Weihnachtsgeschichten gibt es viele. Bekannte und weniger bekannte. Zuckersüße, traurige und richtig zu Herzen gehende. Sie füllen Bibliotheken und flimmern alle Jahre wieder schon Wochen vor Weihnachten in unzähligen Verfilmungen über die Fernsehbildschirme. Manche sind wahr, andere wiederum lediglich der Fantasie eines Dichters entsprungen.

So manche Familie hat aber ihre ganz eigene, wahre Weihnachtsgeschichte. Spätestens dann, wenn sie wieder einmal zu Familienfeiern oder anderen Gelegenheiten erzählt wird, rührt sie dann immer noch alle lebenden Beteiligten zu Tränen. Auch in unserer Familie gibt es so eine Geschichte.

Sie handelt vom Heiligen Abend des Jahres 1931. Damals wurde Adolf, das „Christkind“ der Familie Klein, geboren.

Onkel Adolf hat so gar nichts mit seinem Namensvetter gemein. Addi ist eine Seele von einem Menschen, sanft, gutmütig und voller Liebe. So begleitete er mich durch meine Kindheit und auch durch mein späteres Erwachsenenleben. Ja, ich kann schon sagen, er ist mein Lieblingsonkel. Jedes Jahr freue ich mich darauf, an seinem Tisch und im Kreise seiner Lieben den ersten Weihnachtstag verbringen zu dürfen.   

 

Doch zurück zu jenem 24. Dezember des Jahres 1931. Schnee lag über dem kleinen, damals noch ärmlichen Dorf hoch über den Höhen Triers. Es war so frostig, dass selbst der Dorfbrunnen in der Ortsmitte zufror und das Wäsche waschen schon Tage vor dem Fest fast unmöglich machte. Im Hause Klein ging es in diesem Jahr besonders geschäftig zu. Außerdem konnte es bei meiner Großmutter stündlich so weit sein. Ihr achter Spross, der kleine Adolf, wollte partout – und das ahnte sie schon seit Tagen – ein „Christkind“ werden. Noch war aber viel zu tun. Weihnachten und die Bescherung der Kinderschar durfte doch in diesem Jahr auf keinen Fall ausfallen!  

 

Schon Wochen vor dem Fest wurde gestrickt, genäht und gebacken. Die Zeiten waren schlecht und Spielsachen gab es für die Kinder der Familie so gut wie nie. Man freute sich über eine Apfelsinne, einen Bratapfel, neue Strickstrümpfe und natürlich über reichlich selbst gebackenes Naschwerk. Wobei selbst das in einem Jahr gestrichen wurde, weil Paul – der Frechste von allen – das heimliche Naschen nicht lassen konnte. Er hatte das Versteck mit der Keksdose meiner Großmutter schon Wochen vor der eigentlichen Bescherung entdeckt und sich in aller Heimlichkeit daran bedient.

Selbst jetzt, er ist längst selbst Großvater, erinnert er sich noch gut an das Donnerwetter das damals über ihn hereinbrach, als seine Schandtat entdeckt wurde. Die Trachtprügel seines Vaters, meines Großvaters, vergaß er nie. 

 

Mein Opa, ein gottesfürchtiger Mann und ein gestrenger aber dennoch gerechter Vater, war vom Schicksal nicht wenig gebeutelt. Seine erste Frau (meine richtige Großmutter) starb, als meine Mutter und zwei ihrer Geschwister noch ganz klein waren. Von meiner Mutter weiß ich, dass sie als kleines Mädchen an ihrem Sterbebett stand und ihre kalte Hand hielt. Es machte ihr Angst, dass ihre Mutter von ihrem nahenden Tod wusste und ihrem Ehemann noch allerletzte Anweisungen gab. So sollte sie und ihre Schwester bei ihrer Beerdigung schwarze Schleifen im Haar tragen.Als sie nach vielen Wochen des Leidens erlöst wurde, stand mein Großvater völlig  hilflos und schwach mit den drei Kleinen, einer Landwirtschaft und einem vernachlässigten Haushalt da.

 

Es war also klar, er musste wieder heiraten und zwar so schnell wie möglich.Die Frau, die ich als ganz kleines Mädchen noch als meine Oma kannte,  war damals mit einem netten Jungen aus der Nachbarschaft verlobt. Ob sie ihn liebte, ist nicht überliefert. Ihr Schicksal wurde aber letztlich von der Familie bestimmt. Und die beschloss einstimmig, dass sie diese Verlobung lösen und den Mann ihrer verstorbenen Schwester heiraten musste. Meinen Großvater! 

 

Überliefert ist allerdings, dass mein Opa und meine Oma eine glückliche und gute Ehe geführt haben mussten. Schließlich kündete sich im Hause Klein fortan jedes Jahr eine Geburt an. So auch am Heiligen Abend in jenem Jahr.Die Hebamme, die meiner Oma bei all’ ihren schwierigen und weniger schwierigen Schwangerschaften beistand, hatte an diesem Tag besonders schlechte Laune: „Hier, heißes Wasser“, pflaumte sie meinen Großvater an und hielt ihm eine Schüssel entgegen. Der Ärmste musste in der eisigen Kälte raus zum Brunnen und sich erstmal durch eine Eisschicht kämpfen.

Die größeren Kinder - allen voran Martha die älteste der Familie - feuerten den Ofen im Hause an, während man meine Großmutter vom Schmerz geplagt erbärmlich wimmern hörte. Mein Opa saß auf der Küchenbank und faselte etwas von einem „Christkind“, das gleich auf die Welt kommen sollte. Die kleinen Kinder suchten Trost bei ihrer großen Schwester Martha, klammerten sich an ihre Kittelschürze. „Was, wo? Das ‚Christkind’ tut unserer Mama so weh und eigentlch kommt es doch erst am frühen Morgen des ersten Weihnachtstages und bringt die Geschenke. Wir müssen doch noch einmal schlafen?“

Martha stimmte mit den Kleinen ein paar Weihnachtslieder an und sorgte schließlich dafür, dass irgendwann alle friedlich aneinander gekuschelt in ihren Betten lagen und vom Christkind träumten. 

 

Erst weit nach Mitternacht wurde meine Großmutter von einem kräftigen, gesunden Jungen entbunden. Die Hebamme, die erschöpft und missmutig meinem Großvater das kleine Bündel hinhielt, machte ihm unmissverständlich klar, dass nach dem Vergnügen – und dabei meinte sie wohl eher das „Vergnügen“ vor exakt neun Monaten – der Liebe Gott  auch die Arbeit gesetzt habe. Während mein Großvater immer noch verzückt seinen jüngsten Spross in den Armen hielt, erteilte sie Befehle: „Hier, die blutigen Laken müssen ausgewaschen werden….“

Mein Großvater legte den kleinen Adolf in seine Wiege, zog Kappe und Mantel vom Haken und eilte mit dem Bettzeug unterm Arm in Richtung Dorfplatz. Der Brunnen plätscherte nur sanft vor sich hin. Doch mein Opa kämpfte sich tapfer durch die grobe Eisschicht. Erst als er wieder Zuhause war, bemerkte er seine blutigen, vom eisigen Wasser aufgeschürften Hände.  

 

Nur noch ein paar Stunden waren es bis zum Morgen des ersten Weihnachtstages. Im Weihnachtszimmer stand der Weihnachtsbaum noch völlig schmucklos da und die Geschenke für die Kinder lagen auch noch nicht auf dem Gabentisch. Bei dem Gedanken wurde ihm wehmütig ums Herz. In diesem Jahr reichte das wenige Geld, das er mit seiner kleinen Landwirtschaft erwirtschaftete und das er sich hin und wieder als Tagelöhner bei betuchteren Leuten verdiente, nicht mal für das Nötigste. Seine Frau hatte aus aufgezogener Wolle ein paar neue Pullover, Schals und Strümpfe gestrickt und Weihnachtsplätzchen gab es in diesem Jahr auch reichlich. Diesmal hatte keiner der Jungen den „Schatz“ meiner Großmutter - die große Vorratsdose mit Backwerk - schon vor dem Fest entdeckt. 

Mein Opa machte sich ans Werk. Schmückte in aller Eile den Baum, stellte die Weihnachtskrippe auf und legte für jedes seiner Kinder ein kleines Geschenk auf den Gabentisch. Für Heinrich, Erwin, Andreas, Paul, Walter und Barbara. Nur an Martha, die älteste in der Familie, hatte in diesem Jahr niemand gedacht…

Mein Opa wäre aber nicht mein Opa gewesen, hätte er nicht doch noch ein Ass im Ärmel gehabt. Da gab es doch diese Pralinenschachtel mit der schönen, scharlachroten Rose. Eine Frau aus der Stadt, der Großvater hin und wieder mit kleinen Reparaturen im Haushalt aushalf, hatte sie achtlos in den Müll geworfen. Opa konnte immer alles gebrauchen, und versteckte die leere Schachtel über viele Wochen in seinem Schuppen. Und fast hätte er sie da auch wieder vergessen – bis zum jenem ereignisreichen 24. Dezember… 

 

Und so kam es, dass sich alle am Weihnachtsmorgen nicht nur über ihre Geschenke, den schönen Baum und über das „echte Christkind“ freuten. Auch meine Tante Martha öffnete eine völlig leere Pralinenschachtel und strahlte dennoch über das ganze Gesicht: „Oh wie schön, da kann ich jetzt meine weißen, mit Spitze umhäkelten Taschentücher aufbewahren!“