollte.
"Finden Se meine Frage lustig?" fragte ihn der Dozent.
"Nein, mich hat das betretene Schweigen, das ihr folgte, zum Lachen gereizt", war Lenos Antwort.
"Aha", sagte Morial und unterdrückte ein Schmunzeln. "Können Sie denn meine Frage beantworten?"
"Nein, leider nicht. Wenn ich lachen muß, kann ich nicht denken."
Das ist verständlich", sagte der Dozent schmunzelnd und bat Leno, nach der Beendigung des Seminars auf seinem Platz zu bleiben.
"Ich möchte Sie etwas fragen", eröffnete der Dozent das Gespräch, nachdem die anderen Studenten gegangen waren.
"Schon zu Beginn meines Seminars sind Sie mir durch ihre klugen Gesprächsbeiträge aufgefallen, die ein eigenständiges und oft verblüffend treffsicheres Denken offenbaren. Andererseits lassen ihr Gesichtsausdruck und ihre gelegentheitlichen Lachanfälle den Eindruck entstehen, daß Sie ihr Studium nicht besonders Ernst nehmen. Können Sie mir diesen Widerspruch erklären?"
"Für mich ist es keiner", antwortete Leno."Mich interessiert die Literatur, denn sie ist Ausdruck des Lebens. Und das Leben fasziniert mich, denn es ist voller Komik, und ich lache gern. So war ich schon immer."
Morial lächelte."Mir gefälltes, wenn jemand den Mut hat, schallend zu lachen, wenn alles um ihn herum in Ernst erstarrt."
"Ich brauche keinen Mut dazu. Es überkommt mich mit unwiderstehlicher Macht-und oft ist es gerade der Ernst der Menschen, der mich zum Lachen reizt. Der Ernst hat etwas ungeheuer Komisches-nicht immer, aber immer dann, wenn er nicht nötig ist, und das ist sehr oft der Fall."
"Ich glaube zu verstehen, was sie meinen, aber Sie können nicht von jedem Hochschullehrer dieses Verständnis erwarten. Es gibt hier einige Professoren, die es nicht tolerieren werden, wenn Sie während ihrer Vorlesungen in schallendes Gelächter ausbrechen. Wenn Sie also Ihr Studium erfolgreich abschließen wollen, sollten Sie sich von einem Mann prüfen lassen, der fähig ist, Ihre Persönlichkeit zu verstehen. Ich empfehle Ihnen, sich an Professor Thalenus zu halten. Ich habe selbst bei ihm studiert und weiß daher, daß er über die nötige Souveränität und den erforderlichen Humor verfügt, um einem Studenten wie ihnen gerecht zu werden."
"Ich danke Ihnen für Ihren Rat und werde ihn befolgen."
Der Dozent nickte zufrieden."Welchen Beruf wollen Sie nach Ihrem Examen ergreifen?"
"Ich habe nicht die geringste Ahnung", antwortete Leno. "Lebensplanung ist nicht meine Sache. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart und lasse die Dinge auf mich zukommen, nach dem Motto: Überquere die Brücke, wenn du vor ihr stehst."
Der Dozent zog etwas besorgt die Stirn in Falten und schob unwillkürlich die Unterlippe vor, was seinem Gesicht einen so drolligen Ausdruck verlieh, daß es Leno nur mit Mühe gelang, ein Auflachen zu unterdrücken.

Professor Thalenus, ein lebenslustiger Gelehrter mit gütigem Gesichtsausdruck und grauem Vollbart, war von der Art, mit welch ansteckender Heiterkeit Leno sein Magisterexamen absolvierte, so beeindruckt, daß er ihn nach bestandener Prüfung kurzentschlossen zum Mittagessen einlud."Ich habe in meinem Leben schon viele studenten geprüft, aber noch nie war einer so frei von Angst und Nervosität, so heiter wie Sie. Sie haben meine Neugier erweckt. Woher nehmen Sie Ihren außergewöhnlichen Frohsinn?" fragte Thalenus, als sie gemeinsam in einem Gasthaus saßen.
"Er wurde mir in die Wiege gelegt."
"Sie Glücklicher-verlieren Sie ihn nie!"
"Ich glaube, er ist unverlierbar. Er gehört zu mir wie die Farbe meiner Augen."
"Gut, nun sind Sie Magister in Literatur. Wie stellen Sie sich Ihren weiteren Lebensweg vor? Wollen Sie Lehrer oder vielleicht Dzent werden?"
Leno schüttelte den Kopf."Ich glaube, dazu mangelt es mir an der nötigen Ernsthaftigkeit."
Thalenus mußte lachen." Ich fürchte, ich kann Ihnen da nicht widersprechen. Ich fürchte allerdings auch, daß Sie prinzipielle Schwierigkeiten im Berufsleben haben werden, denn im Grunde erfordert jeder Beruf ein gewisses Maß an Ernsthaftigkeit."
"Vielleicht sollte ich mich als Clown versuchen?"
"Ein begabter ausgebildeter Akademiker als Clown-ich weiß nicht. Steht Ihnen denn nicht der Sinn nach Höherem?
Fühlen Sie sich zu nichts berufen?"
"Ich verspüre oft den drang, meine Mitmenschen aus dem Gefängnis des unnötigen Ernstes zu befreien. Aber das ist wohl keine Berufung."
"Doch", widersprach Thalenus, "es ist sogar eine edle Berufung! Sie offenbart Mitgefühl und dient eine gute Sache, denn Lachen ist erwiesenermaßen gesund für Leib und Seele. Sie sollten Ihre Berufung zum Beruf machen! Von irgendwas müssen Sie schließlich leben! Geben Sie den allzu Ernsten Gründe zu lachen und lassen Sie sich dafür bezahlen. Es ist eine noble hochachtbare Dienstleistung. Satteln Sie um vom Magister der Literatur zum Meister des Lachens und geben Sie Privatunterricht!"
"Soweit ich weiß, gibt es diesen Beruf nicht."
Der Professor hob seinen Zeigefinger."Noch nicht, mein lieber Leno, aber Sie werden ihn ins Leben rufen. Sie wissen doch: Was man braucht und nicht findet, muß man erfinden. Ich werde Ihnen dabei helfen. Ich kenne eine Reihe von Menschen, die sich eine zu starre, humorlose Sicht des Lebens angewöhnt haben und dringend eine Gemütsauflockerung und Geistesaufhellung brauchen. Bei Ihnen wären sie in besten Händen."
"Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll", sagte Leno.
"Sie haben mir schon gedankt-durch Ihre ebenso geistreichen wie vergnüglichen Antworten auf meine Fragen im heutigem Examen. Ich habe in meiner ganzen Laufbahn noch nie erlebt, daß einer meiner Magisterkandidaten die gesamte Prüfungskommission mehrmals zum Lachen gebracht hat. Ihre Art, das Leben zu betrachten, ist von einer ansteckenden Heiterkeit-ein Virus, mein lieber Leno, den die Welt dringend braucht!"

Wenige Tage später stand Lenos erster Kund vor der Tür seiner habseligen Bleibe-ein vornehm gekleideter,nahezu kahlköpfiger Mann mittleren Alters mit leicht gebeutem Kopf, dessen Lebensfreude ebenso offentsichlich von ihm abgefallen war wie seine Haare. Er überspielte seine Unsicherheitmit einem sachlichen Auftreten und nahm mit steifen Bewegungen auf dem kleinen Sessel Platz, den Leno ihm angeboten hatte.
"Mein Name ist Meleton", stellte Lenos Gast sich vor.
"Ich bin Geschäftsmann. Mein Freund Professor Thalenus hat mich zu Ihnen geschickt. Ich weiß, daß ich schon lange unter chronischem Trübsinn leide und hat mir gesagt, daß Sie eine Marmorstatue zum Lachen bringen können.2
"Er hat maßlos übertrieben. Es gelingt mir nur einfach nicht, dem Leben gegenüber eine ernsthafte Haltung einzunehmen."
" Ich fühle mich schon seit Jahren wie eine Statue, in fragwürdigen Kompromissen und gewohnheiten erstarrt, über und über vom Staub der Alltagsroutine bedeckt. Ich lebe mein Leben schon lange nicht mehr, ich trage es nur noch wie einen schweren Rucksack mit mir umher."
"Was ist in Ihren Rucksack?"
"Meine Enttäuschungen, vergeblichen Hoffnungen und unerfüllten Sehnsüchte. Meine verlorene Jugend, meine verschollenen Träume. Meine leblosen Gewohnheiten, meine tagtägliche Freudlosigkeit und Schwermut. Ich bin ein reicher Mann, der sich alles kaufen kann, was er begehrt. Aber was nützt es mir, wenn ich mich über nichts mehr wirklich freuen kann?"
"Nehmen Sie schleunigst Ihren Rucksack ab, lassen Sie ihn zu Boden fallen und lachen Sie darüber, daß Sie so dumm waren, ihn so lange zu schleppen."
"Offen gesagt, ich finde das nicht lustig."
Leno lachte auf."Ich schon! Was Sie wirklich im Leben brauchen, hat Platz in Ihren Jackentaschen. Wer sich selbst zum Gepäckträger seiner Vergangenheit macht, darf sich nicht wundern, wenn er keine Gegenwart mehr hat und deshalb schwermütig wird. Die Quelle der Freude, die Quelle des Lachens liegt allein in der Gegenwart, darin sind sich die Weisen aller zeiten einig. Und man findet diese Quelle nur mit leichtfüßigem Gang. Also werfen Sie Ihre Lasten ab! Wollen Sie ein Gepäckträger Ihrer Vergangenheit bleiben oder unbeschwert der Gegenwart begegnen?"
Lenos Besucher verzog den Mund, während gleichzeitig eine tiefe Falte äußerster Nachdenklichkeit auf seiner Stirn erschien, was seinem Gesicht einen so komischen Ausdruck verlieh, daß Leno ebenso schallend wie ausgiebig zu lachen begann.
Meleton sah ihn erst mit Befremdung und schließlich mit wachsender Ratlosigkeit an.
Plötzlich zuckten seine Mundwinkel unwillkürlich, er begann zu lächeln-und unverhofft drangen aus seiner Kehle Laute, die am Anfang zwar nur entfernt an ein Lachen erinnerten, doch sich nach und nach in ein wahres Gelächter hineinsteigerten, das sich mit lenos vermischte.
"Das ist unglaublich! Wie machen Sie das?" sagte Meleton, rang nach Luft und wischte sich die Tränen aus den Augen."Ich habe zum ersten Mal seit Jahren wieder herzhaft und ausgelassen gelacht- und ich fühle mich wie neugeboren!
Ich bin Thalenus dankbar, daß er mich zu Ihnen geschickt hat, sehr dankbar. Er sagte mir, daß Sie es Ihren Kunden überlassen, die Höhe Ihres Honorars zu bestimmen. Sie sind eine Koryphäe auf Ihrem Gebiet und verdienen eine entsprechende Entlohnung."
Meleton zog seine prallgefüllte Brieftasche aus seiner Jackentasche und legte eine Summe auf den Tisch, die so hoch war, daß Leno erneut von einem Lachanfall ergriffen wurde.
Und wieder konnte Meleton der geballten Ansteckungskraft dieses Lachens nicht widerstehen, in dem der ganze Witz des Lebens konzentriert schien.
"Darf ich nächste Woche um dieselbe Zeit wiederkommen?" fragte er und stand auf "Ich würde Ihre Dienste gern regelmäßig in Anspruch nehmen. Ihre Gesellschaft belebt und erheitert mich auf wundersame Weise", erklärte er, gab Leno die Hand und ging zur Tür, mit leichtem Schritt und erhobenen Kopf. Bevor er seine Hand auf die Klinke legte, drehte er sich um und sagte." Ich werde Sie wärmsten empfehlen, junger Mann, wenn es Ihnen recht ist. Sie sind ein segensreiches Licht in der Finsternis der Welt."


Hans Kruppa