Die Tante

oder: wir müssen jetzt gehen

 

Die Tante ist ein liebevoller Mensch. Voller Liebe, sozusagen.

 

Ihren Ehemann vor fünf Jahren verloren, ist es auch für sie lediglich ein langsamer Prozess, sich selbst zu verlieren.

 

Sie, eine einstmals sehr schöne, gepflegte, gebildete Frau liegt nun im Krankenbett und kann sich kaum bewegen. Die Peruecke - eine erste Ausfertigung wurde bereits in den siebziger Jahren angeschafft, da die wunderschönen, vollen, dunkelbraunen Haare ihr nach und nach ausfielen -  liegt auf dem fahrbaren Nachttisch.

Geistig wach, erkennt sie, nachdem die Krankenschwester sie weckt - hierfür nimmt die Schwester den kleinen, oval geschnittenen Kopf der Tante in beide Hände und ruft laut und wiederholt: „Frau N., Sie haben Besuch“ -, die Nichte.

 

Viele Jahre hat sie die Nichte nicht gesehen.

Innerhalb der Familie aeusserte die Verwandtschaft oft, dass die Nichte und die Tante sehr viel Ähnlichkeit miteinander hätten. Auch und insbesondere dem Wesen nach.

 

Und so sieht sie in die Richtung, dort, wo die Nichte steht und lächelt das ihr eigene, und über die vielen Jahrzehnte bewahrte Lächeln, sagt schlicht: „Gabi. Die Gabi kommt mich besuchen. Das ist aber schön. Schoen, dass Du da bist. Ich freue mich“.

 

Die Nichte streichelt der Tante sanft über die Wangen und antwortet ebenso schlicht: „Ich freue mich auch. Sehr sogar. Habe Dir doch versprochen, dass ich Dich besuche und merke gerade, dass ich dieses Versprechen auch mir selbst gegenüber eingelöst habe, weil es mir wichtig ist“, und schildert, dass sie oft vergeblich versucht habe, die Tante im Seniorenheim anzurufen, um mit ihr einen Termin zwecks eines Spazierganges zu vereinbaren und mehrfach auch persönlich dort war, aber zur Antwort erhielt, dass die Tante ‚draußen’ sei.

 

„Egal“, sagt die Tante lächelnd. „ Nun bist Du hier und ich freue mich“. Die Nichte fragt, warum sie gestürzt sei, und ob die OP gut verlaufen sei.

Wieder erhält sie zur Antwort: „Ach, egal. Du bist hier und ich freue mich“.

Sie unterhalten sich über dies und das.

Da fragt die Tante nach ihrer Schwester, der Mutter der Nichte.

 

Das Verhältnis der beiden Schwestern war kein *ganzes*. Vielleicht auch dadurch, dass sie lediglich Halbschwestern waren.

Sie, die Tante, war ein stilles, kleines, in sich gekehrtes Kind. Braune, volle Haare, große, dunkelbraune Augen, die manches Mal in ein geheimnisvolles braun-grün wechselten.

So, wie gerade im Moment.

 

Die Halbschwester der Tante war ein hellblondes, keckes Kind mit hellblauen Augen. Jeder strich der blonden Schwester über den Kopf und lobte sie. Es war die Zeit Adolf Hitler’ s, da war es ein großes Glück, blond, groß und deutsch zu sein.

Die Tante hingegen stand immer im Schatten der Schwester.

Es existiert ein Foto der Schwestern, auf welchem beide Kinder den Fotografen anlächeln. Die Tante blickt still lächelnd, den Mund geschlossen dem Betrachter entgegen, die Mutter mit blitzenden, lebenslustigen Augen, ihre schadhaften Zähne zeigend. Beide Kinder haben die Haare in einer für die Vierziger Jahre typischen Form frisiert. Aber das ist nicht das Einzige, was die beiden miteinander verbindet.

Freundinnen könnten sie sein, beste Freundinnen. Geschwister nicht. Dazu sind sie dem Aeusseren nach zu unterschiedlich. Dennoch fällt einem unvoreingenommenen Betrachter das nicht zu trennende Band auf.

 

Nein, die Nichte kann unmöglich sagen, dass ihre Mutter, die Halbschwester der Tante, bereits vor drei Jahren verstarb. Dass der Vater der Nichte, der mit Boshaftigkeit und Neid jede Beziehung, die die Mutter pflegte, negierte, kleine, beständige Spritzen Gift in die Mutter setzte, nach ihrem Tod seinen Kindern verbat, eine Nachricht an die Tante zu senden, da er über viele Jahre hinweg der Mutter einredete, dass ihre Halbschwester neidisch auf sie sei. Zuhause, wenn sie unter sich waren.

Gleichwohl die Nichte Lügen ablehnt, scheint es ihr ratsam, auf keinen Fall im aktuellen Zustand der Tante ihr die Tatsache des Todes der Schwester mitzuteilen.

Und so sagt sie leichthin (sie hofft, dass es auch leicht bei der Tante ankommt): „Alles beim Alten, Tante Ilse“.

Die Tante lächelt wieder in ihrer ureigenen Sanftmütigkeit, sagt: „Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein.“

Sie meint die Schwester und deren Mann. Mehr braucht sie nicht zu sagen. Denn auch die Mutter der beiden und der Vater der Halbschwester konnten unterschiedlicher nicht sein.

Die Tante und die Nichte nicken einander laechelnd-wissend zu. Es ist ein schöner, inniger Moment, ohne unnötig Gesprochenes einander zu verstehen.

Die Tante ist immer noch schön, stellt die Nichte fest.

 

Der kleine, oval geschnittene Kopf hat nun fast keine Haare mehr. Sie ist eine Greisin. Aber was von diesem ewig zarten Geschöpf ausgeht, ist einfach nur wohltuend. Wenn sie lächelt, schwindet das Greisenhafte, es fällt ab, ist gar nicht mehr vorhanden. Dann sieht man nur noch die ausdrucksvollen Augen und den schön geschwungenen Mund. Aus diesem Mund kam nie Niedertracht, Hass, Verleumdung.

 

Die Schönheit der Tante lässt die Nichte in Sekundenschnelle einen inneren Film ablaufen.

Man ist zu Besuch bei der Tante. Reis mit gefüllten Paprikaschoten bereitet sie besonders gut zu.

Gegessen wird an einem perfekt gedeckten Tisch, auf dem Geschirr, Besteck und Trinkgläser in ebenso perfekter Anordnung auf weißem Leintuch liegen.

Die Gastgeberin, die Tante, ist eine zierliche, schöne Frau. Ihr rückenlanges, dunkles Haar hat sie zu einer Hochfrisur toupiert und gesteckt. Etwa in der Mitte des kunstvollen Haarturmes ist ein schwarzes Satinhaarband.

Sie trägt ein weißes, eng anliegendes Kleid aus einem guten Stoff, welches ihre grazile Erscheinung unterstreicht. Fasziniert ist die Nichte auch vom Schnitt des Kleides, das keine Träger hat, somit die Schulterpartie freigibt, und dem makellosen Oberkörper durch die Schnittführung zusätzlichen Halt gibt.

Für die Sechziger Jahre typisch wird der Brustbereich durch zwei nach oben verlaufende Spitzen betont.

Das ebenmaessige Gesicht ist gekonnt geschminkt, nicht zuviel und nicht zuwenig. Perfekt eben.

Fruehstueck bei Tiffany ’s  oder Paprikaschoten bei Tante Ilse.

 

Maßvolle Perfektion bestimmte das Leben der Tante. Maßlosigkeit und Chaos lehnte sie ab.

Und so mag es Zufall oder Ergebnis maßvoller Planung sein, dass sie, das Stiefkind, eine Tochter zur Welt brachte während ihre Halbschwester sechs Kinder, zwei Jungen und vier Mädchen gebar.

 

Die Nichte streichelt die Schulterpartie der Tante, welche die Zärtlichkeit mittels Blicken und Gesten erwidert.

Schwach ist die Tante dadurch, dass sie weder isst, noch trinkt. Die Nichte verabschiedet sich und nimmt auf dem Weg zur Tür hinaus ein Strahlen mit.

Ein Strahlen, welches erkennen lässt, wie schön dieser Mensch, die Tante, war und durch ihr schönes Inneres immer noch ist.

 

Am gleichen Abend noch setzt sich die Nichte mit der Cousine, der einzigen Tochter der Tante, telefonisch in Verbindung.

Es stellt sich heraus, dass die Cousine ebenfalls nichts vom Tod der Schwester ihrer Mutter wusste.

Sie vereinbaren, vorerst nichts vom Tod der Schwester der Tante zu verlautbaren.

 

Am nächsten Tag treffen sie sich im Krankenhaus: A., die Tochter der Tante und

M., A.’  s Ehemann.

Wieder ruft die Tante erfreut: „Gabi! Da ist die Gabi“, und strahlt die Nichte an. Diese beugt sich über das Gesicht der Tante, gibt ihr einen Kuss.

„Was sagt denn die Marlies?“ Wieder die Frage nach der Schwester.

Die Frage geht der Nichte durch und durch.

Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll, auf der anderen Seite bedeutet die Nachricht der Schwester eventuell den Tod der Tante, die gesundheitlich doch sehr angeschlagen ist. Nach einem kurzen Blick hinüber zu A., ihrer Cousine, antwortet sie: „Du sollst Dich nicht sorgen, wegen der OP am Montag. Sie hat ja selbst auch ein neues Hüftgelenk und meint, dass alles gut würde.“

Dabei kann sie die Tante nicht ansehen. Die Beantwortung der stummen Frage, ob die Schwester sie besuche, nimmt sie vorweg, indem sie hinzufügt: „Die Mama kann sich ja im Moment sehr schlecht bewegen, da sie einen Herzinfarkt hatte.“

 

Dann beginnt die Nichte, ein mitgebrachtes Blumengesteck auf dem Nachttisch zu drapieren.

„Ach, die Marlies kann sich nicht bewegen? Und einen Herzinfarkt hatte sie?“

 

Schnell schaltet sich die Cousine ein: „Ich habe gestern mit Gabi telefoniert. Nach dem Herzinfarkt kann die Marlies nur noch ganz wenig laufen“.

„Ach, so“, kommt es wieder traurig und still duldend aus dem Krankenbett. Und auch: „So ist das.“

 

In die sich anbahnende Unterhaltung zwischen den beiden Cousinen hinein fragt die Tante: „Und der Karl-Heinz? Wie geht es dem Karl-Heinz?“

 

Sie weiß es, denkt die Nichte. Und wenn sie es nicht weiß, dann ahnt  sie es. Denn sie meint nicht etwa den Ehemann ihrer Schwester, sondern deren Sohn K.-H. jun., der vier Monate nach dem Tod der Mutter starb.

 

Wieder lügt die Nichte. Der Karl-Heinz jun. lebe mit einer Frau unverheiratet zusammen, so sei das ja heutzutage und fügt kurz die Lebensumstände der weiteren, noch lebenden Geschwister an.

„Ach, so“, kommt es wieder aus dem Bett. Die großen, braun-grünen Augen sehen in die Ferne, in die Ungewissheit, als ob sie dort ihre Fragen ehrlich beantwortet bekäme.

Und: „So ist das.“ Die Betonung liegt jeweils auf ‚ist’ und nicht auf ‚so’.

 

Die Cousine verabschiedet sich kurz, um im dem Krankenhaus angeschlossenen Seniorenheim die Brille ihrer Mutter zu holen. Die Tante ruft lächelnd hinterher und dabei hebt sie grüssend die Hand: „Tschoe, Anne.“

Die Cousine sagt erstaunt: „Aber, Mama. Ich komme doch wieder.“

 

In die aufkommende Stille hinein sagt die Tante: „Die Anne bleibt aber lange weg.“ Und: „Wir müssen jetzt gehen“.

Die Nichte, die sehr gut versteht, fragt, was die Tante meine und blickt den Mann der Cousine an, der seinerseits nun die Tante fragt, was sie meine mit „Wir müssen jetzt gehen.“

Die Tante indes wiederholt ihre Worte.

 

Die Nichte fragt, ob ihr, der Tante, alles ein wenig zuviel sei und sie gern ein wenig schlafen möchte.

„Ja“, sagt sie und nickt bekräftigend zu ihren Worten.

Beim Abschied sieht die Nichte der Tante in die Augen. Um die Iris herum ist dieser eigenartige hellblaue Kranz, den sie schon oft wahrnahm bei Menschen, die nicht mehr lange leben.

Und sie hat doch ein Recht auf Wahrheit, die Tante.

Deshalb, auch deshalb, hat die Nichte über Jahre sporadisch versucht, die Tante zu erreichen, ihr zu erzählen, dass ihre Mutter ihre Halbschwester geliebt hat und diese Liebe im letzten Jahr vor ihrem Tod oft in Sätzen verpackt hat, die nun immer begannen:

„ Die Ilse und ich“.

 

Damit die Tante weiß, dass ihre Gefühle und Gedanken an die Halbschwester nicht umsonst waren. Und dass sie eigentlich doch *ganz* waren in ihrer Unterschiedlichkeit.

Dass *Ganzheit* gestört wird durch Trennung, durch Gespaltetheit von andern.

 

 

©Gabililith im November2010